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Deutschland - Armenien Irgendwie Wettkampfrhythmus

Die Nationalmannschaft will sich laut Bundestrainer Löw nach dem Test gegen Armenien in Mainz ohne lästiges Übergepäck nach Brasilien verabschieden.

05.06.2014 17:18
Jan Christian Müller
Bei der Ankunft in Mainz: Per Mertesacker macht Selfies mit Fans. Foto: dpa

Bei Mainz 05 sind die Verantwortlichen aus mehreren Gründen erstens stolz und zweitens froh, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft an diesem Freitagabend (20.45 Uhr, ZDF) zum ersten Mal in die 2011 fertiggestellte Arena am Europakreisel zum Länderspiel lädt. „Auf das Spiel gegen Armenien wird ganz Deutschland schauen“, glaubt der Mainzer Geschäftsführer Marketing, Dag Heydecker, und frohlockt: „Das DFB-Team wird bei uns in Mainz nach Brasilien verabschiedet. Hätte uns das jemand vor zehn Jahren gesagt, hätten wir ihn für verrückt erklärt.“ Auch die letzte Nacht vor dem Abflug am Samstagabend um 22 Uhr werden die 23 von Bundestrainer Joachim Löw Auserwählten in einer Mainzer Herberge verbringen. Blick auf den Rhein inklusive.

Manager Christian Heidel freut sich noch aus einem ganz anderen Grund auf das Gastspiel der nationalen Elitespieler, die damit 4,5 Millionen Euro für gute Zwecke und 300 000 Euro für den Mainzer Stadionbetreiber einspielen. Denn so gab es endlich wieder einen Grund, die 2011 für die verkorkste Mainzer Europa-League-Qualifikation gegen eine No-Name-Truppe aus Rumänien eigens teuer erworbenen Vario-Sitze wieder aus dem Container zu holen und auf den Stehtribünen einzubauen. Fast 40 000 Euro kostet allein so ein Auf- und Abbau, hat Heidel ausrechnen lassen. Da passt es, dass die Mainzer sich 2014 wieder für die Europa League qualifiziert haben und die für internationale Spiele vorgeschriebenen Sitzplätze gleich drin bleiben können. Statt 34 000 passen am Freitag somit nur 27 500 Menschen ins Stadion, das längst ausverkauft ist.

Auch Manuel Neuer wird dann einen Platz auf der Tribüne beanspruchen. Der Welttorhüter, so viel steht nach zwei Tagen in Obhut von Fitnesstrainern in München fest, wird auch das letzte WM-Vorbereitungsspiel verpassen und durch Roman Weidenfeller ersetzt. Die im Pokalfinale bei einer Rettungsaktion außerhalb des Strafraums erlittene Bänder- und Kapselverletzung erlaubt Neuer noch keine sportliche Aktivität auf diesem Niveau. Löw gibt sich gleichwohl nach Rücksprache mit dem behandelnden Team-Doktor unbeeindruckt: „Ich sehe der Sache entspannt entgegen. Manuel wird in Brasilien ins torwartspezifische Training einsteigen können.“ Ein Einsatz im ersten Vorrundenspiel am 16. Juni in Salvador gegen Portugal sei für den 28-Jährigen „überhaupt kein Problem“.

Ein Problem, möglicherweise eines, das man ganz bewusst in Kauf nimmt, um Schlagzeilen zu produzieren, hat derweil die Firma Adidas und der Nationalspieler Lukas Podolski. Die Marketingleute des Schusters ließen Lukas Podolski mit einem laut Pressemitteilung „echten Kuh-Herz und blutigen Händen“ posieren, um die Botschaft unter die Leute zu bringen, der gute Poldi sei mit echtem Herzen bei der Sache. Die Kampagne hat einen Shitstorm im Internet verursacht. „Widerlich“ finden viele das, auch Tierschützer haben sich zu Wort gemeldet und kritisieren unter anderem Podolski, der seiner Vorbildrolle so nicht gerecht werde.

Adidas erklärte auf Anfrage von „Spiegel-Online“, das gute Stück sei ganz regulär in einer Metzgerei erstanden worden. Alles nicht schlimm also: Die Kuh war ja sowieso schon tot, die meisten anderen Körperteile anderweitig verarbeitet. Joachim Löw mag sich von derlei Online-Ungemach gar nicht beeindrucken lassen: „Da kann sich jeder seine Meinung bilden. Mein Thema ist es nicht.“ Klingt nicht gerade so, als ob der Bundestrainer derart plakative Werbung für besonders gelungen hält. Aber da es sich bei Adidas um einen treuen DFB-Partner handelt, dessen mutmaßlich bis zu 27 Millionen Euro Zuwendungen pro Jahr auch sein Gehalt mitfinanzieren, wäre es natürlich töricht, öffentliche Kritik am alten Weggefährten aus Herzogenaurach zu üben.

Lieber gibt der Trainer klare Widerworte gegen den kaum minder im Netz hör- und sichtbaren Shitstorm in Sachen Stürmer-Auswahl. Es seien genug torhungrige junge Männer mit von der Partie. Die Diskussion, sagt er freundlich, aber bestimmt, solle doch bitteschön nicht als Gepäck mit nach Brasilien geflogen werden, sonst, witzelt er sprachbildlich korrekt, „müssten wir dafür noch Übergepäck zahlen“. Das wiederum könnte der DFB dann den Medien in Rechnung stellen, schließlich ist kaum davon auszugehen, dass das Thema nach der Landung in Salvador am Sonntag um 3.40 Uhr Ortszeit vom Tisch ist.

Auch die Imponderabilien hinsichtlich der Führungsspieler Philipp Lahm und seines Stellvertreters Bastian Schweinsteiger dürften nach dem Spiel gegen Armenien nicht ausgestanden sein. Beide können spielen, beschied Löw am Donnerstag bei seiner Pressekonferenz in der Frankfurter DFB-Zentrale, im Fall von Schweinsteiger hatte er eben diese Voraussage aber schon fürs Spiel gegen Kamerun am vergangenen Sonntag getätigt, ohne dass es auch nur annähernd zu einem Einsatz kam.

Ohnehin bedarf es keiner seherischen Fähigkeiten, um vorauszusagen, dass Löw mit Lahm vom ersten WM-Spiel an in der Startelf plant, mit Schweinsteiger dagegen nicht. Der Bundestrainer versteht es, so wunderbar im Ungefähren zu formulieren, wenn er sich lieber nicht festlegen will. Also sagt er: „Beide Spieler brauchen irgendwie einen Wettkampfrhythmus.“ Die Betonung liegt auf „irgendwie“ und ganz bestimmt nicht auf „Wettkampfrhythmus“.

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