Lade Inhalte...

Nationalmannschaft Es ist noch viel zu tun

Die deutsche Nationalmannschaft hat zur Weltspitze noch einen weiten Weg vor sich – und vermutlich auch noch einige Liegestütze.

Nico Schulz und Joshua Kimmich
Die Matchwinner in Sinsheim: Torschütze Nico Schulz (Mitte) und Joshua Kimmich (rechts). Foto: dpa

Es dient der guten Sache, dass die letzte Frage einer Pressekonferenz bei der deutschen Nationalmannschaft mitunter ein Kinderreporter von Herzenswünsche e. V. – einem Verein für schwer erkrankte Kinder und Jugendliche – stellen darf. In der Rhein-Neckar-Arena von Sinsheim war am späten Sonntagabend Jean-Pierre Löffler an der Reihe, der vorne rechts in der ersten Reihe gewartet hatte, bis ihm jemand das Mikrofon reichte.

Der 13-Jährige aus der Gemeinde Wüstenrot wollte von Joachim Löw wissen, ob er, der Bundestrainer, denn auch zur Strafe zehn Liegestütze verordnen würde, wenn Nationalspieler reihenweise Chancen ausließen wie gerade beim mit Ach und Krach gewonnenen Freundschaftsspiel gegen Peru (2:1). Offenbar gelten solche Regeln bei der SGV Freiberg Fußball, wo der Junge kickt. Der Fußballlehrer auf dem Podium hatte die Frage zunächst nicht verstanden, griff die Idee aber nach der Wiederholung sogleich als Anregung auf. „Ab Oktober machen wir das. Da müssen sie wahrscheinlich eine ganze Menge machen!“ Löw lächelte selig. Dann bekommen Spieler wie Marco Reus oder Timo Werner vielleicht schnell auch so kräftige Oberarme wie ihr Trainer.

Irgendwie beruhigend, dass nachwachsenden Generationen nicht verborgen blieb, was DFB-Stadionsprecher Oliver Forster übertönen wollte. „Was für ein fröhliches und friedliches Fußballfest!“, brüllte der Marktschreier nach Schlusspfiff. Nur wer Länderspiele durch schwarz-rot-goldene Brillen mit rosafarbenem Rand betrachtet, konnte den ersten Sieg nach dem WM-Desaster in dieser Kategorie verorten. Mentalität und Moral belobigte auch Löw, aber gleichwohl wusste der 58-Jährige, dass mangelhafte Effizienz sich wie ein roter Faden durch die jüngere Vergangenheit zieht. Und auch die fehlende Struktur der zweiten Halbzeit war ihm nicht verborgen geblieben.

Ergo: „Damit sich die Fans wieder voll und ganz mit der Mannschaft identifizieren können, braucht es noch einige sehr gute Leistungen.“ So war der teils vogelwilde Schlagabtausch gegen spielstarke Südamerikaner weder Fortschritt noch Rückschritt.

Dass Löw dennoch entspannt wirkte, dürfte damit zu tun haben, dass er spürt, diese Mannschaft noch packen zu können. Der Entfremdungsprozess soll sich bei der krachend gescheiterten Mission Titelverteidigung in Russland auch zwischen Trainer und Spielern abgespielt haben. Irgendwann schwebte der Planet Löw in einer fremden Galaxie.

Nun haben die meisten wieder den bodenständigen Auftrag verinnerlicht, dass sie die von ihnen einst mühsam errichteten Grundwerte bei jedem Auftritt leben müssen. Oder wie Löw sagte: „Wir stehen unter Beobachtung.“ Aber er habe auch gesehen: „Der Ehrgeiz brennt, die WM auszumerzen. Wir haben bis zum Schluss gekämpft, auch wenn das Tor auf glückliche Art und Weise fiel.“ Debütant Nico Schulz war selbst ziemlich erstaunt, dass sein nicht sehr tückischer Schuss zum Siegtreffer über die Linie trudelte (85.). „Der Torwart kann ihn halten. Aber was soll ich sagen, ich freue mich mega“, berichtete der gebürtige Berliner.

Mängel im Abwehrverhalten waren beim Lokalmatador der TSG Hoffenheim explizit beim 0:1 von Luis Advincula (22.) offenkundig, weswegen der nächste Proband auf der notorischen Problemstelle des Linksverteidigers auch einen Löw-Rüffel verpasst bekam: „Beim Gegentor kann er den Ball wegschlagen.“ Dennoch könne der 25-Jährige der Mannschaft mit seiner Dynamik helfen und dürfe in den nächsten Spielen wiederkommen.

Ein anderer hat bereits eine Stammplatzgarantie erhalten: Joshua Kimmich hat den Bundestrainer im Doppelpack auf der Sechserposition im neuen 4-3-3-System umfänglich überzeugt. Deutschland hat seinen Casemiro auf der Königsposition gefunden: Eine Absicherung wie den brasilianischen Abräumer vom Champions-League-Sieger Real Madrid hatte Toni Kroos sich ja herbeigewünscht, aber keine Idee gehabt, wer derjenige sein solle. Nun hat Löw einfach seinen angestammten Rechtsverteidiger herbeigezaubert. Der auf dieser Position in Stuttgart ausgebildete 23-Jährige freundet sich mit der Rolle an. „Es ist ein anderes Anforderungsprofil, aber ich habe versucht, mutiger zu spielen.“

Ein ausbalanciertes Grundgerüst braucht es, wenn die deutsche Mannschaft in der Nations League zu den Auswärtsspielen in Amsterdam gegen die Niederlande (13. Oktober) und in Paris gegen Frankreich (16. Oktober) antritt. Löw kann sich mit diesem Wettkampfmodus durchaus anfreunden, hält es doch alle Protagonisten – den Südbadener inklusive – unter Spannung. Und wenn es einer zu sehr schleifen lässt, bietet sich ja immer noch die neue Strafmaßnahme an, über die in Sinsheim am Ende gesprochen wurde. Liegestütz, bis der Oberkörper brennt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen