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Nadine Angerer „In Frankfurt musste man nur funktionieren“

Nationaltorhüterin Nadine Angerer spricht über ihren Ex-Klub, Spiele auf Kunstrasen bei der WM und weshalb sie nicht an Rücktritt denkt.

Nadine Angerer ist die erfolgreichste Torhüterin weltweit. Foto: imago/Jan Huebner

Ehrgeizig und extravagant, ausdauernd und unangepasst – diese Eigenschaft verkörpert Nadine Angerer. Die Kapitänin der Fußball-Nationalmannschaft der Frauen verrät in ihrem Buch „Nadine Angerer: Im richtigen Moment. Meine Story“ Hintergründe zu ihrem Werdegang zur Weltfußballerin und Weltenbummlerin. Im Interview erläutert die 36-Jährige darüber hinaus ihre Kritik am 1. FFC Frankfurt, erklärt ihren Fitnesszustand vor dem Algarve-Cup im März und ihre Klage gegen die Fifa wegen des Kunstrasens bei der WM in Kanada.

Was hat Sie bewogen Ihre Autobiografie herauszubringen?
Es gab keinen bestimmten Grund. Ich kenne die Autorin Kathrin Steinbichler lange, und als wir mal wieder über die alten Anekdoten geredet haben, kam uns die Idee, das alles doch mal aufzuschreiben.

Wird man mit so einem Werk reich?
Nee, natürlich nicht. Aber es macht einfach Spaß, das alles zu reflektieren. Außerdem ist es eine schöne Erinnerung.

Sie beschreiben sich als Mensch, der schon aufgrund seiner Erziehung total freiheitsliebend geblieben ist.
Meine Erziehung war für meine Selbstständigkeit sehr wichtig. Mein Weg ist nicht immer gerade verlaufen, aber wenn man an etwas glaubt und etwas leidenschaftlich ausübt, kann man Erfolg haben, auch wenn man nicht direkt von A nach B geht.

Ihr Motto heißt: konzentriert spielen, lässig leben. Oft wird aber der Eindruck erweckt, die „Natze“ ist vor allem lässig.
Da stecke ich manchmal in der falschen Schublade. Ich kann mich auf den Punkt konzentrieren und dafür viel tun. Aber es ist unheimlich wichtig, dass das in einer Balance aus Belastung und Entlastung geschieht. Es muss immer Auszeiten geben, in denen der Kopf und der Körper runterkommen. Manchmal genügt ein einziger Input: ein Wochenende beim Tauchen oder ein Museumsbesuch. Dafür braucht es Leute, die nichts mit dem Fußball zu tun haben. Davon habe ich glücklicherweise viele in meinem Umfeld.

Die Schauspielerin Jasmin Tabatabai behauptet, dass es Ihren Typ im superprofessionalisierten Männerfußball gar nicht mehr gibt. Dafür spricht der Vorfall unter der Bundestrainerin Tina Theune Meyer. Sie hatten eine Einladung zu einem Nationalmannschafts-Lehrgang verpasst, weil sie die Post nicht geöffnet hatten. Dann gab sie Ihnen eine zweite Chance und sagte: „Entweder Du nimmst deinen Sport jetzt ernst und wirst die beste Torhüterin der Welt – oder du fliegst raus.
Das gäbe es auch im Frauenfußball heutzutage nicht mehr. Ich hatte damals das Glück, dass es nur wenige gute Torhüterinnen gab. Ich war damals die Talentierteste, aber auch die Faulste. Und dann hatte ich Glück, dass mich Leute wie Tina Theune Meyer inspiriert haben – manchmal braucht es einen Lehrer, der Grenzen setzt.

Sie reden im Buch sehr positiv über Wacker München und Bayern München, lassen aber am 1. FFC Frankfurt kein gutes Haar. Sie sprechen vom Chaos innerhalb des Vereins, von Nebenkriegsschauplätzen, von organisatorischen und strukturellen Problemen. War das alles so schlimm?
Im Nachhinein betrachtet ja, auch wenn es andere gerne schönreden. Wie sich das heute darstellt, will ich nicht beurteilen, dafür bin ich zu weit weg. Die Philosophie, wie dieser Verein geführt wird, deckt sich nicht mit meiner. Ich arbeite gerne in einem Team, in dem Vertrauen herrscht. Ich möchte einen Verein, der sich vom Manager bis zur Physiotherapeutin wie eine Familie begreift. Das hatte ich wieder in Brisbane und Portland, aber nicht in Frankfurt. Dort musste man nur funktionieren.

Sie beklagen auch, dass sich dort keiner für eine verletzte Spielerin interessiert hat. Das einzig Gute in der Situation sei gewesen, dass man regelmäßig sein Gehalt bekam. Manager Siegfried Dietrich hört das sicher nicht gern …
… aber es entspricht ja den Tatsachen. Wie oft hat er mich denn angerufen, als ich verletzt war? Davor hat er mir gesagt, ich sei mit Geld nicht zu bezahlen, so gut wäre ich. Kaum fiel ich aus, hat sich niemand mehr nach mir erkundigt. Auch die Trainer nicht. Letztendlich war es für mich wichtig, auch solch eine Erfahrung zu machen. Meine Mitspielerinnen und Fans klammere ich in dieser lehrreichen Zeit aus.

