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Nationalmannschaft Taten statt Worte

Die Erwartungen für den Neubeginn unter der alten Führung sind bei der deutschen Nationalmannschaft klar formuliert: Länderspiele zu Testzwecken will die DFB-Spitze nicht mehr sehen.

Präsentation der Analyse zur Fußball-WM
Steht verstärkt selbst unter Beobachtung: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: Lino Mirgeler (dpa)

Auch in der Quartierfrage muss eine neue Herberge nicht gleich besser sein. Altbekanntes verströmt häufig mehr Behaglichkeit. Also wohnt der Tross der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auch nach seiner Verschlankung in München an einem traditionellen Ort: Im Luxushotel am Tucherpark, wo die klimatisierten Zimmer einen Panoramablick auf den Englischen Garten bieten. Drinnen wie draußen sind die meisten Laufwege bekannt.

Fünf Nächte werden die bereits in der Vorwoche von Joachim Löw nominierten Nationalspieler hier verbringen, wobei Jonas Hector (1. FC Köln) als einziger Zweitligaakteur wegen angeblich zu hoher Belastung abgesagt hat. Der 28-Jährige fühle sich derzeit nicht auf dem „höchsten Level“ hieß es – ein Verzicht ist dann folgerichtig. 

Nun sollen bitte Taten folgen

Verbleibt ja immer noch ein 22-köpfiges Aufgebot mit 16 WM-Fahrern, das zum Neubeginn in der Nations League gegen Frankreich (Donnerstag 20.45 Uhr/ ZDF) und im Freundschaftsspiel gegen Peru (Sonntag 20.45 Uhr/ RTL) gefordert ist. Den vielen Worten, die der Bundestrainer am vergangenen Mittwoch bei der ausschweifenden Analyse des WM-Versagens anbrachte, sollen nun bitte Taten folgen. Am Sonntagabend hat DFB-Vizepräsident Rainer Koch in der Sky-Fußballdebatte den kurzfristigen Erwartungshorizont benannt – deutlicher, als es wohl je Präsident Reinhard Grindel formuliert hätte: ein engagierter Auftritt gegen den Weltmeister lange beileibe nicht, sondern Lackmustest für die neue Haltung wird eher der Test drei Tage später. In Sinsheim soll sich die DFB-Auswahl bloß keinen Leistungsabfall leisten, der durch eine zu lässige Personalauswahl der sportlichen Leitung ausgelöst wird.

Koch: „Gegen Frankreich muss ein sehr gutes Länderspiel abgeliefert werden, das wir dann hoffentlich auch gewinnen. Gegen Peru ist für mich schon wichtig, dass ein Freundschaftsspiel ernst genommen wird. Das muss sich darin dokumentieren, welche Mannschaft auf den Platz geschickt wir. Dass nicht wieder darüber diskutiert, welche Spitzenspieler alle geschont werden müssen, damit im allerersten Schritt ein gutes Verhältnis zwischen den Fans und der Nationalmannschaft zurückgewonnen wird“, verlangte der einflussreiche DFB-Vize. Der Amateurvertreter erlaubte sich diese Forderung, weil der von ihm geleitete Bayerische Fußballverband allein 26 000 Karten über seine Vereine, vorwiegend an Jugendfußballer, abgegeben hat. So wäre, berichtete Koch, schon jetzt garantiert, dass weit über 60 000 Besucher nach München-Fröttmaning strömen würden. Er könne alle beruhigen, die leere Ränge befürchtet hätten. 

Aber die schönste Verpackung mit in diesem Fall vollen Tribünen nützt wenig, wenn der Inhalt, sprich die Gegenleistung auf dem Platz, nicht stimmt. An der Einstellung soll es nicht liegen, hat Löw vorsorglich versprochen: „Wir nehmen die Nations League sehr ernst.“ Führungsspieler wie Mats Hummels und Thomas Müller, die ein Heimspiel bestreiten, wissen, dass es aber um mehr als ein gutes Abschneiden in der Dreiergruppe gegen Frankreich und die Niederlande geht. Hummels ist sich sicher, „dass man von der ersten Trainingseinheit ein sehr großes Engagement bei jedem Einzelnen sehen wird“. Aus Hummels Perspektive reichen die Rochaden mit den drei Neulingen Thilo Kehrer, Kai Havertz und Nico Schulz, weil Forderungen nach noch mehr Personaltausch „populistisch“ seien.

Arrivierten behalten nur ein Bleiberecht

Gleichwohl: Die Arrivierten behalten nur ein Bleiberecht, wenn sie die Kardinalfehler aus dem Vorlauf und dem Turnier in Russland schleunigst abstellen. Dass die Mannschaft speziell im letzten WM-Gruppenspiel gegen Südkorea in Rückwärts- und Vorwärtsbewegung wie ein ausgelaugtes Amateurteam auftrat, bei dem sich die einen bloß ums Verteidigen, die anderen ums Angreifen kümmern und dazwischen ein unbesetzter Raum fast so groß wie der Frankfurter Römer klafft, sollte nicht wieder passieren. Immerhin: Eine bessere Balance, bei der sich Löw an der 2014er-Mannschaft („da hatten wir die goldene Mitte“) orientieren möchte, steht oben auf dem Lehrplan.

Nicht auf der Agenda taucht vorerst ein öffentliches Training auf. Die angesetzten Einheiten sind ausnahmslos für Medienvertreter einsehbar, davon nur die erste Viertelstunde, in der die Kicker den Körper auf Temperatur bringen. Die Trainingsstunden mit Zugang für jedermann sollen erst im Herbst beispielsweise in Leipzig organisiert werden, hat Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff angekündigt. Somit ist doch erst einmal vieles beim Alten geblieben, aber Löw und Bierhoff sind überzeugt, dass sie die notwendigen Korrekturen anbringen können, um in die Erfolgsspur zurückzukehren. Spieler wie der bei Paris St. Germain beschäftigte Julian Draxler teilten am Montag nach der Ankunft die Ansicht: „Wir sind immer noch Deutschland. Wir haben natürlich einen großen Knicks bekommen durch die WM. Aber ich glaube, dass wir uns nicht verstecken müssen vor Nationen wie Frankreich.“ Nach dem Statement verschwand Draxler gleich dort, wo die Nationalmannschaft zuletzt ja immer residierte, wenn sie in der bayerischen Landeshauptstadt gastierte.

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