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Mario Götze Brummkreisel ohne Drehmoment

Der Offensivspieler Mario Götze hat bei der Weltmeisterschaft in Brasilien die Erwartungen keineswegs erfüllt. Er umgibt sich dennoch mit einer Aura der Arroganz.

03.07.2014 06:08
Von Jan Christian Müller
Gegen Algerien wurde Mario Götze zur Pause ausgewechselt und hatte keinen Grund, darüber Beschwerde zu führen. Foto: AFP

Neulich ist Mario Götze am Swimmingpool entlang geschlurft, wo ein paar Reporter auf Holzliegen hockten und auf Interviewtermine mit einigen seiner Teamkollegen warteten. Götze schaute mit einem Blick hinüber zu den Liegen, der unschwer als optische Strafe zu interpretieren war. Dann sagte er: „Ah, meine Freunde, hallo, meine Freunde.“ Und dann schlurfte er weiter. Man benötigte keine sonderliche Phantasie, um Götzes Grußworte als puren Sarkasmus zu interpretieren. Da bewegte sich einer in seinem persönlichen Empfinden im Medienhotel durchs Feindesland. Niemand grüßte freudig zurück. Es gab nur ein Grummeln.

Am Dienstag nach dem Einzug ins Viertelfinale ist Mario Götze als einer der ersten deutschen Spieler durch den kleinen Irrgarten in Porto Alegre getrottet, den die Fifa „Mixed Zone“ getauft hat, weil dort Spieler und Journalisten zusammenkommen sollen. Die Spieler sind verpflichtet, den Weg auf sich zu nehmen, es sei denn, sie müssen zur Dopingprobe oder sind verletzt. Aber es gibt keine Verpflichtung, dort auch zu sprechen.

Wer dazu partout keine Lust hat, greift in der Regel zu folgenden Maßnahmen: a) Er hält sein Handy ans Ohr und spricht irgendwelchen Unsinn hinein, obwohl am anderen Ende überhaupt niemand dran ist. b) Er läuft mit gesenktem Kopf durch den Bereich und tippt betont lustlos Kurznachrichten in sein Smartphone, ohne die verzweifelt um ein Statement bittende Meute hinter der Absperrung auch nur eines Blickes zu würdigen. c) Er saugt abwechselnd an einer Plastikflasche mit stillem Wasser und beißt in komische Kekse, die vermutlich mit Nahrungsergänzungsmitteln vollgestopft sind.

Mario Götze hat nur ein paar Kekse geknabbert, als er sich nach kurzem Techtelmechtel mit seiner Freundin Ann-Kathrin unmittelbar vor der Kabine trollte. Vielleicht wäre der 22-Jährige sogar stehen geblieben. Aber diesmal war es anders. Diesmal schauten die Medienmenschen auf ihre Handys oder in die Luft, weil sie wenig geneigt waren, mit dem zur Pause ausgewechselten Offensivspieler zu sprechen. Denn niemand erwartete, dass Götze sich ernsthaft die Mühe machen würde, seine dürftige Leistung kritisch zu hinterfragen. Das mag ein Vorurteil gewesen sein, aber sein Habitus hat zuletzt kaum jemanden dazu animiert, die Nähe zu ihm zu suchen. Seine Aura verbreitet Arroganz und Abweisung.

Es kann nur gemutmaßt werden, wie sich das innerhalb der Mannschaft verhält. Ein paar dezente Hinweise gab es vielleicht darauf, dass manchem Mitspieler Hingabe und Körpersprache des blendenden Technikers im Spiel gegen Algerien nicht gefiel. Götze hat so herausragende Fähigkeiten, dass man geneigt sein könnte, eine Leistung wie die im Achtelfinale als Lustlosigkeit zu interpretieren. Aber dafür gibt es bei einer Weltmeisterschaft – wo der Wert auf dem internationalen Fußballmarkt justiert wird, auch für jemanden, der pro Monat nahezu einen Millionenbetrag überwiesen bekommen dürfte – natürlich überhaupt keinen Grund.

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Dem deutschen Offensivspiel ist durch das neue 4-3-3-Spielsystem ein Spieler entzogen worden. Umso mehr hängt nun davon ab, dass die verbliebenen drei Angreifer ganz vorn nicht ständig auf einer Linie in denselben Räumen agieren, sondern sich in die Zwischenräume schleichen, viel rotieren, mit Tempo in die Spitze stoßen, fleißig sind und auch gegen den Ball hart arbeiten. Thomas Müller erfüllt all diese Anforderungen nahezu in Perfektion, Marco Reus hätte das ziemlich sicher auch getan, wenn er sich nicht so schlimm verletzt hätte, Mesut Özil tut es in schwer vorhersehbaren Phasen ebenfalls, André Schürrles stetes Bemühen ist unübersehbar und wurde zuletzt mit einem Tor belohnt, ähnlich wie bei Miroslav Klose, als er einmal als Joker erfolgreich war.

Mario Götze erzielte gegen Ghana ein Tor nur aufgrund eines technischen Fehlers, was sehr untypisch für ihn ist, wurde gegen Algerien zur Pause ausgewechselt und hatte keinen Grund, darüber Beschwerde zu führen. Davon, dass da in Deutschland ein Spieler heranwächst, dessen Talent und Professionalität es eines Tages mit Lionel Messi aufnehmen kann, ist momentan schlicht nichts mehr zu erkennen. Hinzu kommt ein furchtbar schnöseliges Auftreten. Bei seiner letzten Pressekonferenz im Trainingslager in Südtirol rieb er sich so gelangweilt und aufreizend mit den Händen am Hals und im Gesicht herum, dass das Gebaren fast peinlich war.

Bei seiner Vorstellung beim FC Bayern im vergangenen Sommer besaß der Sohn eines Professors für Datentechnik gar die Chuzpe, ein T-Shirt seines persönlichen Ausstatters Nike zu tragen, obwohl die Firma Adidas nicht nur Trikotpartner des nationalen Branchenführers ist, sondern gleichzeitig Anteilseigner und somit die 37-Millionen-Ablöse an Borussia Dortmund mit finanziert hat und außerdem auch für einen Teil des opulenten Gehalts des Jung-Stars aufkommt. Professionalität sieht anders aus, und vermutlich wäre es dringend an der Zeit für Götze und seinen Berater Volker Struth, einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, ob die Außendarstellung des kleinen Kerls auf und abseits des Platzes in der gegenwärtigen Form angemessen erscheint.

Es ist nun schwer voraus zu sagen, ob Bundestrainer Joachim Löw Konsequenzen zieht und Götze am Freitag (13 Uhr Ortszeit in Rio de Janeiro, 18 Uhr MESZ) gegen Frankreich lediglich einen Platz auf der Bank anweist, dort, wo dieser bei der EM vor zwei Jahren seine Unzufriedenheit nicht immer unterdrücken konnte, oder ob er dem auch als Joker vielleicht nützlichen Brummkreisel ohne Drehmoment doch noch mal von Beginn an bringt. Denn es gibt ja gar keinen Zweifel, dass der Hochbegabte auch auf dem zu erwartenden Niveau eines WM-Viertelfinals den Unterschied ausmachen kann. Wenn man sich nur darauf verlassen könnte, dass Mario Götze gewillt wäre, nicht nur bei seinen regen Tätigkeiten in den sozialen Netzwerken alles abzurufen, was Körper und Geist hergeben.

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