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Nationalmannschaft Auf Distanz zum Pöbel

Mats Hummels spricht angesichts von Nazi-Parolen von einer „Katastrophe“. Der DFB findet es „konsequent und richtig, dass unsere Mannschaft deutliche und bemerkenswerte Signale an diejenigen ausgesendet hat, die niemand im Stadion haben will“

Prag
Gesellen mit einem ganz eigenen Bild von Geselligkeit beim deutschen Länderspiel in Prag. Foto: rtr

Bei Pressekonferenzen wie jener am Sonntag in Stuttgart vor dem dort am heutigen Montag (20.45 Uhr, RTL) stattfindenden WM-Qualifikationsspiel der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Norwegen geht normalerweise der Blick voraus. Diesmal war es anders. Diesmal blickte der Bundestrainer aus gegebenem Anlass zurück auf die negativen Begleiterscheinungen des 2:1-Sieges am Freitag gegen Tschechien in Prag.

Vor Ort hatte Joachim Löw, im Gegensatz zu vielen Spielern, von den Pöbeleien und Naziparolen deutscher Stadionbesucher nicht allzu viel mitbekommen. Inzwischen ist er voll im Bilde und verzichtet darauf, irgendetwas klein zu reden: „Ich bin voller Wut und sehr, sehr angefressen über das, was passiert ist. Dass einige sogenannte Fans die Bühne des Fußballs und eines Länderspiels benutzen, um mit ihren oberpeinlichen Auftreten viel Schande über unser Land zu bringen.“ Er sei „klar auf der Seite, die absolut harte Sanktionen fordert“, bekundete der 57-Jährige, „jeder von diesen Leuten, der nicht ins Stadion kann und darf, ist ein absoluter Gewinn.“ Das Verhalten „dieser Chaoten“ sei „unterste Schublade und zutiefst verachtenswert“.

„Sieg“ und „Heil“ und Pöbelgesänge

Deutsche Nationalspieler hatten sich, angeführt von Matchwinner Mats Hummels, bereits vor Ort in Prag sehr deutlich gegen jene Männer gewandt, die mehrfach negativ aufgefallen waren. „So einen Schmarrn brauchen wir auf gar keinen Fall bei unseren Spielen“, sagte Hummels und bezeichnete das Verhalten der zwar zahlenmäßig übersichtlichen, gleichwohl lautstärksten Gruppe deutscher Fans als „Katastrophe“ und „ganz schlimm“.

Schon während der tschechischen Hymne und einer Schweigeminute für zwei verstorbene Fußballfunktionäre hatten etwa 200 deutsche Anhänger zeitgleich Schlachtrufe und Pöbelgesänge angestimmt. Durchaus möglich, dass es sich bei den Krakeelern um Gewalttäter der schwersten Kategorie C handelt, die in deutschen Arenen Stadionverbote haben. Später beschimpften sie den deutschen Torschützen zum 1:0, Timo Werner, als „Sohn einer Hure“ und einigten sich mehrfach lautstark auf die zur Genüge bekannten Beschimpfungen des Verbandes: „Scheiß DFB“ und „Fußballmafia DFB“. Zudem war ein Wechselgesang aus „Sieg“ und „Heil“ zu hören.

Die deutschen Spieler lehnten es am Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen 1939 angesichts der verbalen Geschmacklosigkeiten in einer Stadt, die im Zweiten Weltkrieg unter den Nazis sehr gelitten hat, nach dem Schlusspfiff geschlossen ab, sich zur Fankurve zu begeben, in der die Minderheit der aggressiven Störer den Ton angab. „Das sind keine Fans, das sind Krawallmacher, Hooligans, die nichts mit Fußballfans zu tun haben“, sagte Hummels, „deren Verhalten war so weit daneben, dass es bei uns schnell klar war, dass wir da nicht hingehen. Tut uns leid für die, die das nicht gerufen haben.“

„Solche Leute aus dem Stadion rauskriegen“

Der Abwehrchef ging noch mehr in die verbale Offensive: „Die Leute, die rufen, dass gewisse Institutionen den Fußball kaputt machen, machen ihn am Ende selber kaputt. Das machen sie wissentlich. Wir müssen zusehen, dass wir solche Leute aus dem Stadion rauskriegen.“ Mitspieler Julian Brandt argumentierte ähnlich deutlich: „Wenn da Gesänge mit nationalsozialistischem Hintergrund zu hören sind, gibt es für uns keinen Grund, da noch hinzugehen und das zu unterstützen!“

Friedrich Curtius, der Generalsekretär des Deutschen Fußball-Bundes, bezeichnete die Bilder aus Prag als „erschütternd und beschämend“ und begrüßte es am Wochenende im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau ausdrücklich als „konsequent und richtig, dass unsere Mannschaft deutliche und bemerkenswerte Signale an diejenigen ausgesendet hat, die niemand im Stadion haben will.“ Es sei „völlig inakzeptabel, die Hymnen und eine Schweigeminute durch Schmähgesänge zu stören“.