Vom Trainer Sven Kahlert heißt es: „Irgendwann fing er an, uns für Kritik oder Widerspruch mit Liegestützen zu bestrafen, es war lächerlich.“ Und von Philipp Dahm schreiben Sie, dass er sie zur Trainingsmethode Crossfit brachte, „es sollte letztlich allerdings das einzig Positive sein, was er bei mir hinterlassen hat“.
Sven Kahlert ist ein super Typ, aber er war damals überfordert. Er hat inzwischen bewiesen, eine Mannschaft führen zu können. Philipp Dahm ist ein sehr guter Athletiktrainer und Trainer, allerdings kann ich nur sagen: Es ist wahnsinnig interessant, wie sich Menschen verändern, wenn sie Macht erhalten.

Bernd Schröder von Turbine Potsdam kommt hingegen fast als Gutmensch rüber, obwohl sie anschaulich schildern, dass sich die Spielerinnen unter ihm im Training reihenweise übergeben haben.
Er war eine ganz verlässliche Person, und wir haben uns vertraut: Als ich in seiner Zeit vom Pferd gefallen bin und mich verletzt habe, hat er beispielsweise gefragt, wie es mir geht.

In welcher Verfassung reisen Sie zum Algarve-Cup mit der Frauen-Nationalmannschaft?
Mit Brisbane hatte ich mein letztes Spiel am 7. Dezember, insofern bin ich ausgeruht (lacht). Aber ich trainiere seit zwei Monaten für mich allein, denn ich muss in Sachen Fitness ein Vorbild für die Jüngeren sein.

Das Ereignis wird die WM in Kanada sein: Spielen Sie diesmal eine Dreifachrolle als Kapitänin, Kindergärtnerin und Fremdenführerin?
Das letzte muss ich nicht sein: Die meisten aus unserer Mannschaft kennen Nordamerika. Und Kindergärtnerin bin ich dort dann nicht mehr, weil alle zwei Jahre reifer geworden sind. Ich sehe mich als eine von mehreren Säulen. Es ist eine Allianz mit Annike Krahn, Saskia Bartusiak und Celia Sasic – alleine kann ich das nicht stemmen.

Sie gehörten zu jener prominenten Gruppe, die eine Klage gegen die Fifa wegen des Kunstrasens angestrengt hat. Warum haben Sie trotzdem am Ende recht geräuschlos klein beigegeben?
Das ist falsch rübergekommen. Das Einzige, was man uns in dieser Hinsicht vorwerfen kann, ist, dass wir die Klage zu spät eingereicht haben. Uns war von vornherein klar, dass wir nicht mehr auf Naturrasen spielen werden, aber wir wollten zumindest erreichen, dass überall ein guter Kunstrasen liegt. So einer wie in Portland, wo ich in kurzen Hosen trainieren kann; aber nicht ein Schuhabstreifer wie in Vancouver. Dieser Platz war eine Frechheit – da hätte ich am liebsten jeden von der Fifa reinrutschen lassen. Wir können uns nicht alles gefallen lassen: Ich werde nicht mehr verstehen, warum wir auf Kunstrasen spielen müssen.

Ist das Spiel auf Kunstrasen denn so viel anders?
Definitiv. Es ist eine andere Spielweise. Die aufspringenden Bälle kommen mit einer höheren Geschwindigkeit, die Flachpässe erfordern ein anderes Timing, die meisten Spielerinnen grätschen nicht.

Werden Sie nach der WM aus der Nationalmannschaft zurücktreten?
Warum soll ich denn überall aufhören? Ich bin nie verletzt, ich fühle mich topfit und muss mich nie zum Training quälen. Jetzt fängt die schöne Zeit gerade an.

Wie lange und wo wollen Sie noch spielen?
Nach der WM geht es direkt noch mit Portland weiter. Und ich kann jederzeit nach Brisbane zurück, was ich auch allein wegen meiner Freundschaft zu Thomas Broich gut finden würde. Ich könnte mir jedoch vorstellen, vielleicht nach Asien zu gehen. Sich nur mit Händen zu Füßen verständigen, wäre auch eine schöne Herausforderung (lacht).

Ist für Sie noch eine Rückkehr in die Bundesliga denkbar?
Nein. Ich suche mir immer neue Motivation. In Deutschland habe ich sehr gerne gespielt, aber nach einer gewissen Zeit kennt man einfach alles.

Sie haben kürzlich geäußert, Sie könnten sich mit ihrer Freundin Magda vorstellen, eine Familie zu gründen.
Ja, das können wir. Aber es gibt keinen Zeitplan dafür. Das habe ich auf meinen Reisen gelernt: Es kommt wie es kommt. Zu viele Menschen leben in der Vergangenheit oder in der Zukunft, statt die Gegenwart zu genießen. Die Australier wundern sich immer, worüber wir Deutsche uns schon Gedanken machen. Es ist doch einfach nur anstrengend, immer irgendwelche Vorgaben oder Erwartungen zu erfüllen.

Wissen Sie, wo später ihr Lebensmittelpunkt sein wird?
Wir könnten uns vorstellen, auf Fuerteventura zu leben. Ich habe dort ein wunderschönes Häuschen am Meer. Doch auch hier gilt: alles völlig offen. Wir sind ja Vagabunden. Nur die WG in Frankfurt, die wir als Anlaufpunkt noch haben, die bleibt erstmal bestehen.

Interview: Frank Hellmann

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