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Julian Draxler Freunde der Sonne

Kurztrips von Nationalspielern vor großen Turnieren werden von Paparazzi besonders gerne verfolgt, diesmal trifft es Julian Draxler.

Deutschland - San Marino
Draxler (vorn rechts) mit den Kollegen ter Stegen, Goretzka, Wagner, Mustafi, Can, (hinten von links) sowie Kimmich, Brandt, Younes, Stindl und Hector. (vorn von links). Foto: dpa

Julian Draxler stieg als einer der Letzten um kurz vor zwölf Uhr mittags in eine Limousine mit abgedunkelten Scheiben. Auch er selbst hatte getönte Scheiben gewählt. Hinter die Sonnenbrille ließ sich nicht blicken, und zu sagen hatte der Kapitän der deutschen Fußball-Nationalmannschaft auch nichts. Die Reporter und Autogrammjäger gingen jeweils leer aus. Die Eile und die Sprachlosigkeit des 23-Jährigen erschien zwei Tage vorm Abflug des DFB-Teams zum Confederations Cup nach Russland nachvollziehbar, Draxler vermied so Fragestellungen, die ihm vermutlich nicht genehm gewesen wären.

Noch am Samstag in Nürnberg nach dem 7:0 in der WM-Qualifikation gegen San Marino hatte der DFB Draxler auf der offiziellen Pressekonferenz in seiner neuen Rolle als Anführer einer Rasselbande präsentiert. Auf die konkrete Frage eines dpa-Reporters, wie er die beiden freien Tage bis zur Rückkehr zur Nationalmannschaft in Frankfurt verbringen würde, hatte Draxler geantwortet, er fahre nach München, um sich „um die Blessuren behandeln zu lassen“. Zuletzt hatte den Mittelfeldspieler eine Kapselreizung im linken Knie geplagt; nichts Schlimmes, aber ganz sicher war sein Mitwirken im WM-Qualifikationsspiel vorher nicht gewesen. Ein Arztbesuch erschien also angemessen.

Der könnte durchaus auch stattgefunden haben, wurde jedoch mindestens ergänzt durch einen Kurztrip nach Ibiza. Auf der Sonneninsel wurde Draxler am helllichten Tag von einem Paparazzo mit großen Objektiven verfolgt. Die „Bild“-Zeitung veröffentlichte entsprechendes Fotomaterial. Daraus ließ sich ableiten: Draxler hatte mit seinem Hinweis auf einen Arztbesuch in München jedenfalls nicht die ganze Wahrheit gesagt.

Die Angelegenheit mag ein wenig unangenehm für den Fußballprofi sein, lässt sich aber nun eher nicht vergleichen mit jener vor fünf Jahren. Unmittelbar vor dem Abflug zur Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine war Abwehrspieler Jerome Boateng weit nach Mitternacht in einem Berliner Flughafenhotel mit einer republikweit bekannten, an entsprechender Publicity nicht uninteressierten Blondine gesichtet und fotografiert worden. Oliver Bierhoff war seinerzeit, genauso wie Joachim Löw, not amused. Der Manager kommentierte das damals so: „Wir haben den Spielern gesagt, dass sie in dieser Zeit besonders beobachtet werden. Das ist klar, darauf müssen sie achten.“ Der Bundestrainer ergänzte etwas später: „Es hat mir nicht gefallen, was am Wochenende war, auch wenn es seine freie Zeit war.“ Er habe das Thema mit der Mannschaft angesprochen.
Irritationen hatte es seinerzeit in der Öffentlichkeit auch gegeben, weil Bastian Schweinsteiger sich mit seiner damaligen Freundin Sarah zwei freie Tage zwischen Abflug vom DFB-Team am Freitag in Leipzig und Abflug nach Danzig am Montag in Frankfurt auf der italienischen Insel Capri genehmigte. Auch dort waren dienstbeflissene Fotografen unterwegs. Der Bundestrainer gab im Fall Schweinsteiger zwar schnell Entwarnung - die Tour sei abgesprochen gewesen. Ein 3500-Kilometer-Trip binnen eines Wochenendes kurz vor der Europameisterschaft mutete ungeachtet dessen nicht als professionelle Vorbereitung für einen ohnehin damals angeschlagenen Führungsspieler an.

