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Nationalmannschaft Ziel verfehlt, weitermachen!

Das Jahr 2018 ist für die Nationalmannschaft das schlechteste der Geschichte. Die Konsequenz für den Cheftrainer: keine. Ein Kommentar.

WM in Russland
Bundestrainer Löw am rande der Verzweiflung. Auch gegen Südkorea wollte kein Tor gelingen. Foto: imago

Im Deutschen Fußball-Bund sind die Gesetzmäßigkeiten der Branche ausgehebelt worden. Schon im Sommer war das so und jetzt im Spätherbst wieder. Im Juni ist die deutsche Fußball-Nationalmannschaft epochal gescheitert. Am Ende stürmte Torwart Neuer in seiner ganzen großen Verzweiflung im Stadion von Kasan auf Linksaußen und wurde beim Flanken geblockt. Ein Irrsinn. Der amtierende Weltmeister, düpiert bis ins Mark, bloßgestellt und lächerlich gemacht vor den Augen der Welt. Zu verantworten von einem Bundestrainer, der dieser Welt mit der Strategie und dem Personal von gestern den Fußball von morgen präsentieren wollte und erst hinterher merkte, dass er einen Trend verpennt hatte. Begleitet von einem Manager und einem Präsidenten, die am Ende des WM-Turniers öffentlich noch zerzauster gerieten als der Trainer selbst. Und die dann gemeinsam, schwer angeschlagen in der Schicksalsgemeinschaft, einfach so ähnlich weitermachten wie bisher.

Und nun das, im November: „Die Mannschaft“, entfremdet vom Publikum, abgestiegen aus der Elite der Nations League, ohne Sieg und mit nur drei eigenen Toren in vier Spielen. Die Bilanz des ganzen Jahres, die schlimmste der Verbandsgeschichte: 1,07 Punkte im Schnitt nach 13 Spielen. Das schlechteste Kalenderjahr unter Joachim Löw nach dem zuvor besten (mit 2,47 Zählern pro Partie).

Die Konsequenz auf der Cheftrainerposition: keine. Ziel verfehlt, weitermachen!

Die zuletzt von Löw vorgebrachte Erklärung, es gäbe im Sport halt auch mal Tiefs, wer das nicht kapiere, habe „den Fußball irgendwie nicht verstanden“, konterkarierte dabei seine von erstaunlicher Demut getragene Selbstanklage in der verspäteten WM-Analyse Ende August.

Löw kann ein Kämpfer sein

Und dennoch: Niemand, der nicht über seherische Fähigkeiten verfügt, kann behaupten, dass die Entscheidung zum „Weiter so“ falsch ist. Eine Entscheidung, die sich entlang eines wankenden Präsidenten Grindel erklären lässt, dessen ganze Kraft darauf ausgerichtet war, Ende September die EM 2024 ins Land zu holen. Eine offene Baustelle „Bundestrainer“ brauchte vor diesem Hintergrund niemand im DFB. Aber es lassen daneben auch gute Gründe finden, an Löw festzuhalten und die bei der Vertragsverlängerung unmittelbar vor der WM auch finanziell bindenden Ausstiegsszenarien nicht zu ziehen.

Löw hat mehrfach bewiesen, dass er imstande ist, eine verborgene kämpferische Natur zu entwickeln und sich als Fußball-Schöngeist Widerständen zu widersetzen. Es gibt ihn doppelt: Als Einsiedler, der in seiner Hybris eine Beratungsresistenz offenbart und seine Lässigkeit selbst dann noch zur Unzeit zur Schau stellt, wenn das Flaggschiff zu versinken droht. Und als Persönlichkeit mit von Fachkunde durchdrungenen Führungsfähigkeiten. Diesen Herrn Löw braucht es jetzt wieder. Jenen Mann, der das richtige Rezept entwarf, um Deutschland 2010 zu einem aufregenden Team zu coachen, und der auch 2012 stark genug war, um den Hangover des von ihm vercoachten EM-Halbfinals und bald darauf des historischen 4:4 nach 4:0 gegen Schweden zu überwinden und Deutschland 2014 den WM-Titel zu bescheren.

Irritierende Rhetorik  

Jetzt, in der aktuellen Stunde null der Nationalmannschaft, ist deren relative Qualität in Bezug zu Nationen wie England. Frankreich, Italien, Niederlande, Kroatien, Portugal so sehr gesunken, dass jeglicher Anflug von Arroganz eigentlich ausscheiden müsste. Insoweit wirkt Löws „Wir werden uns sicher für die EM qualifizieren“-Rhetorik in ihrer Absolutheit ähnlich irritierend wie vor Jahren die Behauptung von Manager Bierhoff, bei der Nationalmannschaft handele es sich um „quasi die vierte Macht im Staate“. Längst ist es Zeit für mehr Bescheidenheit. Ob das – mancher umfassend inszenierten Annäherung an die Basis zum Trotz – tatsächlich verstanden wurde, muss sich erst noch nachhaltig zeigen.

Auch die sportliche hoffnungsvolle Entwicklung, getragen von den drei Hochgeschwindigkeitsspielern Sané, Gnabry und Werner, die dem deutschen Spiel gemeinsam eine zuvor ungekannte Note verpassen, sollte nun noch zementiert werden. Für den Chefcoach ergibt sich eine heikle Managementaufgabe. Beim erfolgreichen Confederations Cup 2017 hat er gespürt, welche Power die Jugend der Jahrgänge 1995 und 1996 entwickeln kann. Bei der WM ein Jahr später war er überfordert, daraus eine gemeinsame Kraft von jung und alt zu entwickeln. Zu verfestigt war die Hierarchie der Weltmeistergeneration. Zu sehr ließ er sie gewähren.

 Auch von den übrig gebliebenen Gewinnern von Rio wird abhängen, ob die neue Versuchsanordnung zukunftsweisend ist. Nur wenn Männer wie Neuer, Hummels, Boateng, Kroos und Müller akzeptieren, dass ihre etablierte Position unbedingt angreifbar sein muss, um neue Energie zu entwickeln, kann sich daraus etwas entwickeln. Ob die Arrivierten mit dieser neuen Situation so vorbildlich zum Wohle des großen Ganzen umgehen wie vormals Leute wie Lukas Podolski oder Per Mertesacker, wird spannend zu beobachten. Nur dann kann der Bruch der Hierarchie ein Aufbruch werden. Werden Joachim Löw und Oliver Bierhoff im Verbund die Autorität, Hingabe und Finesse aufbringen, das erfolgreich zu moderieren? Oder haben sie sich zu sehr abgenutzt?

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