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Confederations-Cup Mit Liebesgrüßen aus Hoffenheim

Bundestrainer Joachim Löw nimmt vier Spieler aus dem Nest im Kraichgau auf den Trip zum Confederations-Cup mit nach Russland. Reus und Gomez dürfen zu Hause bleiben.

Sandro Wagner
Weiß, wie man im DFB-Trikot jubelt: Sandro Wagner im Jahre 2009 nach seinem Tor zum 3:0 gegen England im Finale der U21-EM. Foto: imago

Irgendwann hat Joachim Löw gestern Mittag in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes seine entspannte Miene ausgewechselt und ein ernstes Gesicht eingewechselt. „Manche Spieler“, sagte der Bundestrainer, „kippen vielleicht weg nach acht Jahren Dauerbelastung. Diese Gefahr sehe ich.“ Der gute Mann wäre deshalb „nicht unglücklich“, wenn der Confederations-Cup 2021 nicht mehr durchgeführt würde. 2017 findet das Sommerturnier unter der allmächtigen Führung der Fifa allerdings noch statt, und weil Deutschland 2014 Weltmeister geworden ist, gab es kein Drumherum: Der DFB muss vom 17. Juni bis 2. Juli in Russland mitmachen.

Löw hat am Mittwoch seinen Kader bekanntgegeben. Aber er saß dabei nicht alleine auf einer kleinen Bühne neben Pressesprecher Jens Grittner, sondern auch neben dem Chefcoach der deutschen U21-Nationalmannschaft, Stefan Kuntz. Der ist mit seinem Team fast gleichzeitig in Polen bei der U21-Europameisterschaft unterwegs. Und weil Löw, siehe oben, seine verdienten Spieler auch im nächsten Sommer bei der Mission Titelverteidigung noch alle gesund und munter beisammen haben will, gibt er den Herren Neuer, Boateng, Hummels, Höwedes, Kroos, Khedira, Özil, Müller und Gomez dieses Jahr lieber frei. Das wiederum bedeutet, dass er sich aus dem Fundus der nachdrängenden Talente bedienen muss und sich somit mit Stefan Kuntz sehr präzise abzustimmen hatte, welche jüngere Kraft mit nach Russland düsen darf und welche in Polen zu kicken hat.

Dabei gab es auch den einen oder anderen Härtefall. Serge Gnabry von Werder Bremen etwa, der im A-Team schon Tore geschossen hat und es dennoch nicht in Löws Kader schaffte, oder auch der Schalker Max Meyer, der sehr auf einen Platz im Flieger nach Sotschi gehofft hatte, wo die deutsche A-Mannschaft am 19. Juni gegen Australien antritt. Stattdessen soll der kleine Spielmacher tags zuvor für die U21 gegen Tschechien Führungsaufgaben übernehmen. Stefan Kuntz hat jedenfalls schon mal „von Anfang an Vollspeed angekündigt“. Löw ist da etwas zurückhaltender. Er wusste immerhin zu berichten: „Wir fliegen rechtzeitig zum Confed-Cup.“

Ein paar Überraschungen hatten beide Trainer parat. Löw nimmt neben Lars Stindl und Amin Younes, was allgemein erwartet worden war, auch die beiden Hoffenheimer Kerem Demirbay und Sandro Wagner mit. Da auch Niklas Süle und Sebastian Rudy zum A-Aufgebot gehören, befindet sich dort die Rekordzahl von vier Profis aus dem Nest im Kraichgau. Für einen Ort von knapp 3300 Einwohnern dürfte das Weltrekord bedeuten. Aber Rudy und Süle sind dann ja auch bald weg – gen München.

Weitere Überraschungen: Marvin Plattenhardt, linker Verteidiger von Hertha BSC, und Diego Demme, defensiver Mittelfeldspieler von RB Leipzig, erleben ab dem 5. Juni, wenn sich das Team zur Vorbereitung auf das tags darauf in Kopenhagen gegen Dänemark stattfindende Testspiel trifft, die ersten Tage im Kreis der Löw-Truppe.

Nur ein einziger Spieler aus München ist dabei, Yoshua Kimmich, und nur einer aus Dortmund, Matthias Ginter. Julian Weigl musste wegen seines Knöchelbruches absagen, mit Marco Reus hat Löw in der vergangenen Woche ein langes Telefonat geführt. Eigentlich hatte der Bundestrainer dabei vorgehabt, Reus von den Vorteilen einer Sommerreise nach Russland zu überzeugen, heraus kam dann allerdings das Gegenteil. Der Offensivspieler, 2014 und 2016 vor WM und EM kurzfristig verletzt ausgefallen und seinerzeit entsprechend niedergeschlagen, überzeugte Löw, dass es besser ist, wenn er nicht mitkommt. „Wir haben das so besprochen“, berichtete der Bundestrainer gestern tapfer, „dass Marco nach dem Pokalfinale erstmal runterfährt. Er will sich dann einen Trainer zur Vorbereitung auf die Vorbereitung nehmen. Bei ihm ist alles auf die WM 2018 ausgerichtet.“ Er und Reus hätten „die Entscheidung irgendwie gemeinsam gefällt“, ihm, Löw, sei „am Ende das Risiko zu groß gewesen“, Reus mit zum Confed-Cup zu nehmen.

So ganz und gar überzeugend klang das nicht, aber was soll ein Bundestrainer tun? Ein Machtwort in dieser Angelegenheit gegen den Willen des Spielers und seines Arbeitgebers wäre sicherlich die falsche Botschaft gewesen, zumal vor dem Hintergrund der hohen Verletzungsanfälligkeit von Reus.

Stattdessen kann nun ein Mann wie Lars Stindl aus Mönchengladbach sich beweisen, den Löw bislang noch nicht näher kennt. Auf eine Nominierung von Max Kruse, den er sehr gut kennt und mit dessen nicht immer hochprofessionellem Lebensstil sich Löw bisweilen aus nachvollziehbaren Gründen nicht recht arrangieren konnte, verzichtete der Bundestrainer. Ist da einer dem frechen Kruse, der schon mal Damenbesuch im Mannschaftshotel zu empfangen pflegte, etwa noch böse? Dies sei nicht der Fall, versicherte Löw, „was in der Vergangenheit war bei Max Kruse, spielt keine Rolle mehr. Ich weiß, was er kann, die Tür ist nicht zu.“ Er habe sich lieber für Spieler „mit Perspektive“ entschieden. Wenn man nun böse wäre, könnte man unterstellen, Lebemann Kruse, einer der zweifellos besten Spieler der Bundesliga-Rückrunde, besitze somit keine Perspektive mehr. Man wird sehen.

Lieber schaut sich Löw jedenfalls mal an, wie sich Sandro Wagner so im Kreis der Nationalmannschaft bewegt. Er habe den Stürmer bisher als „ehrlich und direkt“ kennengelernt, sagte Löw, zudem als einen Mann, der mit seinem Körper für nachrückende Mittelfeldspieler Räume schaffen könnte. Sollte Mario Gomez, wie 2014 vor der WM oder 2016 während der EM, wieder verletzungsbedingt ausfallen, könnte Wagner als Backup eine denkbare Lösung sein. Wie man Titel holt, weiß er ja schon: Mit Khedira, Boateng und Co. gewann Wagner 2009 die U21-EM.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Confederations Cup

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