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Kommentar Toni Kroos Wenn Toni Kroos bestimmt

Es ist verwunderlich, mit welchem Selbstverständnis Toni Kroos eine Sonderrolle für sich in der Nationalmannschaft beansprucht. Ein Kommentar.

Supercup Real Madrid - Atletico Madrid
Toni Kroos diktiert die Bedingungen. Foto: Marius Becker (dpa)

So wirklich ist nicht überliefert, was Joachim Löw tagaus, tagein tut. Einen Espresso in einem schicken Berliner Szenecafé an der Spree genießen? Eine Spritztour mit dem Oldtimer durch den immergrünen Schwarzwald unternehmen? Oder hat sich der Bundestrainer an einem geheimen Ort eingeschlossen, um immer noch über seiner WM-Analyse zu brüten, die am 29. August der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Mittendrin zwischen dem ersten und zweiten Bundesliga-Spieltag und kurz vor dem ersten Zusammentreffen der deutschen Nationalmannschaft für die erste Aufgabe in der neuen Nations League. Geht am 6. September ja nur gegen Weltmeister Frankreich. Nichts leichter als das.

Wenn sich Löw wirklich erst Ende August äußert, und nebenbei verrät, wen er alles nominiert und wen er nicht mehr einlädt, dann sind zwischen dem Offenbarungseid in Kasan und der Rechtfertigung in München mehr als zwei Monate vergangen. Derlei Zeitverzug in der Aufarbeitung ist ein Unding, auch wenn Gründlichkeit vor Schnelligkeit geht. Dass es keine gute Idee ist, drängende Probleme auszusitzen, zeigt das Beispiel Toni Kroos. 

Sonderrolle beansprucht

Der 86-fache Nationalspieler ist gerade erst mit großem Vorsprung zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt worden. Die Auszeichnung verdiente er sich, weil er mit seiner Spielintelligenz erheblichen Anteil am Champions-League-Hattrick von Real Madrid hatte. Viermal in der Karriere den Henkelpott hochzuhalten, ist wirklich eine Leistung. 

Dass der Mecklenburger allerdings hernach diese Spannung bei der WM nie mehr aufbauen konnte, ist Fakt. Der Taktgeber hatte bei der WM einen lichten Moment, als er in letzter Minute im zweiten Gruppenspiel gegen Schweden die Kugel ins Toreck zirkelte. Der 28-Jährige war mit seiner schleichenden Rückwärtsbewegung ein erhebliches Sicherheitsrisiko. Insofern ist es jetzt verwunderlich, mit welchem Selbstverständnis der von der Veranlagung beste deutsche Mittelfeldspieler nun eine Sonderrolle für sich beansprucht – und sogar selbst die Voraussetzungen benennt, zu denen er bis 2020 weiterspielt. Nämlich nur mit ausgewählten Ruhepausen.

Aus der Sicht eines jungen Familienvaters, als Vielspieler bei einem Global Player permanentem Leistungsstress, Erfolgsdruck und Terminhetze ausgesetzt, ist es nur verständlich, dass er sich Auszeiten nehmen möchte. Aber dann dürften Mats Hummels oder Thomas Müller auch darauf pochen. So ist das von Kroos ausgesandte Signal, nachdem er zuerst die „Bild“-Zeitung über die Unterredung mit dem Bundestrainer unterrichtet hat, bei näherer Betrachtung gefährlich. 

Schon im Fall Manuel Neuer, für den Löw bis auf den letzten Drücker einen Platz freihielt, war das Leistungsprinzip außer Kraft gesetzt worden. Wenn einer nur jene Länderspiele absolviert, die er sich selbst aussucht, verwischen die Strukturen. Das können nicht die Grundwerte sein, die für einen Neuaufbau mit mehr Hingabe, Identifikation und Leidenschaft verankert werden müssten. Aber der Trainer Löw ist selbst schuld, wenn er diese immer noch nicht benannt hat. Dann bestimmen die Spieler halt die Bedingungen.

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