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Frauen-Nationalmannschaft Horst Hrubesch sagt leise Servus

Der Trainer hat sein Mission fast erfüllt: Die DFB-Frauen können die endgültige Qualifikation für die WM 2019 in Frankreich heute perfekt machen.

Horst Hrubesch
Fels in der Brandung: Horst Hrubesch am Spielfeldrand. Foto: Brynjar Gunnarsson (dpa)

Im Fußball soll es wirklich nichts geben, was Horst Hrubesch nicht erlebt hat. Beispiel gefällig? Sogar eine Beinahe-Blamage gegen die Färöer Inseln führt der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) im Portfolio. Und so kann das einstige Kopfball-Ungeheuer wie auf Knopfdruck die Episode aus dem Gedächtnis hervorkramen, wie er sich einmal während eines EM-Qualifikationsspiels der U21-Nationalmannschaft entgeistert am Kinn kratzte. „Wir lagen nach 70 Minuten mit 1:2 zurück. Ich habe zu meinem Co-Trainer gesagt: ‚Wenn das so bleibt, werden wir entlassen.‘ Dann aber hat uns Amin Younes mit seinem Tor zum 3:2 gerettet.“

Die Geschichte trug sich tatsächlich genau so am 15. Oktober 2013 im Kasseler Auestadion zu. Als Interimstrainer der Frauen-Nationalmannschaft könnte sie der 67-Jährige aus aktuellem Anlass auch Almuth Schult, Kristin Demann und Alexandra Popp erzählen, aber die Führungsspielerinnen sind der Überheblichkeit eher unverdächtig. Eine Mahnung für das letzte WM-Qualifikationsspiel auf den Färöer Inseln (17 Uhr/ ARD) braucht es nicht wirklich, denn heute wollen die DFB-Frauen die endgültige Qualifikation für die WM 2019 in Frankreich perfekt machen. „Wir müssen noch mal draufbeißen und Gas geben“, fordert Hrubesch, was auf dem ungewohnten Kunstrasen im Stadion Tórsvollur von Torshavn gelingen sollte.

Jede Akteurin hat nach dem 2:0-Erfolg in Island eilfertig versichert, die professionelle Haltung für den gesamten Nordatlantik-Trip zu wahren, mag es hier noch so heftig stürmen oder regnen. Nachdem das Nervenkostüm in einer Begegnung nicht versagte, „in der es um die Geschichte des Frauenfußballs in Deutschland ging“ (Popp), steht der nächste Sieg nicht infrage. Beim Hinspiel in Großaspach (11:0) kam der Gegner kaum einmal über die Mittellinie. Sieben Niederlagen bei einem Torverhältnis von 1:45 zeugen von akuter Überforderung. Kein Wunder, denn auf den dünn besiedelten Schafsinseln sind gerade 350 aktive Fußballerinnen im Erwachsenenalter registriert. Hrubesch-Kollege Petur Clementsen hat als alleiniges Ziel ausgeben, bei „mehr Widerstand weniger Gegentreffer zu kassieren als im Hinspiel“.

Auf deutscher Seite stimmt längst wieder die Körpersprache. „Horst hat uns Sicherheit, Souveränität und Selbstvertrauen gegeben“, bekundet Melanie Leupolz, die Münchner Musterschülerin, die mit Klubkollegin Sara Däbritz in Abwesenheit von Dzsenifer Marozsan (Lungenembolie) die Mittelfeldregie übertragen bekam. Die unter Hrubesch bevorzugte Ausrichtung in einem 4-4-2-System mit einem starken Zentrum und ständig doppelt besetzten Flügeln orientiert sich eng an der Ausrichtung, mit der einst Silvia Neid die größten Erfolge im deutschen Frauenfußball feierte.

Auch für solche Rückbesinnung prasselt noch einmal viel Lob auf den Nothelfer herab. „Horst hat einen super Job gemacht“, sagt DFB-Präsident Reinhard Grindel. „Bemerkenswert, wie er die Mannschaft mit seiner Menschenführung in die Spur gebracht hat“, ergänzt der Sportliche Leiter Joti Chatzialexiou.

Ein Auge auf die Schweiz

Aber auch dem Trainer selbst, der mit dem U21-EM-Titel mit der Neuer-Özil-Generation 2009 und Silbermedaille beim Olympischen Fußballturnier 2016 Meilensteine setzte, hat der Abstecher in den Frauenfußball den Horizont erweitert. Am Anfang habe er schon gedacht: „Mann, was hast du dir für eine schöne Suppe eingebrockt.“ Aber dann habe die Chemie gestimmt, sagt er. „Die Mädels haben mir etwas gegeben, was ich nicht so kannte. Ihre Ehrlichkeit, ihr Auftreten faszinieren mich.“

Einen Bund fürs Leben mussten der „Hotte“ und seine „Mädels“ nicht eingehen, aber zwischen beiden Seiten ist etwas zusammengewachsen. „Wenn ich erst 60 wäre“, hat Hrubesch in Reykjavik sinniert, „dann würde ich mir das fast überlegen.“ Nämlich noch ein bisschen länger zu bleiben. Aber vielleicht wird seine Mission ja unfreiwillig ohnehin verlängert.

Wenn nämlich Martina Voss- Tecklenburg mit der am Dienstag in Polen spielenden Schweizer Nationalmannschaft noch den direkten Zugang zur WM-Endrunde verpasst, dann wird sich der für den 15. September avisierte Amtsantritt der künftigen Bundestrainerin verzögern. Die Testspiele im Oktober und November würde dann weiterhin Hrubesch anleiten. Spätestens zum Jahresende soll dann aber endgültig Schluss sein für den leutseligen Allesmacher, der auf seine ganz spezielle Art mit Jung und Alt, Männern und Frauen, harmoniert.

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