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Mesut Özil und Ilkay Gündogan Entrüstung über Özil und Gündogan

Die deutschen Nationalspieler tun sich keinen Gefallen, sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan ablichten zu lassen und auch noch ein Trikot zu überreichen - da hilft auch die Entschuldigung wenig.

15.05.2018 06:01
Erdogan
Handsigniert: Ilkay Gündogan überreicht dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan sein Trikot. Foto: dpa
Kurz vor der WM-Nominierung haben sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan durch einen Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mächtig Ärger eingehandelt. Fotos der deutschen Fußball-Nationalspieler mit dem Politiker in einem Hotel in London sorgten am Montag für Wirbel. DFB-Chef Reinhard Grindel reagierte mit harscher Kritik. Beide hätten sich für ein Wahlkampfmanöver „missbrauchen lassen“. Teammanager Oliver Bierhoff äußerte Unverständnis und kündigte eine Aussprache mit dem Duo an. Auch Politiker und die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierten die Mittelfeldspieler.
 
Gündogan zufolge sollte mit dem Auftritt keine politische Botschaft verbunden gewesen sein. „Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen“, teilte er mit. „Fußball ist unser Leben und nicht die Politik.“ 
 
Nach einem Putschversuch im Sommer 2016 hatte Erdogan einen Ausnahmezustand in der Türkei verhängt. Grundrechte sind eingeschränkt, er geht rigoros gegen Kritiker vor. Erdogan will sich am 24. Juni erneut zum Präsidenten wählen lassen. Die Opposition warnt vor einer Ein-Mann-Herrschaft. Um Wahlkampf zu machen, hielt Erdogan sich in London auf. Er traf ferner auch Cenk Tosun, den einst bei Eintracht Frankfurt ausgebildeten Stürmer, der inzwischen für den FC Everton in der Premier League spielt. 
 
„Der DFB respektiert und achtet selbstverständlich die besondere Situation unserer Spieler mit Migrationshintergrund“, teilte DFB-Präsident Grindel via Twitter mit. „Aber der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden“.
 
Die in Deutschland aufgewachsenen, türkischstämmigen Profis Özil und Gündogan ließen sich nicht nur gemeinsam mit dem Politiker ablichten, sondern überreichten ihm zudem Trikots ihrer Klubs FC Arsenal und Manchester City. Özil sendete zudem einen Tweet, der ihn offenbar bei dem Treffen mit Gündogan und Tosun zeigt und schrieb auf Englisch „in guter Gesellschaft heute Abend“, versehen mit einem zwinkernden Gesicht sowie der deutschen und türkischen Fahne.
 

Manager Bierhoff versucht, die Spieler zu schützen

 
Man habe den Präsidenten auf einer Veranstaltung einer türkischen Stiftung getroffen, sagte Gündogan. „Aus Rücksicht vor den derzeit schwierigen Beziehungen unserer beiden Länder haben wir darüber nicht über unsere sozialen Kanäle gepostet“, betonte er. „Aber sollten wir uns gegenüber dem Präsidenten des Heimatlandes unserer Familien unhöflich verhalten? Bei aller berechtigten Kritik haben wir uns aus Respekt vor dem Amt des Präsidenten und unseren türkischen Wurzeln – auch als deutsche Staatsbürger – für die Geste der Höflichkeit entschieden.“ Auf dem Trikot, das Gündogan an Erdogan überreichte, steht handschriftlich über der Signatur auf Türkisch: „Für meinen verehrten Präsidenten – hochachtungsvoll“.
Bierhoff war bemüht, zu beschwichtigen: „Die beiden waren sich der Symbolik und Bedeutung dieses Fotos nicht bewusst, aber natürlich heißen wir die Aktion nicht gut und besprechen das mit den Spielern.“ Er betonte auch: „Ich habe nach wie vor überhaupt keine Zweifel an Mesuts und Ilkays klarem Bekenntnis, für die deutsche Nationalmannschaft spielen zu wollen und sich mit unseren Werten zu identifizieren.“
 
Sportpolitisch ist der Auftritt pikant, da die Türkei einziger DFB-Konkurrent um die Ausrichtung der EM 2024 ist, die am 27. September vergeben wird. Erdogan gilt als Strippenzieher, der seinen politischen Einfluss gelten machen will, damit das Turnier in die Türkei geht. 
 

Vor allem Grünen-Mann Özdemir ist entsetzt

 
Von deutschen Politikern erhielten die beiden Spieler viel Kritik. Von allen Seiten. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU im Bundestag, Stefan Müller, zeigte sich „sehr“ irritiert. „Spieler unserer Nationalmannschaft sollten sich genau überlegen, ob sie sich wirklich von einem Autokraten so im Wahlkampf instrumentalisieren lassen wollen“, schrieb er. Die AfD-Politikerin Alice Weidel findet, Özil und Gündogan sollten nicht zum deutschen Kader für die WM gehören. Die Vorsitzende der Bundestagsfraktion schrieb auf Facebook: „Gündogan & Özil zuhause lassen!“
 
„Das, was die zwei da vorgelegt haben, spottet jeder Beschreibung, das geht gar nicht“, meinte der Grünen-Politiker Cem Özdemir, der entrüstet reagierte. „Der Bundespräsident eines deutschen Fußball-Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und das Parlament heißt Deutscher Bundestag“, sagte er. „Es sitzt in Berlin, nicht in Ankara.“ Anstatt Erdogan „diese geschmacklose Wahlkampfhilfe“ zu leisten, betonte Özdemir, „wünsche ich mir von den Spielern, dass sie sich aufs Fußballspielen konzentrieren und noch einmal die Begriffe Rechtsstaatlichkeit und Demokratie nachschlagen“. 
 
Die migrationspolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Linda Teuteberg, bezeichnete das Treffen als „Foulspiel und Eigentor gegenüber allen, die für mehr demokratisches Fairplay in der Türkei kämpfen.“ Die stellvertretende Linksfraktionschefin Sevim Dagdelen warf den beiden ein „grobes Foul“ vor. „Im Londoner Luxushotel mit dem Despoten Erdogan zu posieren und ihn auch noch als ‚meinen Präsidenten‘ zu hofieren, während in der Türkei Demokraten verfolgt und kritische Journalisten inhaftiert werden, ist ein grobes Foul“, sagte sie. Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen, Christian Mihr, meinte, Profisportler sollten ihre Bekanntheit lieber dazu nutzen, um sich für die inhaftierten Journalisten in der Türkei einzusetzen. (dpa/sid/FR)
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