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Julian Brandt Heilige Ziffern

Julian Brandt bekommt im DFB-Team die Zehn und mehr Verantwortung.

Julian Brandt
„Ich habe breite Schultern, ich glaube, ich passe da rein.“ Julian Brandt. Foto: dpa

Die Liste der Vorgänger ist berühmt. Der 54er-Weltmeister Werner Liebrich, der 74er-Spielmacher Wolfgang Overath, in den 90er Jahren der Dampfmacher Lothar Matthäus, später beim 2014er Triumph das Unikum Lukas Podolski und zuletzt – bei der missratenen Mission Titelverteidigung 2018 – noch Mesut Özil: Sie alle trugen in der deutschen Nationalmannschaft die Rückennummer 10. Meist Synonym für die Strategen und Regisseure. Oft Feingeister oder Schlüsselspieler. Nun bekommt die heilige Ziffer Julian Brandt übertragen. Übrigens auch bei Bayer Leverkusen mit der Zehn ausgestattet.

Auf die Beförderung in der DFB-Auswahl angesprochen, musste der 22-Jährige am Dienstag ein bisschen schmunzeln. „Ich hatte da wenig Mitsprache, aber ich habe sie dankend angenommen. Das ist eine ehrenvolle Nummer.“ Und schmunzelnd fügte er noch an: „Ich habe nicht aktiv den Wunsch geäußert. Mit meinen breiten Schultern passe ich da rein.“ Brandt gehört zu jener Generation, von der nun der nächste Schritt erwartet wird. Der blonde Techniker bringt viel Talent für eine feine Ballbehandlung, aber auch mitunter den Hang zu leichten Ballverlusten ein.

 Auffällig in Russland

Vor der EM 2016 hatte ihn Joachim Löw bereits ins vorläufige Aufgebot geholt, dann aber schickte der Bundestrainer seinen Flügelstürmer lieber zum Olympischen Fußballturnier. Von den Vorzügen der Versetzung musste Brandt „erst überzeugt werden“, verriet der Hochbegabte im Nachgang. Doch mit neun Torvorlagen schwang er sich zum besten Scorer auf. Im Vorlauf der WM 2018 kam Brandt häufiger im A-Team zum Einsatz, doch auch für ihn verlief die Russlandreise wenig befriedigend. Gegen Mexiko (0:1) kam er in der 86. Minute, gegen Schweden (2:1) in der 87. Minute und gegen Südkorea (0:2) in der 78. Minute – selbst in dieser geringen Spielzeit setzte er Akzente, traf gegen Mexiko und Schweden jeweils den Pfosten. Aber der 19-fache Nationalspieler will nicht nachtrauern. „Ich hatte meine Erwartungen vor der WM zurückgeschraubt.“ Das Turnier sei eine Enttäuschung gewesen – auch für ihn. 

Sein Stellenwert soll steigen. Dokumentiert bereits durch den Fakt, dass Brandt sich im Ballsaal im Foyer des Mannschaftshotels zwischen die Führungsspieler Manuel Neuer und Thomas Müller setzen durfte. Genauso gut kann sich Brandt zum Auftakt der Nations League gegen Frankreich eine Arbeitsteilung auf dem Platz vorstellen. „Wir haben viele Offensivspieler, die vielseitig sind. Wir können die Aufgabe beide bekleiden.“ Notfalls auch im verwirrenden Wechselspiel für den Weltmeister.

Gut möglich, dass Löw jedoch eine Systemumstellung vornimmt – hin zu einem 3-4-3 oder 4-3-3 –, in dem es den klassischen Taktgeber gar nicht mehr gibt. Und wenn, wären Marco Reus, Julian Draxler oder Ilkay Gündogan die geeigneteren Kandidaten. Brandt hat seine Stärken auf der Außenbahn, wenn er Tempo mit Finesse paaren kann. Gleichwohl taugt er als belebendes wie bodenständiges Element, weil er der Überheblichkeit eher unverdächtig ist.

Der junge Mann kommt aus gutem Hause: Der gebürtige Bremer wird während seiner kompletten Karriere von Vater Jürgen beraten, der dafür seinen Job im Außendienst eines pharmazeutischen Großhandelsunternehmens aufgab. Er mahnte stets Geduld an, „junge Leute müssen merken, dass es sich lohnt, an einer Sache dranzubleiben und Enttäuschungen zu überwinden.“ Die Symbiose zwischen Junior und Senior ist eine besondere. Für Julian Brandt läuft das „wunderbar“, denn: „Ich könnte keinem Berater so vertrauen wie meinem Vater.“ 

Die Familie wunderte sich früher selbst, dass die Talentspäher des SV Werder diesen Jungspund übersahen, der früh zum VfL Wolfsburg weiterzog. Just als der Durchbruch zum Bundesligaprofi bevorstand, trat Michael Reschke auf den Plan, der damals die Kaderplanung von Bayer Leverkusen betrieb – und die Brandts unters Bayer-Kreuz lockte. Seinen Vertrag in Leverkusen hat der 134-fache Bundesligaspieler (27 Tore) unlängst bis 2021 verlängert. 

Es sprach für seinen Reifeprozess, dass ihm bei der Pressekonferenz nun das Schlusswort gebührte, als es darum ging, welche Bedeutung das Frankreich-Spiel denn für Löw haben könnte: „Wir wollen dem Trainer das Gefühl gegeben, dass er auf uns bauen kann – und wir weiter auf ihn bauen können.“ Das hätten berühmte Vorgänger nicht besser formulieren können.

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