Lade Inhalte...

Mesut Özil und der DFB Fußballverband im Krisenmodus

Mesut Özil stellt mit seinen Vorwürfen den DFB vor große Probleme.

Mesut Özil
Legte mit der Volljährigkeit die türkische Staatsangehörigkeit ab: Mesut Özil. Foto: dpa

Für gewöhnlich gelten Journalisten und Politiker als wortgewandt und rhetorisch geschult. Bei beinahe jedem öffentlichen Anlass hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel, sich bemüht zu belegen, dass er gleich beiden Professionen entsprang. Dass er als Fußball-Parvenü das höchste nationale Amt in dem Sport im Quereinstieg erobern konnte, soll auch daran gelegen haben, dass er mit vielen anderen Funktionären dank der unfallfreien Verwendung einiger Fremdworte leichtes Spiel hatte.

Wie heikel seine Lage nach gerade mal zwei Jahren im Amt geworden ist, belegt daher dieser Montag. Der eitle CDU-Mann Grindel, der stets den Eindruck erweckte, gern und oft vor Kameras aufzutreten und viel zu erzählen, ganz so als habe er seinen früheren Arbeitgeber ZDF nie verlassen, bestätigte dem Fernsehsender Phoenix nur, dass sein Verband eine Stellungnahme zum Rücktritt von Nationalspieler Mesut Özil veröffentlichen würde. Er nahm nicht sofort Stellung. Und in dem später veröffentlichten Papier rückte das Präsidium soweit von ihm ab, dass es keinen einzigen Satz zur Verteidigung des Bosses formulierte.

Spätestens mit dem finalen Teil seiner gedrittelten Erklärung hatte Özil am Sonntagabend den DFB-Chef selbst ins Visier genommen. Besser: nehmen lassen, denn keiner, der den eher schüchternen Özil kennt, kam nach Lektüre seines Manifests zu der Überzeugung, dieser könne auch nur ein Wort davon selbst geschrieben haben.

Den ohnehin durch sein missratenes Krisenmanagement und seine opportunistische Politik in den internationalen Gremien angezählten DFB-Chef Grindel gibt Özil zum Abschuss frei. Er beschreibt ihn als eitlen, kühlen, fremdenfeindlichen Machtpolitiker ohne große Integrität und Integrationskraft. Folgt man Özils Worten, steht an der Spitze des größten deutschen Sportfachverbandes ein Mann stark rechter Gesinnung, der eher auf die Spaltung der Gesellschaft abzielt und sich an Deutschen mit Migrationshintergrund abarbeitet.

Damit spätestens hat die Debatte um ein womöglich nur törichtes und in seinen Folgen unterschätztes Foto eines bekannten Nationalspielers einen neuen Stellenwert erhalten: Plötzlich geht es um den Integrationswillen und die -fähigkeit der deutschen Gesellschaft. Plötzlich hat nicht nur der DFB durch sein vermasseltes Krisenmanagement völlig die Kontrolle verloren.

Özil lenkt damit auch die Diskussion von ihm selbst ab: Von seiner der fehlenden Sensibilität bei einem Fototermin mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan. Und von der geradezu aberwitzigen Naivität im Erklärungsversuch Özils, er habe in dem Foto keine politische Dimension erkennen können.

Fest steht: So wenig Özil, dieser junge Deutsche mit türkischen Wurzeln, der es mit Fußball zum mehrfachen Millionär gebracht und Deutschland vor acht Jahren zu Arbeit im Ausland verlassen hat, zu jenem Symbol gelungener Integration taugte, zu dem ihn der DFB gern machte, so wenig Aussagekraft hat sein Schicksal über die Integrationsfähigkeit der deutschen Gesellschaft.

Als Straßenfußballer hatte Mesut Özil in einem dieser vergitterten Plätze deutscher Großstädte mit dem Kicken begonnen, in der Gelsenkirchener Olgastraße. „Er war sehr klein und dünn und hat kaum gesprochen“, sagte Ralf Maraun, in der F-Jugend bei Westfalia 04 Gelsenkirchen Özils erster Trainer, „aber auf dem Platz war er ein Riese und hat die Gegner fast alleine vernascht.“

Kindheit und Jugend Özils sind türkisch geprägt. Im Gefolge des Vaters Mustafa tingelte Özil an Wochenenden über die Ascheplätze des Ruhrpotts, von der Gesamtschule Berger Feld in Buer ging er mit der mittleren Reife ab. Weil Politiker wie der CDU-DFB-Mann Grindel sich gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft wehrten, musste Özil mit der Volljährigkeit wählen: Er legte die türkische ab und wurde Deutscher. Womöglich auch, weil er die Ziele so besser verwirklichen konnte: Weltmeister werden. „Fußball ist international“, hat er mal gesagt, „das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.“

Sein Vater ist immer dadurch aufgefallen, ohne Rücksicht auf die Interessen des Sohnes ein Optimum herauszuholen. Wenn Özil einen Verein wechselte, gab es häufig böses Blut. Inzwischen lässt er sich von dem promovierten Juristen Erkut Sögüt und dessen Armada managen und von Harun Arslan, dessen ARP Sportmarketing auf den englischen Markt spezialisiert ist, sich aber auch schon um die Vertragsverhandlungen des deutschen Bundestrainers Joachim Löw gekümmert hat. Sie dürften die Spin Doctoren der Nebelkerzen sein, die in Özils Erklärungen eingestreut sind.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen