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Nations League Löw wünscht sich „Aufbruchsstimmung“ gegen Frankreich

Bundestrainer Joachim Löw und Mittelfeldspieler Toni Kroos sind fest davon überzeugt, dass es für die Renaissance des deutschen Fußballs gegen den neuen Weltmeister Frankreich keine Revolution braucht.

Training der Nationalmannschaft
Spürt nach 160 Spielen als Trainer keinen Druck mehr: Joachim Löw, Ballstreichler. Foto: dpa

Wenn Joachim Löw dieser Tage auf den Trainingsplatz schritt, dann in einer fast schon majestätischen Pose. Beispielsweise mit einem akkurat über das Poloshirt gebundenen Pullover. Wenn der Bundestrainer hernach seine Spieler im Kreis versammelte, baumelte allein noch die Trillerpfeife um seinen Hals. Ein Signal, dass sich Löw, der seinen einstigen Assistenten Thomas Schneider nicht mehr dabei hat, wieder mehr um seine originäre Aufgabe kümmert. Es sind eher kleine Veränderungen, die bei der deutschen Nationalmannschaft auffallen, wenn nach gerade drei gemeinsamen Einheiten gleich der Weltmeister Frankreich vorstellig wird. Der schwierigste Gradmesser, den ein Auftakt in die Nations League in der ausverkauften Arena in Fröttmaning heute (20.45 Uhr/ ZDF) hätte bieten können. 

Fall Özil ist noch immer Thema

Am Mittwoch im Mannschaftshotel stellte sich Löw im vollbesetzten Ballsaal erstmals einer internationalen Presseschar, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) im Zuge der Bewerbung für die Euro 2024 geladen hatte. Dass vor allem englische Medienvertreter noch einmal vollumfänglich die Causa Mesut Özil behandelt haben wollten, zu der Löw nur Altbekanntes wiederholen konnte („es gab nie Rassismus bei uns“), schien ihn nicht groß zu stören. Vielleicht weil der im griffigen Grün gekleidete 58-Jährige selbst froh ist, dass nach der WM-Blamage endlich die Chance zur Wiedergutmachung gekommen ist. Nicht einmal eine persönliche Belastung will er vor dem Doppelpack gegen Frankreich und Peru (Sonntag 20.45 Uhr/RTL) verspüren: „Ich habe über 160 Länderspiele gemacht als Trainer, deswegen werde ich vom Druck nicht aus der Bahn geworfen.“

Nachdem „die Trainer hart mit sich ins Gericht gegangen sind“ (O-Ton Löw), spürt er auch bei seinen Spielern „eine positive Ungeduld, die Dinge besser zu machen.“ Er wünscht sich eine „Aufbruchsstimmung, aber wir sind nicht so naiv, dass nach zwei guten Spielen alles vergessen ist, was bei der WM passiert ist.“ Man sei gewillt, „ein völlig anderes Gesicht zu zeigen.“ Oder wie es Toni Kroos formulierte: „Wir sind ein bisschen in der Bringschuld.“ Besser wäre es, Deutschlands Fußballer des Jahres hätte das Wörtchen „bisschen“ weggelassen. Bis heute wirkt doch arg rätselhaft, warum Leidenschaft und Bereitschaft eines Kickers beim bedeutendsten Turnier fehlen konnten. 

Die Kardinalfrage für die Zukunft lautet – vorausgesetzt die Basics sitzen wieder – , wie viel Löw in der Ausrichtung modifiziert, um sich den veränderten Gegebenheiten im Weltfußball anzupassen. Antwort: Es wird keine brachiale Änderung geben. „Wir werden uns nicht komplett umstellen“, beteuerte der Badener, „das wäre kompletter Blödsinn.“ Statt dessen lauten „Ausgewogenheit“ das Leitmotiv. Ein Genussmensch, der gerne am Espresso nippt, wird nicht plötzlich eine Maß Bier die Kehle hinunterstürzen. 

4-3-3-Formation als Option für die Nationalmannschaft

Löw: „Wir müssen unsere sehr riskante Spielweise anpassen, wir müssen ein Bewusstsein schaffen, das eigene Tor auf Teufel komm raus zu verteidigen.“ Diese Vorgabe bedeutet aber nicht, „dass wir unsere Visionen völlig eingraben.“ Ballbesitz werde immer Merkmal seiner Mannschaft bleiben, die spätestens in der Qualifikation zur EM 2020 wieder auf Gegner träfe, „die nur tief in der eigenen Hälfte stehen.“ 

Es macht trotzdem Hoffnung, dass einige Lektionen beim obersten Fußballlehrer des Landes angekommen sind. Den extrem hoch postierten Rechtsverteidiger Joshua Kimmich wird es beispielsweise in dieser Form nicht mehr geben, weil der Bayern-Profi damit riesige Lücken ließ. Nicht ständig, sondern nur punktuell sollten die Außenverteidiger auf Höhe der gegnerischen Abwehr schieben, erklärte Löw. Frankreich sei ein gutes Beispiel, „die bauen ihre Stärke über die Defensive auf“. So bietet sich an, dass Löw auf jene 4-3-3-Formation setzt, die sowohl Weltmeister Frankreich, Champions-League-Sieger Real Madrid als auch Meister FC Bayern pflegen – allerdings in unterschiedlicher Interpretation. 

Gemeinsam haben diese erfolgreichen Beispiele, dass der klassische Spielmacher darin gar nicht vorgesehen ist, womit der Özil-Rücktritt auch weniger ins Gewicht fallen würde. Löw ist ohnehin der Überzeugung, dass die Zehner-Position lässlich geworden ist. „Typen wie Netzer, Platini oder Zidane gibt es doch schon länger nicht mehr. Das Spiel bauen die Vier, die Sechs oder die Acht auf.“ Interessant, was der in Madrid als typischer Achter eingesetzte Toni Kroos zu dieser taktischen Expertise zu sagen hatte: „Der Weg ist nicht, was zu kopieren, was in der Mannschaft gar nicht drin ist.“ Ihr also jenen französischen Konterstil zu implantieren, den die deutsche Elf in Ermangelung eines Stürmertypen wie Kylian Mbappé gar nicht nachahmen kann. In dem Punkt funken die Führungskraft Kroos – im Verein durch einen Wellenbrecher wie Casemiro abgesichert, den das deutsche Aufgebot nicht führt – und der Fußballlehrer Löw auf einer Wellenlänge. Wenn jetzt auch noch die gesamte Mannschaft sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt, wäre das bereits eine gute Basis für einen erfolgreichen Neustart.

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