Teammanager Oliver Bierhoff hatte anwesenden Reportern am Freitagabend noch geraten: „Ich würde einfach mal vorschlagen, dass wir nicht mehr drüber schreiben.“ Kurz darauf kam der Auftritt von Hummels.

DFB-Präsident Reinhard Grindel, der in Prag wie Curtius auf der Tribüne saß, meldete sich am Samstag zur Wort: Es sei „ein klares Signal, das die Mannschaft da ausgesendet hat“. Der Verbandschef, der sich derzeit vehement um eine Annäherung an die Fanszene müht, ergänzte: „Wir werden niemals faschistische, rassistische, beleidigende oder homophobe Schlachtrufe dulden. Gemeinsam – als Mannschaft, Fans und DFB – müssen wir uns diesen Krawallmachern entgegenstellen.“

Beim DFB war bekannt gewesen, dass mutmaßlich Störer vor allem aus östlichen Bundesländern sich nach Prag aufmachen würden. Diese Klientel hatte sich die Eintrittskarten entweder im Internet oder vor Ort besorgt oder war ohne Ticket in die Edenarena gelangt. Vor dem Spiel war es nach FR-Informationen sogar zu einem Blocksturm gekommen.

Hooligans überrennen Ordner

Mehrere Dutzend Hooligans aus Deutschland hatten die überforderten tschechischen Ordnungskräfte einfach überrannt, dabei Gitter eingedrückt und schon im Umlauf des Stadions Pyrotechnik gezündet. Offenbar handelte es sich dabei um Schlägertrupps aus Dresden, aber wohl auch unter anderem aus Frankfurt, Köln und Hannover.

Der DFB, der in Prag mit zehn Ordnungskräften vor Ort war, ist bemüht, derartige Exzesse zu vermeiden, indem er Eintrittskarten an die eigenen Fans nur über ein personalisiertes Voucher-System verteilt. Auf diesem Weg waren exakt 1289 Tickets verkauft worden. Weil die Partie aber bei weitem nicht ausverkauft war, konnten Fans völlig problemlos über andere Kanäle an Karten kommen. Generalsekretär Curtius ärgert das ganz grundsätzlich: „Damit wird jedes Sicherheitssystem ad absurdum geführt.“ Er fordert bei internationalen Spielen „für Gästefans eine konsequente Personalisierung der Eintrittskarten“ und will das Thema in dieser Woche als neues Mitglied der zuständigen Uefa-Kommission ansprechen.

Im Gegensatz zum EM-Qualifikationsspiel vor zehn Jahren, als es auch in der Prager Innenstadt zu massiven Ausschreitungen deutscher Hooligans gekommen war, blieb es am völlig verregneten Freitag ruhig im Zentrum der tschechischen Hauptstadt. Bereits in den Tagen vor dem Spiel hatte die Dresdner Polizei sogenannte Gefährderanschreiben verfasst. 27 Männer aus der gewalttätigen oder gewaltbereiten Szene von Dynamo Dresden im Alter zwischen 20 und 35 Jahren waren deshalb von Beamten aufgesucht worden.

Schlupflöcher für notorische Gewalttäter

Es handelte sich dabei um Leute, denen die Bundespolizei bereits während der EM 2016 die Ausreise verweigert hatte oder die bei Ausschreitungen in Lille mit einer Reichskriegsflagge posiert hatten. „Die Gefährderanschreiben sollen die Personen von Straftaten abhalten“, hieß es in einer Pressemitteilung der Polizei, die „aufgrund der örtlichen Nähe zur tschechischen Hauptstadt von einer Anreise gewaltbereiter Fußballfans aus Dresden und Umgebung“ ausgegangen war. Eine offenbar realistische Einschätzung, die der Leipziger Stürmer Timo Werner angesichts der Pöbeleien gegen seiner Person so kommentierte: „Man weiß ja, was hier ungefähr in der Nähe liegt von Prag. Also kann man sich seinen Teil denken. Das hat wahrscheinlich nicht viel mit meiner Person zu tun, sondern mit dem Konkurrenzkampf.“

Eine flächendeckende Überwachung der Straßen von Dresden nach Prag ist der Polizei nicht möglich gewesen, für notorische Gewalttäter gab es viele Schlupflöcher, zudem haben weder DFB noch deutsche Polizei die Möglichkeit, in Tschechien Ermittlungen gegen diejenigen voranzutreiben, die sich in der Edenarena gravierend danebenbenommen haben.

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