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Ilkay Gündogan Ilkay Gündogan will nicht davonlaufen

Gerade für Ilkay Gündogan soll das erste Länderspiel nach der WM eine Rückkehr in die Normalität sein.

Ilkay Gündogan
Neue Frisur, neuer Anlauf: Ilkay Gündogan auf dem Sprung. Foto: afp

Das Aufwärmprogramm auf dem piekfein gepflegten Rasenplatz auf dem Campus des FC Bayern hatte noch gar nicht begonnen, da bildete sich vorne an den Ersatzbänken eine erste Gruppe: Die Kumpels Antonio Rüdiger, Julian Draxler und Leroy Sané kickten sich locker die Kugel zu, dann gesellten sich Neuling Nico Schulz, Führungskraft Toni Kroos und Ilkay Gündogan in diesen Kreis, die in dieser Besetzung auch die aufgestellten weißen Stangen in dem kleinen Schmuckkästchen im Münchner Norden durchlief. Seitwärts, vorwärts und rückwärts. Dazu klickten die Auslöser der Fotografen, und die meisten hatten ein Motiv von Gündogan verewigt, der neuerdings eine sehr schnittige Kurzhaarfrisur trägt. Als markantes Zeichen für den Neuanfang?

Ilkay Gündogan will weitermachen 

Drei Kilometer östlich von der schicken Akademie entfernt geht es heute in der ausverkauften Fröttmaninger Arena ja nicht nur um einen Neustart der Nationalmannschaft, sondern auch um einen Stimmungstest. Gerade für Gündogan. Nachdem Mesut Özil unter heftigsten (Rassismus-)Attacken auf den Verband aus der DFB-Auswahl zurückgetreten ist und es bis heute nicht mal für nötig hielt, sich gegenüber dem Bundestrainer persönlich zu erklären – was Joachim Löw übrigens höchst bedauerlich und extrem enttäuschend empfindet – , hat sich der ebenfalls mit türkischen Wurzeln in Gelsenkirchen aufgewachsene Gündogan für den gegenteiligen Weg entschieden. Er will weiterspielen.

 „Ich will nicht davonlaufen. Ich will mich der Situation stellen. Ich bin nach wie vor stolz, für Deutschland aufzulaufen.“ Der 27-Jährige weiß, dass das ohne Erklärungen zum Besuch beim türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan in London Mitte Mai nicht funktionieren kann. Es ist mittlerweile öffentlich bekannt, dass sich der Edeltechniker, der Feingeist nicht nur in den Füßen hat, am 8. Juni in der BayArena von Leverkusen nach dem letzten Testspiel gegen Saudi-Arabien in der Toilette einsperrte und bitterlich weinte: So sehr hatte ihn das gellende Pfeifkonzert bei jeder Ballberührung getroffen. Das werde er „bis zum Ende meines Lebens nicht vergessen“.

Er avancierte zur Zielscheibe des Volkszorns, obgleich er vorher wenigstens den elektronischen Medien ein Statement zum Zustandekommen der umstrittenen Fotos übermittelt hatte, während Özil den Medientag komplett geschwänzt hatte. Doch der Macht der Bilder war zu diesem Zeitpunkt nicht beizukommen. Nun allerdings scheint die Zeit wirklich reif dafür, dass alle Seiten den Reset-Knopf drücken. Wenn das einige Anhänger nicht tun? „Dann ist das eben meine Reifeprüfung“, sagte Gündogan kürzlich der „Funke-Mediengruppe“. 

Rückendeckung vom Team

Löw findet, dass genügend Abbitte geleistet worden sei. „Ich appelliere daran, dass man das beiseite legt. Ilkay hat das Foto gemacht, er hat sich erklärt, es war nicht glücklich.“ Aber: „Bei ihm weiß ich, dass er sich mit unseren Werten absolut identifiziert.“ Der Bundestrainer mag auch nicht auf einen verzichten, der unter Pep Guardiola beim englischen Meister Manchester City das spielintelligente Scharnier zwischen Abwehr und Angriff bildet. Löw braucht solche Kräfte, um speziell nach dem Özil-Rückzug kein Vakuum entstehen zu lassen: „Aus sportlichen Gründen sehe ich den Ilkay für die nächsten zwei Jahre als wichtigen Spieler, weil er eine großartige Technik und ein großartiges Passspiel hat.“ Sportlich sei es gar keine Frage gewesen, ihn zum Lackmustest gegen den Weltmeister einzuladen. 

Was auch die Mitspieler begrüßen, die Rückendeckung versprechen. „Gerade jetzt wollen wir noch mehr das Zeichen setzen, dass wir zusammenhalten, und deswegen wollen wir uns noch bewusster vor Ilkay Gündogan stellen“, erklärte Thomas Müller. Gündogan, wegen einer langen Verletzungshistorie erst mit 26 Einsätzen für die DFB-Auswahl gelistet, weiß um seine Rolle. Bei der Ankunft im Mannschaftshotel am Englischen Garten begrüßte er die Fans mit einem landestypischen „Servus“, dann schrieb er Autogramme und stand für Selfies parat. Am längsten von allen. Augenzeugen berichten: Das sah nicht nach Aktionismus, sondern nach Überzeugung aus.

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