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Toni Kroos Leiser Rekordmann

Toni Kroos setzt mit seiner unaufgeregten Art einen Kontrapunkt bei der Krönung der Königlichen – zur Nationalmannschaft kommt einer, der zu wissen scheint, wo er hingehört.

Toni Kroos
Toni Kroos mit Pott und Familie. Foto: dpa

Die Geste war mal wieder typisch für ihn: Bevor sich Toni Kroos nach diesem flirrenden Finale auf den langen Weg im Tiefparterre des Kiewer Olympiastadion durch die internationale Medienmeute machte, knöpfte sich der Deutsche noch mal richtig den Klubanzug zu. Zu einem außergewöhnlichen Anlass ordentlich auszuschauen, gehört bei ihm wohl dazu, und irgendwie würde es ihm wohl nie in den Sinn kommen, sich nach einen gewonnenen Endspiel im wichtigsten Vereinswettbewerb der Welt so zu gebärden, wie es unweit der parkenden Mannschaftsbusse parallel Cristiano Ronaldo tat: Mit schiefer Baseballkappe über die eigene Zukunft zu schwadronieren. 

Kroos war abzunehmen, dass er anderthalb Stunden nach Mitternacht vom Wechselwunsch des Superstars noch „nix gehört“ habe. Seine vielsagende Replik: „Mir geht es zu gut, als mich damit auseinanderzusetzen. Jeder hat seine eigenen Pläne und muss sich dann mit dem Klub auseinandersetzen. Ich habe keine Pläne.“ Zumindest keine, die eine baldige Luftveränderung erwarten lassen. 

Der 28-Jährige fühlt sich pudelwohl. Im Verein Real, in der Stadt Madrid. Er mag die Mentalität, die Menschen. Und es ist ja beruhigend zu wissen, dass der Champions-League-Sieger nicht nur Egomanen beschäftigt. Ronaldo und Kroos funkten übrigens nicht nur in der Nachbetrachtung auf unterschiedlichen Wellenlängen, sondern auch auf dem Spielfeld – einmal deutete Reals Nummer acht in der ersten Halbzeit sehr deutlich an, dass „CR7“ sich für ein Anspiel doch bitte mal anbieten sollte.

Niemand passt genauer

Ansonsten lag es auch an Kroos und seinen Mitstreitern Casemiro und Luka Modric, dass der Titelverteidiger nach der Verletzung von Mo Salah das Geschehen an sich riss. Der Deutsche sammelte in seinem 100. Europapokalspiel passenderweise 100 Ballkontakte, 88 von 92 Pässen kamen an, was eine herausragende Quote von 96 Prozent ergab, die noch stärker wirkte, weil er beim Sieger die meisten langen Zuspiele (17) wagte. Dann braucht es auch keine Torbeteiligung, um titelreif aufzutrumpfen. Niemand hat in der gesamten Champions-League-Saison mehr Bälle an den Mitspieler gebracht als die Passmaschine Kroos (854). 

Dass bei der finalen Krönung von Kiew die kapitalen Aussetzer seines Landsmannes Loris Karius halfen, wusste der Mittelfeldspieler natürlich, der aber mit Begriffen wie Mitgefühl oder Mitleid nicht viel wissen wollte: „Dafür kenne ich ihn zu wenig. Jeder kann sich aber vorstellen, wie er sich fühlt.“ Seine Gemütslage gestaltete sich gegenteilig. „Ich freue mich unglaublich“, versicherte er am ZDF-Mikrofon.

Im vierten Jahr bei den Madrilenen gewann er das dritte Mal die Champions League, und weil er beim FC Bayern 2013 zwar nicht im Finale in London gegen Borussia Dortmund, wohl aber im Vorlauf mitwirkte, ist der gebürtige Greifswalder der erste Deutsche, der viermal den Henkelpott hochhalten durfte. Gerade der Hattrick im königlichen Trikot sei eben nicht als Selbstverständlichkeit abzuhaken: „Wenn man weiß, wie schwer der Titel zu gewinnen ist, und wie viele Mannschaften mit hoher Qualität das versuchen, dann braucht man kurz, um das richtig zu realisieren.“ 

Erst Urlaub, dann WM

In diesem Moment zog Sohnemann Leon recht kräftig an seiner Hand, aber der Vater sprach ein ganz leises Machtwort. Der vierjährige Filius hätte schließlich selbst nach dem Halbfinale gegen den FC Bayern gewünscht, erzählte Kroos, noch mit Papa im Mannschaftsflieger die Heimreise anzutreten, „meine Frau und die kleine Tochter sind schon weg.“ 

Bald wird die ganze Familie vorübergehend Abschied nehmen müssen, wenn der Taktgeber nach 43 Pflichtspielen im Vereinsdress bei der bevorstehenden Weltmeisterschaft in Russland für die deutsche Nationalmannschaft antritt. Wann genau der 82-fache Nationalspieler ins Trainingslager nach Südtirol nachreist, wollte er zwar nicht verraten, aber die Absprache mit Bundestrainer Joachim Löw sei klar: „Ich habe noch ein paar Tage, um mich zu erholen.“ Dass er ansonsten mit sich sehr im Reinen scheint, dürfte für die Mission Titelverteidigung nicht schaden.

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