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Frauenfußball Bloß kein schlechtes Omen

Im EM-Finale der U19 ist Deutschland völlig chancenlos. Vor der U20-WM und dem wichtigen WM-Qualifikationsspiel auf Island kommt die Lehrstunde für den Frauenfußball zur Unzeit.

Nicole Anyomi
Hatte im EM-Finale einen schlechten Tag erwischt: Die 18-jährige Nicole Anyomi konnte sich gegen Spanien nicht in Szene setzen. Foto: dpa

Nadine Keßler gab sich wirklich allergrößte Mühe, ihrer Doppelrolle gerecht zu werden. Eigentlich war die frühere Weltfußballerin, die wegen eines Knieschadens viel zu früh ihre Karriere beenden musste, im schweizerischen Biel auf den Rasen gekommen, um nach dem Finale der U19-Europameisterschaft der Frauen – Spanien bezwang Deutschland am Montagabend mit 1:0 – die Plaketten umzuhängen. Aber damit konnte es die 30-Jährige unmöglich bewenden lassen: weil zu ihr Spielerinnen in schneeweißen Trikots schlichen, deren Gesichtsausdruck ein Hilfeschrei nach Aufmunterung war. Tapfer versuchte sich die hauptberuflich angestellte Uefa-Beraterin als Trostspenderin: Sydney Lohmann (FC Bayern), Meret Wittje (VfL Wolfsburg) oder Nicole Anyomi (SGS Essen) nahm sie entweder in den Arm, gab einen Klaps auf die Schulter oder flüsterte etwas ins Ohr.

Stina Johannes (USV Jena) streifte sich indes die Silbermedaille sofort wieder vom Hals, denn die 18-jährige Torhüterin wusste am besten, wie gut sie mit dem von Maria Llompart verwandelten Freistoß (80.) bedient war. Allein viermal retteten Latte oder Pfosten. „Wir haben das Finale völlig verdient verloren“, räumte Nationaltrainerin Maren Meinert ein. „Wir haben nie zu unserem Spiel gefunden.“

Für die zwar mit einigen Nachwuchstiteln dekorierte, aber nicht nach höheren Ambitionen strebende Fußballlehrerin bietet sich immerhin die Chance zur schnellen Reparatur. Meinert verantwortet parallel auch das U20-Nationalteam, deren WM am kommenden Wochenende in Frankreich beginnt. Die 44-Jährige musste zwischen Ernstfall da und Vorbereitung dort eine Art Jobhopping betreiben.

Meinert doppelt gefordert

Mitten während der U19-EM sah sie beispielsweise vor einer Woche einen 5:1-Testspielsieg der U20 gegen die Niederlande. Zuvor war ein Vier-Nationen-Turnier mit Niederlagen gegen Frankreich und USA so ernüchternd verlaufen, dass DFB-Boss Reinhard Grindel konstatierte, Leistungen und Ergebnisse seien unter den Erwartungen geblieben, „ich bin aber optimistisch, dass Maren Meinert und das Trainerteam an den richtigen Stellschrauben gedreht haben.“

Vieles mag dem kritisierten Verbandschef zuletzt verborgen geblieben sein, aber er bekommt mit, dass auch der deutsche Frauen und Mädchenfußball seine Vormachtstellung verspielt. Das A-Team blamierte sich bei der EM 2017 in den Niederlande bekanntlich dermaßen, dass Bundestrainer Steffi Jones mit Verzögerung den Job verlor. Bei der U19 liegt der letzte EM-Titel nun sieben Jahre zurück. Und auch das U17-EM-Finale gewannen die taktisch und technisch den Maßstab setzenden spanischen Mädchen gegen den deutschen Unterbau.

Die U20-WM, bei der Deutschland in der Vorrunde auf Nigeria (6. August), China (9. August) und Haiti (13. August) trifft, gilt als allerwichtigster Wegweiser für die Nachwuchsarbeit. In die Bretagne reist der zweifache Weltmeister (2010 und 2014) als Wundertüte. „Wir haben einen sehr guten Jahrgang“, behauptet Tanja Pawollek vom 1. FFC Frankfurt, der mit vier Spielerinnen die größte Fraktion stellt. Der VfL Wolfsburg ist hingegen im Kader gar nicht vertreten: Seine Toptalente rekrutiert der Doublesieger längst vorwiegend im Ausland.

Für den deutschen Frauenfußball sind es wegweisende Woche: Auf das Finale der U20-WM am 24. August folgt das entscheidende WM-Qualifikationsspiel der A-Nationalmannschaft auf Island am 1. September. In Reykjavik ist der zweifache Weltmeister zum Siegen verdammt, will er nicht die WM 2019 in Frankreich verpassen. Richtig günstig liegt der Termin nicht. Die Nachwuchsturniere sind mit ein Grund, dass die Frauen-Bundesliga erst Mitte September startet, was bedeutet, dass Interimstrainer Horst Hrubesch und seine vom VfL Wolfsburg abgeworbene Assistentin Britta Carlson das wichtigste Spiel des Jahres als Kaltstart angehen müssen.

Nervenspiele drohen

Schon bei einem Remis käme auf die DFB-Auswahl wohl ein Qualifikationsturnier mit den vier besten Gruppenzweiten zu, von denen nur einer noch ein Ticket für die Endrunde löst. Ein Nadelöhr, an dem das junge Team scheitern kann. Der DFB musste vorsorglich die Austragungsorte für seine Heimspiele im Herbst benennen und entschied sich für Essen und Osnabrück. Niemand will dort wirklich Nervenspiele erleben.

Die künftige Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg – derzeit noch an die Schweiz gebunden – wird schon genau wissen, warum sie partout erst nach Ende des gesamten Qualifikationsprozesses anfängt. Mittlerweile würde es ja die Sinnkrise des deutschen Fußballs komplett machen, wenn auch die weiblichen Erfolgsgaranten so tief stürzen wie nie zuvor in der Verbandsgeschichte.

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