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Özil-Debatte Viel Liebe für Özil, viele Fragen an Özil

DFB-Integrationsmann Cacau verteidigt Verbandschef Grindel, Legende Lienen attackiert Löw, der kurdischstämmige Profi Naki nimmt Özil in die Pflicht.

Atletico Madrid - FC Arsenal
Mesut Özil (rechts) erfuhr vom kurdischstämmigen Fußballprofi Deniz Naki harte Kritik. Foto: dpa

Ewald Lienen hat die Angewohnheit, mächtig in Rage geraten zu können. Unvergessen ist die Szene, als der einstige Klassestürmer Anfang der 1980er Jahre vom Bremer Norbert Siegmann so schwer gefoult wurde, dass sein rechter Oberschenkel bis in die Muskulatur hinein aufgerissen wurde. Als der damalige Bielefelder vom Sanitätsdienst auf einer Trage an der Bremer Bank vorbeigeschleppt wurde, richtete er sich mit geballter Faust gegen den Werder-Trainer Otto Rehhagel auf, der seinem beinharten Verteidiger Siegmann zuvor die weit interpretierbare Anweisung „Pack ihn dir“ zum spektakulärsten Foulspiel der Bundesligageschichte gegeben hatte. Zum Rückspiel nach Bielefeld musste Rehhagel mit schusssicherer Weste auf der Alm erscheinen.

Lienen lässt es krachen

35 Jahre später ist Ewald Lienen Technischer Direktor des Zweitligisten FC St. Pauli und Experte für den Pay-TV-Sender Sky. In dieser Funktion hockte der 64-Jährige am Donnerstagabend im weißen Oberhemd auf einem kleinen Podium der Kneipe „Frau Möller“ in Hamburg – und ließ es mal wieder ordentlich krachen. Vor allem die beiden Trainer Domenico Tedesco und Joachim Löw bekamen eine dicke Fettschicht aufs Abendbrot geschmiert.

Den Schalker Chefcoach hatte Lienen als typischen Protagonisten für einen Nachwuchstrainer identifiziert, der viel zu schnell in die Bundesliga dränge, statt sich ausdauernd um Talente zu kümmern. Derlei persönliche Ambitionen seien hochgradig mitverantwortlich für offenkundige Probleme in der Talentförderung: „Es geht immer mehr darum, schon mit 30 Bundesligatrainer zu werden. Dabei bleibt die Individualität der Spieler auf der Strecke.“ Mal so richtig in Fahrt, beschimpfte Lienen die defensive Schalker Spielweise als „Tod des Fußballs“. Noch in der selben Nacht entschuldigte er sich dann aber bei Tedesco „in aller Form. Ich bin da weit über das Ziel hinaus geschossen“.

Keine Entschuldigung gab es ausdrücklich für den Bundestrainer. Den war Lienen bei dem Talk ähnlich hart angegangen wie Tedesco. Rückblickend auf die Weltmeisterschaft sagte der Ex-Trainer: „Ich habe nicht nur erwartet, dass wir in der Vorrunde ausscheiden, ich habe es sogar gehofft.“ Das DFB-Team hätte es nicht besser verdient gehabt: „Die Arroganz, die der DFB, Joachim Löw und die Mannschaft an den Tag gelegt haben, war hanebüchen – ich habe mich für Deutschland geschämt. Das Gesamtkunstwerk war erbärmlich.“

Löw gibt Grindel keine Rückendeckung

Es ist nicht übermittelt, ob Löw in seinem sardinischen Urlaubsdomizil von alldem etwas mitbekommt. Ohnehin ist nicht zu erwarten, dass der 58-Jährige sich dazu äußert. Löw hat sich ja noch nicht einmal zu Wort gemeldet, als sein langjähriger Lieblingsspieler Mesut Özil sich Sonntag donnernd aus der Nationalmannschaft verabschiedete. Der Bundestrainer formulierte weder ein Wort des Bedauerns über die Umstände noch über den sportlichen Verlust und auch nicht über die konkreten Rassismusvorwürfe gegen den DFB-Präsidenten Reinhard Grindel.

Grindel sollte das tunlichst zu interpretieren wissen. Jener DFB-Mitarbeiter, der im Verband mit weitem Abstand am besten bezahlt wird und vor der WM einen hochdotierten Rentenvertrag bis 2022 unterschreiben durfte, gibt dem Verbandschef öffentlich keinen Deut Rückendeckung gegen den Vorwurf, er sei ein Rassist. Das ohnehin immer schon brüchige Verhältnis Grindel/Löw erlebt in der Affäre offenbar eine tiefe Vertrauenskrise. Das sind keine guten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Statt des Bundestrainers stellte sich der Integrationsbeauftragter des Verbandes, Ex-Nationalspieler Cacau, in Interviews mit der „Bild“ und in den Tagesthemen an die Seite des Bosses. Der eingedeutschte Brasilianer sagte: „Kritik ist nicht gleich Diskriminierung oder Rassismus. Wenn ich kritisiert werde und sage dann, das passiert nur, weil ich Brasilianer und dunkelhäutig bin, dann ist das nicht korrekt und nicht erwachsen.“ Die Diskussion nehme „eine andere Richtung, als sie nehmen sollte. Man hat das Gefühl, dass Deutschland ein flächendeckendes Rassismusproblem hat“. Das sei „nicht der Fall“.

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