Löws Führungsspieler gemeinsam mit Mustafi

Mit ähnlichen Vorhaltungen dürfte sich jetzt auch Draxler auseinanderzusetzen haben. Der DFB äußerte sich am Dienstag bis zum späten Nachmittag nicht zum Lust-Trip des Kapitäns nach Ibiza. Negativschlagzeilen kann Draxler derzeit gewiss nicht brauchen, die hat er zur Genüge im Zuge seines Wechsels vom VfL Wolfsburg zu Paris St. Germain bekommen, den er im vergangenen Sommer durch ein Zeitungsinterview bewusst und zum Nachteil seines Arbeitgebers Wolfsburg vorangetrieben hatte. Beim VfL sprachen sie seinerzeit von einem Sabotageakt. Ein Sabotageakt, der Draxler sowohl sportlich als auch finanziell voranbrachte, allerdings einen gebeutelten Verein aus Niedersachsen zurückließ. Danach wusste man: Egoismus lohnt sich bisweilen auch im Teamsport. Draxlers Image erschien zwar ramponiert, aber nicht nachhaltig zerstört.

Zumal der Bundestrainer ihn stets stützte. Gegen San Marino hatte der offensive Mittelfeldspieler die deutsche Mannschaft wie schon gegen Dänemark erneut als Kapitän auf den Rasen geführt, nur trug er in seinem 30. Länderspiel keine Regenbogenbinde, sondern das schwarz-rot-goldene Stück Stoff. In Kopenhagen hatte er sich an einer Aktion für Toleranz, Offenheit und Vielfalt beteiligt, in Nürnberg setzte Draxler ein anderes Zeichen: Er eröffnete mit einem platzierten Rechtsschuss früh den Torreigen und bekam im weiteren Spielverlauf nicht nur einmal für seine gestalterischen Fähigkeiten Szenenapplaus.

Draxler führte dabei auf dem Spielfeld die Rolle aus, die ihm Joachim Löw zugedacht hat. „Als Führungsspieler sehe ich meine Aufgaben auf dem Platz. Ich bin durch die Kapitänsbinde jetzt nicht von heute auf morgen ein anderer Mensch, der in der Kabine jetzt eine 20-minütige Ansprache hält. Aber ich weiß in etwa, wo es bei der Nationalmannschaft lang geht“, erklärte Draxler auf der Pressekonferenz, in der er auch verriet, dass sein Mitwirken am Confed-Cup erst nach einem persönlichen Gespräch mit dem Bundestrainer feststand. „Er hat immer an mir festgehalten. Da war es für mich eine Selbstverständlichkeit, für Deutschland und Jogi Löw zur Verfügung zu stehen.“

Der Bundestrainer hat ihn und Shkodran Mustafi als Führungskräfte auserkoren, neben dem in Brasilien nicht eingesetzten Matthias Ginter zwei von nur drei Weltmeistern im 22-köpfigen Aufgebot. Draxler wird in diesem Monat auf eine ganze andere Ebene befördert. Die WM 2014 lief für das damalige Schalker Toptalent noch als Schnupperkurs. Einsatzzeit: ganze 15 Minuten beim 7:1 im Halbfinale gegen Brasilien. Erst bei der EM 2016 sicherte sich der gebürtige Gladbecker einen Stammplatz, als der Filigrantechniker zumeist über die linke Flanke vorstieß. Für den Confed-Cup soll sich sein Verantwortungsfeld verlagern, die Nummer sieben aus der Spielfeldmitte heraus lernen, Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung fürs große Ganze, nicht nur für sich selbst.

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