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U-20 Nationalmannschaft Vorboten der Sinnkrise

Das Aus der U20 im WM-Viertelfinale offenbart zur Unzeit das Nachwuchsproblem im deutschen Frauenfußball.

Deutschland - Japan
Zum Davonlaufen: Nach Jun Endos (links) Treffer wenden sich die Deutschen mit Grauen ab. Foto: afp

Sind das die Bilder, an die sich der deutsche Frauenfußball künftig gewöhnen muss? Die Japanerin Jun Endo jubelt, während die Deutsche Sophia Kleinherne auf dem Boden kauert. Eine Momentaufnahme aus dem verlorenen Viertelfinale der U20-WM, bei der der deutsche Nachwuchs gegen starke Japanerinnen eine völlig verdiente Niederlage (1:3) kassierte.

„Sportlich konnte man sehen, was uns derzeit vielleicht noch fehlt“, sagte Nationaltrainerin Maren Meinert. Das Aus im Stade de la Rabine in Vannes in der Bretagne war insofern historisch, weil das Stoppschild für den erfolgsverwöhnten Unterbau genau wie 2016 im ersten K.o.-Spiel auftauchte. Am Tag danach räumte Meinert in einem Interview auf der Verbandshomepage ein: „Gegen eine Mannschaft wie Japan, die auf allen Positionen gut besetzt ist, reicht es dann leider nicht.“

Es ist bereits das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit, dass die 45-Jährige in ihrer Doppelrolle als U19- sowie U20-Trainerin eine chancenlose DFB-Auswahl anleitete. Ende Juli verlor die U19 das EM-Finale gegen Spanien (0:1), und das Resultat schmeichelte dem Rekordsieger Deutschland. Ähnliches war Ende Mai der U17 im EM-Finale gegen denselben Gegner passiert. 

Joti Chatzialexiou, der beim DFB für den Frauenfußball zuständige sportliche Leiter, äußerte sich am Sonntag in einer Stellungnahme auf FR-Anfrage vom Ausgang der U20-WM explizit „enttäuscht“. Insgesamt gelte: „Sicherlich war dieses Turnierjahr hinsichtlich des Abschneidens unserer Frauen und Juniorinnen insgesamt zufriedenstellend – aber leider auch nicht mehr! Wir wollen unsere Spielerinnen – mit unseren Vereinen – wieder so entwickeln, dass wir auch in der Lage sind, Titel zu gewinnen.“ 

Dafür fehlen in fast allen Jahrgängen Spielerinnen, die in entscheidenden Momenten den Unterschied machen. Die ehemalige Nationalspielerin Kim Kulig, aktuell Trainerin bei der zweiten Mannschaft des 1. FFC Frankfurt, warnte bereits Anfang des Jahres: „Bei Persönlichkeit und Mentalität sind wir im Vergleich zu anderen Nationen schwächer.“ Kulig wurde 2010 mit dem Bronzenen Ball als drittbeste Spielerin einer U20-WM ausgezeichnet. Damals gewann die deutsche U20 genau wie 2014 noch den Weltmeistertitel, weil heutige A-Nationalspielerinnen wie Dzsenifer Marozsán, Alexandra Popp, Sara Däbritz oder Leonie Maier als Leistungsträgerinnen vorangingen. Nun stach allenfalls die erst 16-jährige Lena Oberdorf (SGS Essen) hervor, während Laura Freigang (1. FFC Frankfurt) und Kapitänin Jana Feldkamp (SGS Essen), beide 20, abtauchten. 

Schon die Vorrundensiege gegen Nigeria (1:0) und China (2:0) und Haiti (3:2) offenbarten teils eklatante Schwächen. Die kämpferische Einstellung konnte im Viertelfinale die spielerischen Defizite nicht wettmachen. Am Zusammenhalt hat es nicht gemangelt, der Hashtag #EinefürAllez soll nicht nur PR-Zwecken gedient haben. Die Mischung aus vier Jahrgängen (1998-2001) harmonierte dem Vernehmen nach gut. Verteidigerin Tanja Pawollek vom 1. FFC Frankfurt versicherte: „Wir waren ein super Team, eine geschlossene Einheit, umso trauriger, dass es so ein Ende hat.“ 

Chatzialexiou vermisste „die absolute Souveränität und Überlegenheit, die uns in der Vergangenheit mal ausgezeichnet hat“. Kurz vor dem Turnier rühmte sich der Verband noch für sein Talentförderprogramm: 81 Prozent der U20-Spielerinnen wurden an einem der 266 DFB-Stützpunkte gefördert, ein Dutzend hatte bereits Bundesliga-Erfahrung gesammelt. Doch für ein WM-Halbfinale reichte das nicht mehr. 

Dort stehen - auch zum Leidwesen von Chatzialexiou - mit Gastgeber Frankreich, England und Spanien drei europäische Nationen, die auf vielen Ebenen gewaltige Anstrengungen unternehmen, um Deutschlands Führungsanspruch anzugreifen. Der DFB muss neue Konzepte liefern, um die einstige Vormachtstellung auf Vereins- und Nationalmannschaftsebene nicht vollends zu verspielen.

Ralf Kellermann, Sportdirektor des VfL Wolfsburg, warnte schon häufiger, dass der Anschluss zur Weltspitze verlustig gehen könnte. Vielleicht wird die Grundsatzdebatte (noch) nicht geführt, weil das Scheitern beim Testturnier für die Frauen-WM 2019 in Frankreich zur Unzeit kommt. Am 1. September bestreitet die Frauen-Nationalmannschaft ihr entscheidendes WM-Qualifikationsspiel auf Island. Ohne Deutschlands Fußballerin des Jahres Marozsan, die an einer Lungenembolie leidet. Weil die Frauen-Bundesliga – auch wegen der U20-WM – erst am 15. September startet, hat Interimstrainer Horst Hrubesch gerade erst ein Kurztrainingslager in Harsewinkel abgehalten. Sein Team sind in Reykjavik zum Siegen verdammt. Sonst erfasst die große Sinnkrise im deutschen Fußball endgültig auch die Frauen. 

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