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Kommentar Nationalmannschaft Erste Ansätze - mehr nicht

Oliver Bierhoff steht nach der verkorksten Fußball-WM vielleicht noch mehr unter Beobachtung als Joachim Löw. Ein Kommentar.

Bierhoff
Oliver Bierhoff hat die schwierige Aufgabe, die rapide in den Keller gerauschten Imagewerte zu korrigieren. Foto: dpa

Der eine oder andere wird sich zu Recht fragen: Warum hat das eigentlich alles so lange gedauert? Warum konnte nicht Joachim Löw schon Ende Juli beim Trainerkongress des Bundes Deutscher Fußballlehrer (BDFL) in Dresden erscheinen, um die ersten Schuldeingeständnisse in seinem Fachgebiet zu machen? Nach eigener Aussage hatte der wichtigste Fußballlehrer des Landes ja seine Analysen nach drei, vier Wochen schon fertig. Darin steht im sportlichen Teil, dass seine Mannschaft bei der WM zu zwei Dritteln zwar den Ball hatte, aber sich im letzten Spielfelddrittel die Sprints und Beschleunigungen ersparte. Die aber sind dummerweise im modernen Fußball elementar, um dichte Abwehrreihen zu überlisten. 

Dann hätte der 58-Jährige die Folie gezeigt, auf der die Zeiten von Ballannahme bis Abspiel gelistet sind: 1,2 Sekunden vergingen dabei 2014, aber 1,5 Sekunden vier Jahre später. So viel Langsamkeit kann sich kein Weltmeister leisten. Und zu guter Letzt: 36 Versuche für ein Tor sind ein Armutszeugnis. Beim vierten Stern hatten sechs Torschüsse für einen Treffer gelangt. Löw wäre damit seinen Kritikern entgegengekommen – und hätte nebenbei erklärt, dass andere Grundsatzfragen später erörtert werden müssten. So musste er ausdrücklich betonen, dass die von ihm trainierte Mannschaft nicht ausschließlich defensiv spielen werde. Hat niemand verlangt.

Auch Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff tat sich keinen Gefallen, sich nach einem Intervieweigentor in der Causa Mesut Özil so lange zu verstecken. Der 50-Jährige steht vielleicht noch mehr als Löw unter Beobachtung. Bierhoff gibt zwar schon am 1. Oktober die Verantwortung für das Jahrhundertprojekt der DFB-Akademie in die Hände von Tobias Haupt und will auch einen namhaften Trainer für den am Jahresende ausscheidenden Sportdirektor Horst Hrubesch verpflichten, aber in seinen Bereich fällt die schwierige Aufgabe, die rapide in den Keller gerauschten Imagewerte zu korrigieren. 

Löw genügt vermutlich schon ein couragierter Auftritt seiner Elf am nächsten Donnerstag gegen Weltmeister Frankreich, um die Öffentlichkeit von seinem Weg zu überzeugen, bei Bierhoffs Arbeit mit der Marke DFB-Team könnte das schwieriger werden. Der Macher hat schon angedeutet, dass die gemeinsame Zeit in München nächste Woche zu kurz ist, um die Tore für die Fans zu öffnen. Nur je eine öffentliche Trainingseinheit in Berlin und Leipzig vor den nächsten Herbst-Länderspielen sind indes zu wenig, um das Gesamtprodukt wieder standhafter zu machen.

Dazu gehört mehr: Niedrigere Eintrittspreise bei Freundschaftsspielen beispielsweise, und auch frühere Anstoßzeiten, damit Schulkinder unter der Woche mal wieder ein Länderspiel schauen können. Das alles muss eingebettet werden in eine Kampagne, die nie wieder so entrückt daher kommen darf wie der Slogan #ZSMMN. Dass Bierhoff nebenbei anmerkte, dies sei ein DFB-Claim gewesen, hörte sich beinahe so an, als habe er damit nichts zu tun. Da darf sich einer der hochrangigsten Verbandsangestellten nicht herausreden. 

Aber der ehemalige Nationalstürmer ist intelligent genug, um das Grummeln an der Basis nicht auszublenden. Ein neuer Beirat, der zweimal im Jahr die Ereignisse bei der Nationalmannschaft spiegeln und in dem auch Medienvertreter sitzen sollen, ist schon einmal ein guter Ansatz, damit das Raumschiff Nationalmannschaft nicht wieder in Sphären driftet, wo es niemand mehr erreicht.

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