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Mesut Özil Zerreißprobe im Fall Mesut Özil

Die Özil-Debatte stellt den DFB auf eine harte Probe, DFB-Chef Grindel bricht seinen Urlaub ab.

Özil trifft
Mesut Özil läuft als Kapitän für Arsenal im Test gegen Paris Saint-Germain auf und trifft. Foto: dpa

Der Frankfurter Sportvorstand Fredi Bobic hat sich an der Debatte um den vor einer Woche aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetretenen Mesut Özil beteiligt. Während der Spieler beim 5:1 des FC Arsenal im Test in Singapur gegen Paris Saint-Germain als stolzer Kapitän auflief und ein Tor erzielte, sagte Bobic der „Bild am Sonntag“, der von Özil geäußerte Rassismusvorwurf gen Deutschen Fußball-Bund sei „unerträglich“ und entspräche „einfach nicht der Realität.“ Özil sollte sich der Tragweite seiner bewusst sein: „Klar, er kann sich jetzt in der Türkei abfeiern lassen. Aber das ist ein Trugschluss. Weil er im Endeffekt nur benutzt wurde, um zu spalten – vor allem hier in Deutschland.“

Sorge um die EM-Bewerbung

Bobic ist der erste prominente Bundesligavertreter, der dem DFB derart populär zur Seite rückt. Mit Blick auf die deutsche EM-Bewerbung, die am 27. September zwischen dem DFB und dem türkischen Verband vom Uefa-Exekutivkomitee entschieden wird, sagt der Frankfurter im Bezug auf die Özil-Erdogan-Debatte: „Ja, sie schadet uns. Vor allem, wie wir im Ausland wahrgenommen werden.“ Ein Scheitern der favorisierten deutschen Bewerbung wäre „eine ganz große Niederlage. Das würde den DFB zerreißen und Köpfe kosten ohne Ende“.

Präsident Reinhard Grindel, darüber ist man sich in der Branche weitgehend einig, wäre dann nicht mehr zu halten. Der Verbandschef hat seinen Österreichurlaub vorzeitig abgebrochen. Es heißt, der Politprofi sei sich vollkommen bewusst, wie eng es für ihn nach nur 27 Monaten im Amt inzwischen geworden ist. Gut für Grindel: Die Deutsche Fußball-Liga steht hinter ihm, dort denkt man ähnlich wie Bobic. Im eigenen Haus sind kritische Töne kontra Grindel weniger wegen des aktuellen Krisenmanagements zu hören, sondern grundsätzlich wegen seines regelmäßig ruppigen Führungsstils. Das fällt ihm jetzt auf die Füße, wenngleich kein aktuell zu ermittelnder Mitarbeiter dem schwer angeschlagenen 56-Jährigen auch nur annähernd so ernsthaft wie Özil vorwirft, ein Rassist zu sein. 

Im DFB machen vielmehr (Verschwörungs?)-Theorien die Runde, die in der „Rhein Neckar-Zeitung“ unter der Überschrift „Das Mesut-Özil-Komplott“ beschrieben wurden. Danach sei Özil „ein Darsteller der türkischen EM-Bewerbung“, die in drei Stufen gezündet würde. Erstens: dem DFB das Etikett „Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Integrationsunfähigkeit“ umzubinden. Zweitens: den „Kopf des Gegners zum Sündenbock machen“. Drittens: die Wahl im September. 
Laut „Bild“-Zeitung wollen Bundestrainer Joachim Löw und/oder Manager Oliver Bierhoff sich „zeitnah“ mit Özil unterhalten. Das erscheint längst überfällig. Bobic erwartet von Löw alsbald eine öffentliche Entgegnung auf Özils Veröffentlichungen: „Sein Wort hat Gewicht. Er ist gefordert, Stellung zu beziehen.“ Ersatzweise hat das Löws Berater Harun Arslan via „Bild am Sonntag“ getan und dabei Özil kritisiert: Die Rassismusvorwürfe seien substanzlos, „mit dieser Aussage ist Mesut klar über das Ziel hinausgeschossen.“ Arslan, für dessen Agentur auch Özils Berater Erkut Sögüt arbeitet, warnte grundsätzlich davor, „mit dem schweren Vorwurf des Rassismus zu schnell um sich zu werfen“. 

Derweil wird in Deutschland im Zuge der Özil-Debatte kontrovers über den Alltagsrassismus diskutiert. Sinem Taskin, Leiterin des Büros der Hessischen Umweltministerin, sagte dem „Spiegel“, sie beobachte „mit Sorge“ an sich selbst, „dass ein Prozess der Entfremdung“ von Deutschland stattfinde und forderte einen „Aufstand der Anständigen“. Autorin Kübra Gümüsay ergänzte, sie sei es „gewohnt, diskriminiert zu werden“. Trotzdem habe es in Deutschland „immer ein Grundgerüst an Anstand gegeben, dem ich vertrauen konnte – das ist jetzt weg“. Der Soziologe Aladin El-Mafaalani betonte hingegen kühn: „So offen und liberal und demokratisch wie heute war Deutschland noch nie.“ Die Konflikte entstünden „weil die Gesellschaft zusammenwächst, weil viel mehr Menschen als früher ihre Bedürfnisse äußern, mitdiskutieren, mitstreiten“.

Mehmet Ali Han, der Präsident Berliner AK 07, schrieb einen Offenen Brief, den der Klub auf seiner Webseite veröffentlichte: Das „Gift des Rassismus“ nehme nicht nur in der Öffentlichkeit und der Politik zu, sondern auch im Sport. „Seit einigen Jahren sind besonders muslimische Mitbürger und Menschen türkischer Herkunft zunehmend Feindseligkeiten und Angriffen ausgesetzt.“ Özils Rücktritt hält er für eine „wegweisende Entscheidung“, Özil habe „uns Bürgerinnen und Bürgern mit türkischen Wurzeln aus der Seele gesprochen“. Und er fügte an: „Niemand sollte von uns erwarten, dass wir unsere Herkunft, unsere Kultur oder unseren Glauben verleugnen. Das werden wir niemals tun. Auf Basis unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung können wir durchaus zu unserer Herkunft stehen und gleichermaßen loyale Bürger der Bundesrepublik sein.“

Wie schließlich die „FAZ“ berichtet, hat Telekommunikationsriese Vodafone die Verbindung gekappt und die Veröffentlichung eines Werbevideo mit Özil gestoppt. „Mit der Kampagne hätten wir in der massiven Diskussion im Netz mit unserer Botschaft nicht mehr durchdringen können“, so ein Konzernsprecher. 

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