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Dzsenifer Marozsan Herzstück der Erneuerung

Wegen ihrer exponierten Führungsrolle ist Kapitänin Dzsenifer Marozsan verpflichtet, ihr Leistungspotenzial abzurufen.

Frauen EM 2017
Gut drauf in Holland: Dzsenifer Marozsan. Foto: dpa

Wer geht am Anfang in die Mitte? Auch die deutschen Nationalspielerinnen diskutieren mitunter heftig, wer denn beim Kreisspielchen „Fünf-gegen-Zwei“ zuerst den Jäger spielt. Insofern ist es ein gutes Zeichen, wenn die Spielführerin uneigennützig im Sportpark Zegenwerp zuerst den unbeliebten Part übernimmt. Weil ohnehin schnell der Zeitpunkt kommt, dass die einzige Spielerin, der vor der Frauen-EM in den Niederlanden uneingeschränkt das Prädikat Weltklasse zuzuordnen ist, wieder selbst den Ball zirkulieren lässt. Bisweilen wirkt es so, sie könne auch mit verbundenen Augen mitmachen und müsste nicht in den Kreis.

Die 25-Jährige hat bei der deutschen Frauen-Nationalmannschaft inzwischen eine Ausnahmestellung eingenommen, die beinahe beängstigend wirkt. Linda Dallmann bekannte zuletzt offenherzig: „Sie war immer mein großes Vorbild. Ich habe mich am Anfang gar nicht getraut, sie anzusprechen.“ Die vier Jahre jüngere Mittelfeldkollegin hat die Scheu inzwischen abgelegt, aber die Wertschätzung ist geblieben: „Sie hat noch einmal einen Riesensprung gemacht. Man kann nur froh sein, mit ihr auf dem Platz zu stehen.“

Die in Saarbrücken aufgewachsene Spielmacherin schultert vor dem deutschen Auftaktspiel gegen Schweden (Montag 20.45 Uhr/ ARD) so viele Erwartungen wie noch nie in ihrer Karriere. Aber der Druck kann ihr so wenig anhaben wie Dauerregen einem Holland-Rasen: Am Freitag saß sie nach einer gemeinsamen Fahrradtour in der Umgebung von Sint-Michielsgestel in der Pressekonferenz. Ihre Botschaften aus dem noblen Teamhotel, das am Freitagabend auch DFB-Präsident Reinhard Grindel besuchte, übermittelte sie teilweise fehlerfrei auch in englischer Sprache, was sich die in Budapest geborene Tochter des ungarischen Nationalspielers Janos Marozsan früher kaum getraut hätte.

Robin Hood macht die Ansprache

„Persönlich habe ich den nächsten Schritt gemacht“, sagte die 74-fache Nationalspielerin (30 Tore) und meinte damit neben dem Wechsel zum Champions-League-Sieger Olympique Lyon die Tatsache, dass sie von Bundestrainerin Steffi Jones im Herbst vergangenen Jahres die Kapitänsbinde bekam. „Das kam sehr unerwartet für mich. Ich habe gefragt, ob sie sicher ist. Ich bin wahnsinnig dankbar dafür.“

Der „bescheidene Mensch“ (Assistenztrainer Markus Högner) gehört zu den sensiblen Vertretern, die Vertrauen zur Leistungsentfaltung benötigen. Früh war bei der Bundestrainerin die Überzeugung gewachsen, die von Vorgängerin Silvia Neid mitunter skeptisch betrachtete Technikerin zum Herzstück der Erneuerung zu machen. Als Dreh- und Angelpunkt mit allen Freiheiten in der Zentrale. Aber auch als sozialer Kopf des Kaders. „Ihre Ansprache ist großartig“, betont Jones.

Um die Opferbereitschaft fürs große Ganze noch einmal herauszustreichen, hat sie ihr Robin Hood als Figur zugeteilt. Diejenige zu sein, die den Reichen nimmt, um den Armen zu geben, findet Marozsan eine „coole Idee“. Denn: „Meine Mannschaft darf alles von mir haben, Hauptsache sie geben auf dem Platz alles.“ In jedem Spiel. Mehr denn je gilt das gleichwohl für die bevorstehende EM für die Nummer zehn selbst: Noch keinem Turnier hat sie konstant ihren Stempel aufdrücken können.

Vor der Heim-WM 2011 setzte sie ein Innenbandriss außer Gefecht, bei der EM 2013 schoss sie zwar das Siegtor im Halbfinale gegen Schweden (1:0), blieb aber ansonsten oft blass – und saß zum Viertelfinale gegen Italien sogar auf der Bank. Bei der WM 2015 hatte sie Pech, als sie vor ersten Spiel auf Kunstrasen böse umknickt, sie schleppte sich damals noch durchs Championat und verwandelte humpelnd einen Elfmeter im Viertelfinal-Drama gegen Frankreich. Später fiel sie nach einer Sprunggelenksoperation monatelang aus.

Immerhin: Beim Olympischen Fußballturnier vergangenen Sommer entschied sie das Finale gegen Schweden (2:1) fast im Alleingang. Vor allem die Skandinavierinnen sind deswegen nachtragend, zumal Marozsan zwischendrin ja auch im WM-Achtelfinale 2015 traf (4:1). Ihre Klubkollegin in Lyon, Topstar Caroline Seger, habe deswegen schon gefrotzelt, sie solle das Toreschießen gegen Schweden endlich mal sein lassen. Diesen Gefallen wird ihr „Maro“ in Breda wohl kaum tun. S. 24/25

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Frauenfußball-EM 2017

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