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WM-Qualifikation Historisches Desaster

1. Update Nach der 2:3-Pleite in der WM-Qualifikation gegen Island rechnet die Bundestrainerin Steffi Jones mit der eigenen Mannschaft ab: „Die Ampel ist Rot“.

Deutschland - Island
Die Isländerinnen waren diesmal näher am Ball: Babett Peter (links( und Kathrin Hendrich (2. von rechts) haben gegen Sif Atladottir und Ingibjörg Sigurdardottir (rechts) das Nachsehen. Foto: dpa

Immerhin war Hallbera Gisladottir hinterher so freundlich, die tragbare Lautsprecheranlage kurzzeitig auszuschalten. Eine isländische Fußballerin ersparte den deutschen Kolleginnen beim Abgang aus dem Wiesbadener Stadion den wummernden Bass, der alsbald den Gäste-Bus beschallen sollte.

Nur wenige Meter schlichen die deutschen Nationalspielerinnen wie begossene Pudel in ihr Luxusgefährt, das wie besprochen um 19 Uhr aus der engen Ausfahrt zur Berliner Straße bog. Was denn auch wohl der einzige planmäßige Ablauf an einem milden Herbstabend war, der für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft einen historisch schlechten Verlauf genommen hatte. Nach einer hochnotpeinlichen 2:3 (1:1)-Heimniederlage in der WM-Qualifikation gegen Island steht Grundsätzliches auf dem Prüfstand. Und auf einmal ist das deutsche Ticket zur Endrunde 2019 in Frankreich kein Selbstläufer mehr. 

„Ich empfinde eine große Enttäuschung. Wenn die Mannschaft es braucht, gibt es noch mehr Peitsche“, kündigte Steffi Jones an, die als Bundestrainerin noch nie eine solche Distanz zu ihren Spielerinnen aufbaute wie an diesem schwarzen Freitag in der hessischen Landeshauptstadt. „Wir haben die Dinge klar angesprochen: Konter, Robustheit, Zweikampfstärke. Es ist sehr ärgerlich, wenn man als Trainerin feststellt, dass die Mannschaft trotz guter Vorbereitung auf den Gegner nicht gegenhält.“ Ihre Warnungen waren auf taube Ohren gestoßen. Nun hörte sich die Mahnung der 44-Jährigen bereits martialisch an: „Die Ampel ist Rot.“

Der Weg zur WM-Endrunde wird auf jeden Fall schwerer als gedacht. Mittelfeldspielerin Lena Goeßling erschrak, als sie sich ausmalte: „Wenn wir uns nicht qualifizieren, gibt es keine WM, keine Olympischen Spiele. Unvorstellbar!“ Aber auf einmal nicht unmöglich. Nur die sieben Gruppenersten haben aus Europa das Ticket nach Frankreich sicher, von den besten vier Gruppenzweiten wird in mühsamen Playoffs noch ein einziger weiterer WM-Teilnehmer ausgespielt.

Das Horrorszenario solcher Nervenspiele gegen Gegner wie Niederlande oder Norwegen ist nach dem desaströsen Gesamtauftritt in der blechernen Heimat des Drittligisten SV Wehen Wiesbaden ein Stück weit wahrscheinlicher geworden. Wie konnte das passieren? „Wir stehen uns selber auf den Füßen“, bekannte Tabea Kemme, die anfügte: „Es ist eine mentale Sache.“ Mit dem Viertelfinal-Aus bei der EM in den Niederlanden hat das erfolgsverwöhnte Ensemble gleichzeitig sein Selbstverständnis verloren. 

Nach dem 0:1 durch Dagny Brynjarsdottir (15.) köpfelte Alexandra Popp zwar das schmeichelhafte 1:1 (43.), doch dann stellten Elin Jensen (47.) und erneut Brynjarsdottir (58.) für die taktisch besseren Gäste die Weichen auf Sieg. Das 2:3 der eingewechselten Lea Schüller (88.) kam zu spät. „Es hat heute absolut nicht funktioniert“, räumte Kapitänin Babett Peter ein. 

4292 Zuschauern erlebten den Beleg, dass von der früheren Vormachtstellung kaum mehr etwas übrig ist – statt dessen feierte Island seinen ersten Länderspielsieg überhaupt gegen die DFB-Auswahl, die zudem seit fast 20 Jahren kein Qualifikationsspiel (2:3 gegen Norwegen am 17. Juni 1998) mehr verloren hatte. Nebenbei hat sich der deutsche Frauenfußball seinen Island-Tiefpunkt erschaffen. „Das ist es, das ist ein Tiefpunkt“, bestätigte Jones, auch wenn sie sich nicht zu einer Wutrede wie einst Rudi Völler 2003 in Reykjavik verführen ließ.

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