Lade Inhalte...

Joachim Löw Rettender Reformwille

In höchster Bedrängnis zeigt Joachim Löw eine Einsicht, die den Bundestrainer trotz einer Niederlage in Frankreich aus der Bredouille bringen könnte.

Jogi Löw
Engagiert an der Seitenlinie: Bundestrainer Joachim Löw. Foto: afp

Der Hinweis für die über die Seine geschipperten Paristouristen fehlt nie, wenn die ausladenden Schiffe unter der Pont Marie hindurchfahren. Notre Dame, Louvre und Eiffelturm sind vom Wasser ja längst besichtigt, ehe freundliche Damen darauf hinweisen, dass jetzt der Nachbar geküsst werden könne. Weil unter besagter Marienbrücke alle Wünsche in Erfüllung gehen. Der Frankreichaufenthalt war für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft nicht ausgedehnt genug, um in den Ablaufplan wie vor knapp einem Jahr in London auf der Themse noch eine Flussfahrt einzubauen. Aber irgendeine Eingebung in der Stadt der Liebe schien Joachim Löw gekommen, der sich auch ohne Bussi Bussi auf dem Boot instinktsicher für einen Jugendstil entschied, der die Sehnsüchte seiner Fans und Kritiker erfüllte.

„Manchmal sind Aufstellungen falsch in einer Trainerkarriere. Bei mir waren sie häufig richtig, manchmal nicht. Daraus muss man dann Lehren ziehen: Es war klar, wir mussten andere Lösungen, andere Reize, andere Impulse setzen“, dozierte der Bundestrainer wie ein Grandseigneur im Pressesaal des Stade de France. Vielleicht hat den Südbadener das gediegene Ambiente in der Herberge im 16. Arrondissement am Parc des Princes bestärkt, auf der anderen Stadtseite die Flucht nach vorne anzutreten. Mit insgesamt sechs Spielern im Alter von 22 oder 23 Jahren. 

Dass Frankreich als Weltmeister der gnadenlosen Effizienz und individuellen Qualität in Person des Doppeltorschützen Antoine Griezmann letztlich siegte, obwohl „Les Bleus“ lange nicht wussten, wie sie diese flinken Deutschen packen sollten, war Löw fast unwichtig. „Die Leistung der Mannschaft war großartig. Eine unglaubliche Leistungssteigerung. Sie hat ihr Herz in die Hand genommen.“ Fazit: „Wir waren auf Augenhöhe mit der im Moment besten Mannschaft der Welt.“ 

Der 58-Jährige kritisierte zudem den serbischen Referee Milorad Mazic, der nach einem Zweikampf zwischen Mats Hummels und Blaise Matuidi den entscheidenden Elfmeter verhängte (80. Spielminute). „Mats berührt ihn nicht. Er (Matuidi, Anm. d. Red.) tritt ihm auf den Fuß.“ Gemeinhin ist beim Ästheten verpönt, sich über solche profanen Gemeinheiten zu echauffieren, aber die Anmerkung passte in seinen Kontext. Arbeitsthese: Seine Auswahl hatte mehr verdient.

Zumindest eine Stunde lang lieferte die DFB-Elf ihre Jahresbestleistung ab. Beflügelt von einem durch Toni Kroos verwandelten Handelfmeter (14.) legte der taktisch und personell veränderte und verjüngte Trupp eine reife Leistung hin. Drei Sprintertypen in vorderer Reihe – Timo Werner (22), Leroy Sané (22) und Serge Gnabry (23) – vermittelten dem deutschen Spiel eine ganz neue Geschwindigkeitsstufe. Allerdings merkten die Arrivierten, Mats Hummels, Toni Kroos und der mit einem Minieinsatz abgespeiste Thomas Müller im Nachgang bei aller Lobpreisung spitz an, dass dem Trio auch Tore gut zu Gesicht stünden. Das Binnenklima scheint weiterhin von Animositäten nicht frei: Ganz grün sind sich die Fraktionen offensichtlich immer noch nicht.

Gleichwohl: Die Formation mit der Dreierachse Manuel Neuer, Mats Hummels und Toni Kroos und ein Dreierangriff der jungen Wilden weist den Weg in die Zukunft. Taktgeber Kroos, an dessen Seite erneut Joshua Kimmich eine starke Darbietung als neue Leitfigur bot, fand sogar: „Das war eine der Niederlagen, die am meisten Spaß gemacht hat.“ Für das abschließende Nations-League-Duell gegen die Niederlande am 19. November in der Schalker Arena hängt es indes von der vorausgehenden Begegnung Niederlande gegen Frankreich ab, ob der Weltmeister von 2014 im neuen Wettbewerbsformat überhaupt den Abstieg aus eigener Kraft abwenden kann. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen