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Berti Vogts Viel Wissen, wenig Glück

Berti Vogts übernimmt das Weltmeister-Team von Franz Beckenbauer - er wird zwar Europameister, scheitert aber zweimal im Viertelfinale der WM.

Berti Vogts
WM 1994: Alleingelassen nach dem Aus? Nein, Vogts Tischkollegen waren gerade am Buffet. Foto: Imago

Seinen besonderen Trainermoment erlebt Berti Vogts am Abend des 30. Juni 1996 im Wembleystadion, nach dem Finale der Europameisterschaft, seinem größten Sieg in leitender Funktion. Das Turnier hat seine Auswahl vor allem deshalb gewonnen, weil sie es schaffte, nach dem Vogts-Prinzip zu handeln: „Der Star ist die Mannschaft“. Mit den Spielern hat Vogts schon gejubelt nach dem 2:1-Erfolg gegen Tschechien, nun steht er vor dem feiernden Kurvenvolk auf dem Rasen. Fans, die ihn besingen, das hat es so noch nicht gegeben. Also verbeugt sich Vogts dreimal, animiert die Leute zu einer Welle, klatscht in die Hände, winkt und geht. Dieser Augenblick hat ihn gewiss ein wenig entschädigt für das, was bisher geschah, nachdem er 1990 den Job als Bundestrainer übernommen hatte. Aber da wusste Vogts noch nicht, was noch auf ihn zukommen würde, zwei Jahre später.

Nein, die achtjährige Amtszeit an der Spitze der DFB-Trainer war keine Phase des Glücks und der beruflichen Erfüllung für Hans-Hubert Vogts, den Sohn eines Schusters aus Büttgen am Niederrhein. Übernommen hat er das Team im Sommer 1990, es war gerade Weltmeister in Italien geworden, angeleitet von Franz Beckenbauer, dessen riesiger Lichtkegel alle seine Mitarbeiter in den Schatten stellte. Das ging ja alles unter im Zuge der Apotheose des Franz B. – dass Vogts die Analyse, die Gegnerstudie, sogar die Hinführung von Talenten für den Teamchef Beckenbauer organisiert hatte. Vogts war Beckenbauers wichtigster Helfer und Ratgeber in jenen italienischen Wochen. Und sollte danach zeigen, dass er es auch allein konnte.

Der Einstieg war schwer genug. Wer einen Weltmeister übernimmt, kann höchstens bestätigen, was war. Und das wird erwartet. Im Raum stand außerdem noch ein Beckenbauer-Satz. Jetzt, wo die Spieler der ehemaligen DDR noch hinzukämen, war für ihn klar: „Es tut mir Leid für den Rest der Welt – aber die deutsche Mannschaft wird in den nächsten Jahren nicht zu besiegen sein.“ Willkommen im neuen Job.

Berti Vogts, geboren am 30. Dezember 1946, verlor früh seine Eltern. Die Mutter starb an Leukämie, als er zwölf war. Der an Herzproblemen leidende Vater ein Jahr später. Fortan lebte er bei seiner Tante, in bescheidenen Verhältnissen, schloss eine Werkzeugmacher-Lehre ab und startete als unbequemer Verteidiger eine große Spielerkarriere in Mönchengladbach. Geprägt dort von Hennes Weisweiler, dem Trainer, eine Art Ersatzvater für den Waisen. Fünfmal deutscher Meister wurde Vogts, Pokalsieger, zweimal Uefa-Cup-Gewinner, 96 Länderspiele, 1974 wurde er – wie Beckenbauer – Weltmeister.

Als Bundestrainer arbeitete Vogts, der 1979 als Jugendcoach beim DFB einstieg, anders als sein entspannter, intuitiv handelnder Vorgänger. Vogts ist ein systematischer Analytiker, er schätzt akribische Faktenrecherche und Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Fleiß, Leistung. All das sind Dinge, die Vogts gelassen durch seinen neuen Job hätten gleiten lassen können, weil er sich ja selbst vertrauen konnte und schon so viel erreicht hatte. Doch diese Lockerheit war ihm nicht gegeben. Verkrampft und verbissen wirkte Vogts von Beginn an, misstrauisch und argwöhnisch.

