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Kommentar Nationalmannschaft Verschiedene Horizonte

Die Debatte um „Kanaken“ und „Kartoffeln“ trifft allerhöchstens einen Randaspekt der Zersplitterung des gescheiterten Titelverteidigers in Russland. Ein Kommentar.

Joachim Löw
Joachim Löw ist es nicht gelungen, eine Einheit zu formen. Foto: Ina Fassbender (dpa)

Im gekonnten Boulevard-Stil titelte die „Bild“-Zeitung am Montag: „Kanaken-Spaltung im WM-Team.“ Sie legte damit die Schlussfolgerung nahe, dass es der deutschen Nationalmannschaft bei ihrem enttäuschenden Auftritt in Russland auch deshalb nicht gelungen war, eine gute Leistung abzurufen, weil es einen angeblichen kulturellen Riss im Teamgefüge gab. Auf der einen Seite die „Kanaken“, die Spieler mit Migrationshintergrund, Männer wie Özil, Sané, Khedira oder Boateng. Auf der anderen die „Kartoffeln“, Bajuwaren wie Hummels oder Müller. 

Jogis Jungs, und das hatte ursprünglich der „Spiegel“ berichtet, hätten sich gegenseitig so bezeichnet. Zwar nicht bierernst, ziemlich sicher sogar im Scherz gemeint, aber eben doch so ausgesprochen. Kurzum, und das sei an dieser Stelle mehr als deutlich gesagt: Es gehört sich nicht, egal ob spaßeshalber oder nicht, seinen Gegenüber als „Kanaken“ oder „Kartoffel“ zu bezeichnen. Das ist kein angemessener Umgangston. Punkt. 

Und dennoch, wer schon einmal selbst in einer Mannschaft gegen den Ball getreten hat oder auch nur das wöchentliche Treiben in den Arenen beobachtet, den dürften die beiden unschönen Worte kaum überraschen. Ob nun in der Bundesliga oder der Kreisklasse - quer durch die Republik wird jede Woche geflucht, gepöbelt, teils auch beleidigt. Etwas anderes zu behaupten, würde die Realität leider verniedlichen. 

Insofern trifft die Debatte um „Kanaken“ und „Kartoffeln“ allerhöchstens einen Randaspekt der Zersplitterung des gescheiterten Titelverteidigers in Russland. Denn gerade zu einer Fußballmannschaft gehört es unabdingbar dazu, dass es ruhigere und lauterer, mehr und weniger gebildete Spieler oder auch Rap-Musik- und Pur-Fans (Kroos) gibt.

Gerade aus diesem Potpourri an Unterschiedlichkeit, den verschiedenen Lebensstilen und Horizonten der einzelnen Charaktere, sollte ein Team Kraft schöpfen, um über Widerstände hinwegzumarschieren. Das ist offensichtlich nicht gelungen. Löw hat es nicht geschafft, eine Einheit zu formen. Für diese Feststellung hätte es sicher nicht der Begriffe „Kanaken“ und „Kartoffeln“ bedurft, von der Führungsschwäche des Bundestrainers zeugen ganz andere Aspekte. Genannt seien nur: die Özil-Erdogan-Affäre, die Neuer-Posse, die Watutinki-Quartierfrage und eine grundsätzliche Überheblichkeit. Das waren die wahren Probleme des DFB-Teams.

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