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RB Leipzig Die Vergangenheit wachgeküsst

Für Stadt, Verein und Geldgeber ist die Champions-League-Premiere von RB Leipzig ein spezielles Ereignis - aus anderen Blickwinkeln.

Maradona gegen Predow
Es war einmal 1988: Diego Maradona (hinten) vom SSC Neapel gegen Uwe Predow von Lok Leipzig. Foto: Imago

Leipzig ist einer jener Standorte, in denen das Fußball-Stadion vom Hauptbahnhof noch gut fußläufig zu erreichen ist. Die meisten Besucher steigen zwar in eine der vielen Straßenbahnen, aber mehr als eine halbe Stunde braucht es nicht bis zum Sportforum. Und mit einem kleinen Umweg über Nikolaikirche, Marktplatz und Gewandhaus kann auch noch ein Hauch Historie geatmet werden. Am Mittwoch erlebt das lebende Leipzig ein neues Kapitel Sportgeschichte: Der erste Auftritt in der Champions League in der Partie gegen AS Monaco (20.45 Uhr) legt Zeugnis ab, welch rasante Entwicklung RB Leipzig genommen hat. Die Königsklasse manifestiert einen Quantensprung.

„Vor fünf Jahren waren wir noch Regionalliga, sind seitdem quasi viermal bis in die Champions League aufgestiegen“, sagt Sportdirektor Ralf Rangnick, der als Architekt des RBL-Gebildes gilt. Beim Startschuss 2009 in der Oberliga hat der Red-Bull-Ableger zuerst gegen VfK Blau-Weiß Leipzig gekickt, wie Vorstandschef Oliver Mintzlaff extra noch einmal nachlesen musste. Der ehemalige Langstreckenläufer und Sportartikelmanager war damals unter anderem noch Rangnicks Manager, stellt aber jetzt für die Messestadt fest: „Die Euphorie ist riesengroß.“

Für Oberbürgermeister Burkhard Jung ist längst das Selbstwertgefühl einer ganzen Region gestiegen. Motto: „Wir sind wieder wer!“ Lange war Leipzigs Fußball nach der Wende in den Niederungen versunken. Wenn die Aushängeschilder aus DDR-Zeiten, Lok oder Chemie (heute Sachsen) Leipzig, Schlagzeilen produzierten, war meist von Misswirtschaft oder Gewalt die Rede. Einstige Erfolge ließen sich wie an so vielen anderen Schauplätzen in Ost oder West eben nicht auf Knopfdruck wiederbeleben.

Nun durften die vergilbten Zeitungsbilder und die verschwommenen Fernsehaufnahmen indes wieder aus den Archiven hervorgekramt werden, um an das bis heute letzte Europacupspiel zu erinnern: Am 26. Oktober 1988 hatte Lokomotive Leipzig im Uefa-Cup den SSC Neapel mit einem gewissen Diego Maradona zu Gast, und mehr als 80 000 Menschen drängelten sich im alten Zentralstadion.

Der Ort ist die beste Klammer zwischen Vergangenheit und Gegenwart: Bei der zur WM 2006 erbauten Arena an selber Stelle wurde Wert darauf gelegt, mehr als nur Rudimente der einst größten deutschen Fußballstätte zu erhalten. Die inzwischen nach dem Dosenkonzern benannte Arena liegt in den mit Gras bewachsenen Stadionwällen. Der angeblich bei Real Madrid auf der Wunschliste aufgetauchte Timo Werner dribbelt also heute ungefähr dort, wo sich früher Heiko Scholz, der heutige Lok-Trainer, in der Maradona-Bewachung versuchte. Trotz aller Skepsis, die sich speziell beim viertklassigen Rivalen Lok gehalten hat, gestand deren Präsident Thomas Löwe dem „Sportinformationsdienst“: „Ohne RB wäre das Zentralstadion eine Ruine mitten in der Stadt.“ Insofern hat das Kunstprodukt die Vergangenheit vielleicht nur modern wachgeküsst.

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