Schon bei der EM 1992 erreichte Vogts mit der deutschen Elf das Finale. Doch er verlor es, als Trainer des Weltmeisters gegen den krassen Außenseiter Dänemark. Die Bewertungen fielen negativ aus. Da wusste Vogts schon, dass er es schwer haben würde, zu gefallen.

1994 in den USA leitete er die Mission WM-Titelverteidigung. Aber: „Wir hatten keine Mannschaft. Die hat 1994 nicht funktioniert“, sagte Vogts. Drei Gruppen habe es gegeben: „Die Weltmeister von 1990, die Spieler aus der Ex-DDR und die Neuen.“ Und so misslang Vogts‘ erster WM-Auftritt als Trainer. Das Aus im Viertelfinale gegen Bulgarien (1:2 nach 1:0-Führung) war unnötig. Vogts litt in jenen Tagen an Kontrollwahn, arbeitete verbissen und scheiterte auch an Problemprofis. Stefan Effenberg zeigte den ihn und das Team kritisierenden Fans im Spiel und nach seiner Auswechslung gegen Südkorea im letzten Vorrundenspiel den Stinkefinger. Es war das WM-Aus für den impertinenten Profi. Nach der Pleite gegen Bulgarien trat Torhüter Bodo Illgner aus der Nationalelf zurück, Lothar Matthäus stellte seine Kapitänsbinde zur Verfügung, es ging drunter und drüber. „Erstens war ich den Spielern gegenüber immer noch zu gutgläubig. Und zweitens habe ich mich für den falschen Torwart entschieden“, sagte Vogts später.

Vogts stand jetzt mitten im Feuer der Kritik, „Bild“ forderte ihn zum Rücktritt auf: „Herr Vogts, unterschreiben Sie hier“ stand neben einem fiktiven Abschiedsgesuch. Die Zeit danach verlief übel für den Bundestrainer: „Ich wurde angepöbelt und angespuckt. Diese Zeit wünscht man seinem ärgsten Feind nicht.“ Nach dem WM-Aus entstand ein Foto, das für die Ära Vogts bis zu diesem Zeitpunkt stehen sollte: Einsam sitzt der Trainer am Tisch im Team-Quartier. Doch das Bild ist aus dem Zusammenhang gerissen, seine Tischmitglieder waren gerade am Buffet. Es lief einfach nicht für Vogts.

Bis zum Triumph von Wembley. Vogts gab sich offener – und profitierte von Spielern, auf die er sich verlassen konnte und die das Wesentliche verstanden hatten: Erfolg im Fußball ist Teamsache. Jürgen Klinsmann gehörte dazu, Matthias Sammer sowie Oliver Bierhoff. Und Vogts? Wurde zu Deutschlands „Trainer des Jahres“ gekürt.

Er machte weiter und schlitterte in sein finales WM-Debakel. Das Aus kam erneut im Viertelfinale. Nun verlor man 0:3 gegen Kroatien. Zwei WM-Turniere in Folge ohne deutsche Halbfinal-Teilnahme hatte es noch nicht gegeben. Vogts verrannte sich nach der Pleite, die auch mit der Roten Karte für Christian Wörns nach 40 Minuten zu tun hatte, und sprach von einem Fifa-Komplott gegen sein Team, wofür er sich später entschuldigte.

Immer noch blieb er im Amt. Holte Effenberg zurück – vergebens. Nach zwei schwachen Spielen Anfang September 1998 verabschiedete sich erst der indisponierte Spieler und schließlich auch Vogts: „Ich bin es mir selbst schuldig, den letzten Rest Menschenwürde zu verteidigen, welcher mir noch gelassen worden ist.“

Vogts übernahm von 2000 bis 2001 Bayer Leverkusen. Dann versuchte er es in der Welt für ausrangierte Fußballlehrer aus der ersten Reihe: Kuwait, Schottland, Nigeria, Aserbaidschan. Bestenfalls B-Ware. Den Sprung nach ganz oben schaffte Berti Vogts nicht mehr.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier WM-Trainer

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