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Nationalmannschaft Verein vor Verband

Mehr denn je sieht sich der DFB mit dem Umstand konfrontiert, dass die Klubs den Spielern wichtiger sind als die Nationalmannschaft. Ein Kommentar.

Joachim Löw
Grundsätzlich sollte die „Löw macht, was er will“-Ära ab sofort für beendet erklärt werden. Foto: imago

Joachim Löw ist nicht unbedingt für übermäßige Reisetätigkeit bekannt, was daran liegen mag, dass es dem Bundestrainer mächtig auf den Senkel geht, wenn er im Zug erkannt wird und die Leute aus diesem Anlass vor Begeisterung gern mal „Jogi Löw ist der beste Mann“-Liedgut verbreiten. Dennoch hätte es sich gehört, sich endlich mal die Mühe zu machen, den alljährlich in der Sommerpause stattfindenden Internationalen Trainerkongress des Bundes Deutscher Fußballlehrer zu besuchen. Einerseits, weil Löw damit Respekt und Präsenz gegenüber den Kollegen demonstriert hätte, andererseits aber auch, weil dort Input für seine Arbeit zu erwarten gewesen war. Es gibt ja außer der Bahn auch noch das gute alte Automobil zur Anfahrt von Freiburg nach Dresden.

Grundsätzlich sollte die „Löw macht, was er will“-Ära ab sofort für beendet erklärt werden, aber im Verband taumeln sie alle miteinander derzeit angeschlagen durch die Gänge oder sind in der sportlichen Hierarchie deutlich unterhalb des Bundes-Jogis eingeteilt. Es gibt ergo niemanden, der als Korrektiv auf Augenhöhe seriös in Frage käme, Manager Bierhoff maßvoll ausgenommen, aber der hat genug mit seinen eigenen Geschäftsfeldern zu tun.

Weil Löw ein kluger Mann ist und außerdem die Kunst des freien Wortes beherrscht, darf man ziemlich sicher sein, dass er am 29. August eine große Rede halten wird. Kapitän Manuel Neuer äußerte nun, er erwarte gewichtige Veränderungen – der Torwart hat so etwas natürlich nicht ohne vorherige Absprache mit dem Bundestrainer öffentlich bekundet. Neuers Forderung, künftig „wieder die Spieler da zu haben, die auch wirklich stolz sind, für die deutsche Nationalmannschaft zu spielen und alles dafür geben, für das eigene Land zu spielen“, lässt den einfachen Schluss zu: Bei der WM gehörten zu viele Spieler zum DFB-Kader, für die diese Prämissen nicht galten. Spieler, für die der Vereinsfußball offenbar inzwischen einen größeren Stellenwert erlangt hat als der Einsatz im Hemd mit dem Bundesadler. Spieler, der ihre Teamkollegen spüren lassen, dass sie im Klub gewohnt sind, mit bessern zu kombinieren.

Es ist eine Entwicklung, die ja nicht völlig neu ist. Die Gewichte haben sich spürbar verschoben, hin zum Geschäftsbetrieb Verein, weg vom ehrenvollen Einsatz im Verband, Löw hat das jahrelang geschickt moderiert, indem er seinen Auserwählten zusätzliche Freiräume schenkte. Die nominierten Spieler brauchten zuletzt erst mittwochs zu Spielen am Wochenende anreisen, zu denen sie früher Sonntagabends im Kreis des DFB erwartet worden waren. Die Profis zahlten das geschenkte Vertrauen während der WM-Qualifikation mit Leistung zurück. Warum das in Russland nicht mehr gelang, bleibt das Mysterium, das Löw bei seiner Ansprache an die Nation erklären dürfte.

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