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Nationalmannschaft Löw: Abstieg ist „kein Weltuntergang“

Bundestrainer Joachim Löw bringt die These vor, die Nations League auf einmal zu hoch gehängt zu haben – und beim Test in Leipzig gegen Russland sei das Ergebnis auch „nicht allzu relevant“.

Jogi Löw
Nationaltrainer Jogi Löw auf dem Trainingsplatz. Foto: dpa

Eigentlich sah das beim ersten Training der deutschen Nationalmannschaft in Leipzig richtig gut aus. Wegen der dichten Wolkendecke über der Messestadt war das Flutlicht über dem Trainingsgelände am Cottaweg angeschaltet, und dann packte Joachim Löw selbst mit an, die kleinen Metalltore abzuräumen. Mit der Reduzierung seiner Assistenten geht einher, dass sich der Bundestrainer in der Alltagarbeit nicht mehr auf die Zuschauerrolle beschränkt, sondern vermehrt fleißig mit anpackt. Er beginnt die Übungsformen mit kurzen klaren Kommandos („flache Bälle“) und beendet sie mit einem lauten Pfiff.

Das Freundschaftsspiel gegen Russland (Donnerstag 20.45 Uhr/RTL) soll aus der bei weitem nicht ausverkauften Leipziger Arena am Elsterbecken einen Fingerzeig liefern, ob „die Phase des Umbruchs“ (O-Ton Löw) in die richtige Richtung weist. „Die Spiele zum Jahresabschluss wollen wir siegreich gestalten.“ Aber gleichzeitig schränkte Löw am Vorabend bei der obligatorischen Pressekonferenz schon wieder ein: „Das Ergebnis ist nicht allzu relevant.“ Dabei geht an Wiedergutmachung eigentlich kein Weg vorbei: Bei nur drei Siegen, aber sechs Niederlagen im Länderspieljahr 2018 sollte die Bilanz sich nicht noch weiter verschlechtern, die schon jetzt Negativrekord in der 111-jährigen Länderspielgeschichte bedeutet.

Ebenso wirkte es ein bisschen merkwürdig, wie der 58-Jährige nebenbei die Nations League kleinredete, jenen neuen Wettbewerb, in welchem die DFB-Auswahl in Gelsenkirchen zum Abschluss gegen die Niederlande (Montag 20.45 Uhr/ARD) antritt: „Wir haben den Fehler gemacht, die Nations League zu hoch zu hängen“, bekundete Löw, ein Abstieg sei doch „kein Weltuntergang.“ Und: „Wenn wir absteigen, müssen wir das so hinnehmen.“

EM-Qualifikation als Gradmesser

Nach seiner Doktrin sei nur die EM-Qualifikation 2020 der Gradmesser. Auch das klang plötzlich wie ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver. Jetzt, da seine Mannschaft bei einem Sieg der Niederländer gegen Frankreich am Freitagabend bereits vor dem letzten Pflichtspiel absteigen und dabei nur tatenlos zuschauen kann, ist das erschaffene Wettbewerbsformat auf einmal nicht mehr wichtig. Eine etwas krude Argumentationskette, die der Südbadener da knüpfte.

Zwar hängt von den Spielen nur dann seine persönliche Zukunft ab, wenn es – wie vor viereinhalb Wochen beim 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande – zu einem völlig Systemabsturz kommt. Aber es geht grundsätzlich um das gesamte Erscheinungsbild und die Stimmung rund ums Nationalteam. Und daran hängen ja auf lange Sicht auch Verhandlungspositionen bei Vermarktungsfragen oder Fernsehverträgen. Eine so merkwürdig schlaffe Haltung ist da fast schon geschäftsschädigend.

Zumal der 58-Jährige ja selbst Verständnis für die Zurückhaltung der zahlenden Kundschaft äußerte und selbstkritisch bekundete: „Wir können nicht erwarten, dass uns die Fans die Bude einrennen. Das hat schon etwas mit unseren Leistungen zu tun.“ Einen der besten aktuellen Bundesligaspieler bekommt das sächsische Publikum nicht zu sehen: Marco Reus, Kapitän von Borussia Dortmund, werde wegen eines geschwollenen Mittelfußes nicht mitspielen können, sagte Löw. Ob ein Einsatz am Montag gegen die Niederlande Sinn mache, müsse man sehen. Anders ist der Fall bei Mats Hummels gelagert: Dass der dafür mannigfaltig kritisierte Abwehrspieler des FC Bayern wegen „ein bisschen Schnupfen“ das Spitzenspiel nicht absagen wollte, sei aus seiner Sicht verständlich, so Löw. „Er hatte ja kein Fieber. Es spricht für seinen Ehrgeiz.“

Manuel Neuer im Tor

Definitiv wird Klubkollege Manuel Neuer  gegen die Russen das deutsche Tor hüten. Den Gegner hat Löw unter Führung des befreundeten Kollegen Stanislaw Tschertschessow als „auffällige aggressive, professionelle Mannschaft“ gelobt. Die drei schnellen Angreifer Leroy Sané, Serge Gnabry und Timo Werner sollen sich wieder nach Herzenslust austoben. „Die Tendenz“, sagt Löw, „geht dahin, die drei haben das gegen Frankreich gut gemacht.“ Der Bundestrainer schränkte allerdings ein, dass niemand im Kader ein Niveau von Torjägern wie Edinson Cavani (Paris St. Germain), Luis Suarez (FC Barcelona) oder Robert Lewandowski (FC Bayern) verkörpere. „Stürmer mit Weltklassequalität haben wir nicht.“ Ein bisschen ist das natürlich auch eine persönliche Rechtfertigung für die anhaltende Torflaute mit lediglich acht eigenen Treffern in zehn Spielen 2018. Eine beschämende Bilanz.

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