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Tabea Kemme „Uns geht es doch richtig gut“

Fußball-Nationalspielerin Tabea Kemme spricht vor dem Achtelfinale gegen Schweden über den Reiz anderer Sportarten sowie den schwierigen Spagat zwischen Sport und Beruf

Sportlich so vielseitig wie keine zweite deutsche Nationalspielerin. Tabea Kemme (rechts). Foto: rtr

Tabea Kemme ist in der DFB-Auswahl überraschend als linke Verteidigerin in die Stammelf gerückt. Ein Gespräch mit der 23-Jährigen über Grenzerfahrungen – in anderen Sportarten und in ihrer Ausbildung zur Polizei-Kommissarin.

Sie sind vermutlich sportlich die vielseitigste deutsche Fußball-Nationalspielerin. Was ist gefährlicher: Bungeejumping, Wakeboarden oder eine Grätsche auf Kunstrasen?
Da würde ich echt sagen: die Grätsche auf dem Kunstrasen.

Warum?
In diesem Fall bin ich immer von einem Gegner beeinflusst. Beim Fallschirmsprung muss ich mich darauf verlassen, dass mein Schirm aufgeht; auf dem Wakeboard kann mir eigentlich auch keiner dazwischenkommen.

Was macht am meisten Spaß?
Ich habe mich definitiv für den Fußball entschieden – wenn ich daran keinen Spaß hätte, könnte ich das auf diesem Niveau und mit diesem Zeitaufwand gar nicht aushalten. Aber ich brauche auch die Abwechslung anderer Sportarten.

Sie machen Reiten, Triathlon, Leichtathletik und Volleyball.
Ich würde mich da wirklich als Multifunktionstalent beschreiben. Es fing bei mir ja auch so an, dass mir meine Eltern erst mit neun Jahren erlaubt haben, in den Fußballverein zu gehen. Sie wollten, dass ich mich noch nicht speziell auf eine Sportart festlege. Und jetzt ist eben Sport allgemein mein Ding.

Es gibt noch etwas Zeitraubendes in ihrem Leben: Sie machen parallel eine Ausbildung zur Kommissarin.
Letztlich ist es ein duales Studium an der Fachhochschule der Polizei. Gerade absolviere ich mein sechsmonatiges Praktikum als Streifenpolizistin. Im September gehe ich wieder an die Uni und nächstes Jahr habe ich ein halbjähriges Praktikum bei der Kriminalpolizei.

Wie bekommen Sie das alles unter einer Hut?
Man benötigt schon ein gutes Zeitmanagement, denn 20, 30 Stunden die Woche muss ich dafür einplanen. Ich mache oft die „Mutti-Schicht“ von 8 bis 16 Uhr und fahre direkt danach zum Training, das bei Turbine Potsdam um 17.30 Uhr beginnt. Bisher bekomme ich das ganz gut gebacken.

Und Nachtschichten?
Habe ich auch hinter mir. Aber nur an spielfreien Wochenenden, denn das wird sonst doch zu hart (lacht). Deswegen ist die WM für mich fast ein Luxus, weil ich nicht noch nebenbei arbeiten muss.

Sie sehen im Alltag die Schattenseiten unserer Gesellschaft?
Definitiv. Wenn der Notruf in der Wache eingeht, muss ich ja mit raus. Da waren Fälle dabei, die hätten grenzwertig enden können. Einmal war ein Mann dabei, der an Schizophrenie litt; dann muss man sich fragen, wie man kommunikativ an ihn herankommt. Meine Kollegin hat einen Fall häuslicher Gewalt aufgenommen, als eine Frau ihren Mann geschlagen hat. So was gibt’s auch.

Besteht nach der WM nicht die Gefahr, dass jemand bei der Festnahme sagt: Hey, sind Sie nicht diejenige, die im Frauen-Nationalteam spielt?
Das ist bereits bei zwei, drei Verkehrsunfällen in Potsdam vorgekommen. Dadurch war die Gesprächsatmosphäre gleich viel besser, muss ich sagen.

Ein Nationalspieler bei den Männern würde über so eine Doppelbelastung den Kopf schütteln.
Ich hatte das Thema gerade mit Nadine Angerer am Mittagstisch: Man vergleicht uns jetzt wieder oft mit den Männern, aber das ist falsch. Wir müssen uns mit anderen Sportarten von Frauen vergleichen, und ich kenne selbst viele, die müssen sogar noch bezahlen, um Wettkämpfe zu bestreiten. Uns geht es doch richtig gut. Aber klar mache ich die Ausbildung bei der Polizei ja auch, um nach der Karriere etwas zu haben, denn vom Fußball alleine kann ich nicht leben.

Lernen Sie hier in Ottawa auch für ihre Ausbildung?
Ich schaue mal rein. Gerade habe ich mich mit Einsatzlehre beschäftigt. Da geht es darum, welche Zettel bei einer Trunkenheitsfahrt ausgefüllt und welche Funksprüche abgesetzt werden müssen.

Lenkt das nicht ab?
Nee, auf keinen Fall.

Ihre WM-Nominierung stand auf der Kippe. Silvia Neid soll Ihnen einen Wink mit dem Zaunpfahl gegeben haben.
Das war vor dem Algarve-Cup, als ich nicht für den Kader nominiert wurde. Ich war gerade an der Uni, als mich Almuth Schult, unsere Ersatztorhüterin und meine Zimmerkollegin, informiert hat, warum ich nicht dabei sei. Die Nichtnominierung war für mich ein Weckruf. Da dachte ich dann: Jetzt wird es aber Zeit. Und dann habe ich Gas gegeben.

Sind Sie überrascht, jetzt Stammspielerin zu sein?
Total überrascht. Ich habe ja monatelang gezittert, überhaupt dabei zu sein.

Von der EM 2013 ist bekannt, dass Silvia Neid damals vor der K.-o.-Runde die jüngere Generation zu Vorträgen zu Themen wie Mut, Leidenschaft, Ehre oder Teamgeist animiert hat. Was ist denn diesmal passiert?
Wir haben einfach mit der Mannschaft ein Fazit nach der Gruppenphase gezogen. Wir sind uns einig, dass es jetzt darauf ankommt. Wir müssen mit voller Leidenschaft in dieses Achtelfinale gehen. Es gibt nur hopp oder top.

Kann man jetzt auf Knopfdruck gegen Schweden den Kampfmodus anschalten?
Ich finde das geil! Jetzt kommen die 50:50-Spiele, in denen es um alles geht. So ein K.-o.-Spiel löst eine ganz andere Spannung in einem aus. Da kommt’s drauf an.

Passt es Ihnen, gegen Schweden zu spielen?
Ich glaube, ich habe dreimal schon gegen die gespielt, zweimal im Frühjahr erst beim Algarve-Cup. Mir liegt das, weil es immer sehr körperbetont zugeht. Ich denke, es gewinnt derjenige, der dem anderen sein Spiel aufdrängen kann.

Weil Sie das unter dem gefürchteten Schleifer Bernd Schröder in Potsdam gelernt haben?
Ich glaube, dass die Trainingsintensitäten bei den vier Spitzenmannschaften der Frauen-Bundesliga – FC Bayern, VfL Wolfsburg, 1. FFC Frankfurt und wir – mittlerweile ähnlich sind. Kann sein, dass die Methodik in Potsdam eine andere ist, aber ich kenne das gar nicht anders. Ich bin ja seit fast zehn Jahren dort.

Haben Sie sich denn auch schon mal im Training übergeben müssen?
Ich stecke das harte Training gut weg: Noch ist bei mir alles heil.

Interview: Frank Hellmann

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