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Bayern im DFB-Pokal Bis die rote Lampe leuchtet

Warum Drochtersen/Assel aus der Geschichte nicht zu viel Zuversicht schöpft und für das größte Spiel der Vereinshistorie gegen den FC Bayern auf einen Umzug verzichtet.

Plakat an der Kirche
Beistand von oben ist gegen die Bayern sicher nicht schlecht: An einer Kirche hängt ein mutmachendes Plakat. Foto: dpa

Wenn sich die Zeit doch einfach mal zurückdrehen ließe. Die älteren Getreuen beim SV Drochtersen/Assel erinnern sich noch gut an den 8. März 1987, als Lothar Matthäus, Andreas Brehme oder Dieter Hoeneß mit gesenktem Haupt vom knüppelhart gefrorenen Fußballplatz schlichen. Es war die Zeit, in der ein Bäckermeister wie Hans-Jürgen Kühlcke noch den Manager Uli Hoeneß überzeugen konnte, für eine gute Gage mit seinem FC Bayern im Kehdinger Land anzutreten. Die Zusatzschicht fürs Zusatzgeschäft lohnte sich indes an diesem Wintertag nicht wirklich: Auf einem Sportplatz in Freiburg an der Elbe düpierte die Kehdinger Auswahl mit ihren Freizeitkickern die Münchner Stars sensationell mit 5:3. „Blamage hinterm Elbdeich“, urteilte die „Süddeutsche Zeitung“.

Dass sich die Geschichte in der ersten Hauptrunde des DFB-Pokals wiederholt, ist nicht sehr wahrscheinlich, wenn der SV Drochtersen/Assel zum klassischen David-gegen-Goliath-Duell den FC Bayern (Samstag 15.30 Uhr) empfängt. Aber dass damals beim Coup mehr als ein halbes Dutzend Spieler von Drochtersen/Assel mitwirkten, darf ruhig erwähnt werden. Was bitte soll sonst als Mutmacher taugen? Am ehesten noch die Kirche in der 11 000-Einwohner-Gemeinde auf halbem Schiffswege zwischen Cuxhaven und Hamburg: Dort hängt ein Banner mit dem Vereinswappen und der Aufmunterung: „Wir glauben an Wunder. Wir vertrauen auf Gott. Wir sind D/A.“

Die Initialen D/A stehen für einen Klub, der 1977 als Zusammenschluss der TVG Drochtersen und des VTV aus dem Ortsteil Assel entstanden ist. Der Aufstieg setzte mit dem Engagement des Präsidenten Rigo Gooßen ein, obwohl der Marsch durch die Niederungen des Amateurfußballs dauerte. Erst seit drei Jahren spielt der Fußballverein aus der niedersächsischen Gemeinde in der Regionalliga Nord.

2016 ließ der Klub erstmals als Niedersachsenpokalsieger aufhorchen. Zur Belohnung schaute mit Borussia Mönchengladbach ein Bundesligist vorbei, der im Kehdinger Stadion mit Ach und Krach 1:0 gewann. Dass zwei Jahre später Bayern München die mit Zusatztribünen auf 7800 Plätze erweiterte Spielstätte zum Nabel von Fußball-Deutschland machen würde, hätte Gooßen sich „nie zu träumen gewagt“.

Im Alltag nur 700 Zuschauer

Für den Inhaber einer Steuerberatungsgesellschaft stand früh fest, die eigenen Wurzeln nicht für das größte Spiel der Vereinsgeschichte zu kappen. Eine Austragung beispielsweise am Hamburger Millerntor kam für ihn nicht infrage. „Natürlich wäre ein Umzug finanziell viel, viel attraktiver gewesen, aber wir wollen vom Herzen hier spielen“, beteuert Gooßen. Und auch so reichen die Einnahmen schon, um den ganzen Jahresetat zu decken.

„Es ist fantastisch, was wir auf die Beine gestellt haben“, lobt er ein bisschen sich selbst. Sein Telefon klingelt seit Tagen im Minutentakt. Denn im normalen Alltag geht es gegen Klubs wie den 1. FC Germania Egestorf-Langreder. 700 Zuschauer erlebten am vergangenen Wochenende den 3:2-Sieg, und doch ging es da bereits nur um die Bayern: Fernsehstationen, Radiomenschen und Reporter gaben sich die Klinke in die Hand, die Sponsoren standen Schlange.

Jeder will schließlich ein Stückchen von der Aufmerksamkeit erhaschen. „Für das Image unserer Gemeinde ist dieses Pokalspiel ein absoluter Gewinn“, sagt unter anderem Bürgermeister Mike Eckhoff. Der Ort ist gemeinhin eher Anlaufpunkt von Touristen, die wegen der Elbinsel Krautsand mit seinem Sandstrand kommen. Auch bei Radfahrern gilt die Gegend als echter Geheimtipp. Das Ballyhoo dieser Tage passt eigentlich nicht recht zur Region, doch nicht alle Protagonisten lassen sich so aus der Ruhe bringen wie Kapitän Sören Behrmann: „Nach der Auslosung habe ich 43 Stunden lang nicht geschlafen.“

Im Gegensatz zum Autoverkäufer Behrmann haben seine Mitspieler Alexander Neumann und Marius Winkelmann ähnliches schon erlebt: Im Trikot des BSV Rehden spielten beide vor fünf Jahren in Osnabrück im Stadion an der Bremer Brücke gegen die Bayern, das erste Pflichtspiel unter Pep Guardiola übertrug die ARD sogar live. „Das war ein super Erlebnis“, erinnert sich der frühere U20-Nationalspieler Neumann, der von den Zweikämpfen mit seinen Gegenspielern noch weiß: „Das waren Maschinen.“

Platz zwei in der Liga

Aber auch bei den D/A-Kickern läuft es gerade wie geschmiert: Nach fünf Spieltagen stehen sie in der Nord-Staffel hinter dem TSV Havelse auf Platz zwei: Es kann also niemand sagen, dass sie den Fokus verloren hätten. „Wir haben uns gesagt, dass wir mit positiven Ergebnissen den Höhepunkt doppelt genießen können“, richtet Mittelfeldmann Marcel Andrijanic über die Vereinshomepage aus.

Einiges wirkt beim Viertligisten recht professionell, doch Gönner Gooßen betont gerne den amateurhaften Status seines Dorfvereins. Szenarien von der Sensation zu entwerfen, hält der Macher für nicht realistisch. Am ehesten glaubt wohl Lutz Bendler dran, der 1987 die gegen Bayern siegreiche Auswahl trainiert hatte. Bendlers Rat für Samstag: „Gas geben, bis die rote Lampe leuchtet.“

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