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Frauenfußball-EM Löwinnen mit Gänsehaut

EM-Gastgeber Niederlande startet mit einem knappen Sieg gegen Norwegen. Sogar Königin Máxima und König Willem-Alexander erfreuen sich daran.

Frauen-EM
Die Niederlande ist mit einem Sieg gegen Norwegen ins Turnier gestartet. Foto: dpa

Hinterher hat eine Frau auf dem Parkplatz vor dem Stadion Galgenwaard in Utrecht noch lange warten müssen. Aber Louis van Gaal konnte und wollte noch nicht gehen, wenn ihm so viele Sympathien zufliegen – selbst wenn seine Gattin eigentlich abfahrbereit war. Ein Selfie nach dem anderen ließ der niederländische Kulttrainer über sich ergehen – die meisten knipste er sogar selbst, damit es schneller ging. Zwischendrin übermittelte der 65-Jährige seine Wertschätzung über das, was nicht nur ihn am Sonntagabend beeindruckt hatte.

„Fantastische Atmosphäre, gutes Niveau, schönes Spiel. Das war echte holländische Fußballschule.“ Der Großmeister, der schon bei Topklubs wie dem FC Barcelona, Bayern München und Manchester United gelehrt hat, sprach über die niederländische Nationalmannschaft. Die der Frauen, die ihr EM-Eröffnungsspiel gegen Norwegen (1:0) zu einer Demonstration des Fortschritts genutzt hatten. Van Gaal holte etwas weiter aus: „Der niederländische Frauenfußball ist noch nicht so populär. Fußball ist hier eine Männerwelt. Aber das Interesse kommt.“

Elftal auf ausgedehnter Ehrenrunde

Neben dem ehemaligen Bondscoach, einst zum Ritter im Orden von Oranien-Nassau geschlagen, klatschten auf der Tribüne die wichtigsten Repräsentanten des Herrschaftshauses kräftig Beifall: Königin Máxima und König Willem-Alexander, die sich später zum Erinnerungsfoto mit erhobenen Daumen in die Kabine begaben. Schon ihr Erscheinen vor Anpfiff löste einen Beifallssturm aus, dessen Phonstärke nur übertroffen wurde, als Shanice van de Sanden das überfällige 1:0 köpfte (66.). Die schnelle Flügelspielerin lief danach zur Ehrentribüne, um sich mit dem König auszutauschen. „Ich habe ihm zugewinkt, er hat zurückgewinkt – ich hatte Gänsehaut“, bekannte die 24-Jährige ergriffen.

Ein hübscheres Drehbuch hätte für die „Oranje Leeuwinnen“, die Löwinnen in Orange, keiner schreiben können, als gleich den härtesten Rivalen der Gruppe A derart romantisch zu überrennen. Für die „unglaubliche Entwicklung des Damenfußballs“ (van Gaal) war es die perfekte Bühne: Die 21 732 Besucher in der ausverkauften Heimstätte des FC Utrecht bedeuteten genauso Rekord für ein Frauenfußballspiel in den Niederlanden wie die 2,11 Millionen Fernsehzuschauer für den Sender NOS. Auch die niederländischen Tageszeitungen sind aus ihrer Lethargie erwacht und widmeten dem „vliegenden start de oranjevrouwen“, dem fliegenden Start der Oranje-Frauen, auf den Titelseiten am Montag eine gleichrangige Würdigung neben Tour-de-France-Etappensieger Bauke Mollema.

Als in der Heimstätte des FC Utrecht der Abpfiff ertönte, verdonnerte der norwegische Coach Martin Sjögren sein enttäuschendes Ensemble sofort zum Auslaufen, während sich die Elftal auf eine ausgedehnte Ehrenrunde begab, bei der sich viele Emotionen entluden. Es war genau der Impuls, den das Turnier als unverkrampftes Startsignal brauchte. Druck habe sie keinen verspürt, bekannte die Nationaltrainerin Sarina Wiegman später, „wir wollten die Gelegenheit nutzen, wie gut wir sind.“ Nun habe man sicherlich „einen großen Schritt gegen eine große Nation“ gemacht, sagte die 47-Jährige noch, ohne dabei überheblich zu klingen.

Angeordnet im landestypischen 4-3-3 entfaltete ihr Team eine Angriffswucht, angesichts welcher interessant wäre, wie damit die deutsche Mannschaft in einem durchaus möglichen Viertelfinale fertig würde. „Erst einmal spielen wir gegen Dänemark“, sagte die trickreiche Angreiferin Lieke Martens, „das ist unser nächstes Spiel.“ Es ist kein verkehrter Ansatz in einer aufstrebenden Gastgebernation, keine allzu großen Ziele hinauszuposaunen. „Wir wollen das einfach nur genießen“, sagte die durchsetzungsstarke Mittelstürmerin Vivianne Miedema, die sich einen Tag nach ihrem 21. Geburtstag unbedingt mit einem Tor beschenken wollte – und häufig die besser postierte Mitspielerin übersah.

Die überragende Partie spielte daher Mittelfeldspielerin Jackie Groenen vom 1. FFC Frankfurt, die so lange in der Vorbereitung um die bei den Holländern ja so begehrte Nummer von Johan Cruyff gebettelt hatte, bis die Trainerin sie irgendwann fragte: „Willst du die 14 tragen?“ Bei der 22-jährigen Frohnatur, die tatsächlich Pässe spielen kann, die eine ganze Abwehr zerschneiden, sind damit längst noch nicht alle Wünsche erfüllt. „Mein Traum ist ein Finale gegen Deutschland. Und dann kurz vor Schluss 2:1 gewinnen.“ Louis van Gaal würde mit einiger Sicherheit kräftig applaudieren.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frauenfußball-EM 2017

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