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WM-Qualifikation Stürmischer Härtetest

Das WM-Qualifikationsspiel in Reykjavik gegen Island wird heute für den deutschen Frauenfußball zum wichtigsten Wegweiser der jüngeren Vergangenheit.

Deutschland - Island
Feuriges Island: Alexandra Popp (r.), attackiert von Sif Atladottir. Foto: dpa

Keine Frage, auf einer Insel wie Island kann sich einer wie Horst Hrubesch doch nur wohlfühlen. Reiche Fischgründe, raues Klima, herzliche Menschen. Leider sind die Lizenzgebühren für die besten Angelreviere ins Astronomische gestiegen, dafür gibt es kühle Schauerböen und die Gischt der Geysire noch umsonst. Gäste spüren hier schnell den Zusammenhalt einer Gesellschaft, die gelernt hat, dass man nur miteinander bestehen kann in einem Land aus Feuer und Eis. Das alles passt zum Interimstrainer der deutschen Frauen-Nationalmannschaft wie die Faust aufs Auge.

Wer seinen Schädel bei Wind und Wetter nicht nur in Bananenflanken von Manfred Kaltz gehalten hat, sondern auch beim Dorschangeln aufm Boot und an den Küsten in die steife Brise (und darüber ein Buch verfasst hat), der kann gar nicht anders, als vor dem WM-Qualifikationsspiel Island gegen Deutschland (Samstag 16.55 Uhr/ ZDF) den wetterfesten Einpeitscher zu spielen. „Es geht darum dieses Spiel zu gewinnen, und das werden wir tun!“ Ungeachtet von äußeren Bedingungen, die mit dem deutschen Supersommer ungefähr so viel gemein haben wie Hrubeschs‘ Erscheinungsbild mit dem von Jogi Löw.

Der 67-Jährige lebt seinen Spielerinnen unerschütterlichen Optimismus vor. „Wir haben schließlich alle ein Ziel. Wir wollen zur Weltmeisterschaft.“ Dafür geht der Mann für „seine Mädels“, wie er sie gerne nennt, nicht nur kumpelhaft, sondern auch gewissenhaft voran. Im Gegensatz zum taktischen und personellen Schlingerkurs unter Steffi Jones, der mit Verspätung die 2:3-Heimpleite gegen Island zum Verhängnis wurde, sind die Vorgaben eindeutig.

„Horst Hrubesch hat die Mannschaft längst aus der Negativspirale rausgeholt“, hat seine neue Co-Trainerin Britta Carlson bemerkt, die bis zur vergangenen Saison noch beim VfL Wolfsburg arbeitete und die Leistungsträgerinnen wie Almuth Schult, Lena Goeßling oder Alexandra Popp bestens kennt. Sie sind jetzt die Achse, weil mit Babett Peter (Bauchmuskelverletzung) und Dzsenifer Marozsan (Lungenembolie) zwei Stützen weggebrochen sind. Doch wie sagt die ehemalige Nationalspielerin und gebürtige Kielerin Carlson, die bald an der Seite der künftigen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg die Zukunft gestalten wird: „Wir hatten ohnehin nie vor, die Verantwortung nur einer Person aufzuladen.“

Reykjavik wird zum wichtigsten Wegweiser für den deutschen Frauenfußball in der jüngeren Vergangenheit. Mit einem Sieg würden die DFB-Frauen die Tabellenführung übernehmen, könnten frohen Mutes am Sonntagabend weiter auf die Färöer Insel fliegen, um am Dienstag den Haken an die Direktqualifikation für die WM 2019 in Frankreich zu machen.

Begeisterung auf Island

Denselben Plan verfolgen dummerweise auch Sara Björk Gunnarsdottir (VfL Wolfsburg) und ihre Mitstreiterinnen, die zum Abschluss zuhause gegen Tschechien antreten. Heute strömen erstmals 15 000 Landsleute ins Nationalstadion Laugardalsvöllur. Sie werden in geübter Manier die Hände über den Kopf führen, dann immer schneller klatschen und ihr berühmtes „Hu! Hu! Hu!“ rufen. Noch nie war die zugige Spielstätte im Stadtteil Laugardalur – im Warmwassertal gab es früher freiliegende Bäche mit heißem Wasser – für ein Spiel der Frauen ausverkauft, obwohl sie in Fußball-Europa schon viel früher konkurrenzfähig waren als die Männer. Nun erfasst die mit der EM 2016 explodierte Fußball-Begeisterung des 340 000-Einwohner-Volkes Frauen und Männer gleichermaßen.

Sollte der zweifache Frauen-Weltmeister Deutschland auf einer Insel, deren Landfläche zu fast der Hälfte aus Flüssen, Seen und Lavafeldern besteht, Schiffbruch erleiden, hätte das historischen Charakter. Denn die Playoff-Spiele für die vier besten Gruppenzweiten sind tückisch, weil gerade einer noch die Frankreich-Fahrkarte löst. Das Verpassen der WM wäre für den Olympiasieger gleichbedeutend damit, auch bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio nicht dabei zu sein. Und es wäre der bittere Beweis, dass auch der Frauenfußball auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene seine Vormachtstellung verspielt hat.

Angst, hat Hrubesch gesagt, mache in dieser Situation keinen Sinn. Der DFB-Sportdirektor hat vor allem den Chancenwucher als Ursache für die Hinspielniederlage ausgemacht. Doch in Wiesbaden hatte die DFB-Auswahl insgesamt keine Antwort auf die kompakte, körperbetonte Spielweise des Gegners. Carlson benennt die Haltung, um der „überragenden Mentalität“ der Isländerinnen beizukommen: „Wir sind fußballerisch die bessere Mannschaft. Wir werden vermutlich nicht supertollen Fußball bieten können, aber auch wenn es windig ist oder regnet, darf uns das nicht abhalten.“

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