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Loris Karius Eine tiefe Wunde

Warum Torhüter Loris Karius lange brauchen wird, den doppelten Lapsus zu verarbeiten und psychologische Hilfe ratsam wäre.

FC Liverpool
Allein zurückgelassen: Kaum ein Liverpooler Mitspieler tröstete Loris Karius nach seinen Patzern. Foto: rtr

Es gibt Szenen, die wird ein Torwart nie los. Stephan Kuhnert, das Unikum vom FSV Mainz 05, der erst selbst für die Nullfünfer die Bälle hielt und nun die Bundesliga-Torhüter trainiert, kennt das nur zu gut. Bis heute sprechen ihn junge Keeper am Bruchweg auf die Begebenheit an, wie er nach einem Zweitligakick von Fans angepöbelt wurde und sich im Spielertunnel dermaßen über die Missfallenskundgebungen aufregte, dass er seinen Kopf gegen die Plexiglasummantelung stieß. Tat verdammt weh. Und sah saudumm aus. 

Der 57-Jährige ist der Meinung, dass Tiefpunkte zur Entwicklung eines Torhüters dazugehören. Loris Karius, erzählte sein Ausbilder kürzlich, habe sich deshalb beim FC Liverpool durchgesetzt, weil er „eine coole Sau“ sei. Seit dem Champions-League-Finale gegen Real Madrid (1:3) ist daraus die ärmste Sau geworden. „Alles über den traurigsten Torwart der Welt“, titelte die „Bild“. Die Fotos vom weinenden oder liegenden Keeper aus Kiew gingen um die Welt. 

Experten diskutieren kontrovers, welche Rolle es vor dem ersten Blackout gespielt haben könnte, dass der 2016 von Mainz 05 an die Anfield Road gewechselte Schlussmann zuvor übel von Sergio Ramos mit dem Ellbogen angegangen wurde. Benommen wirkte er nicht. Und der Vorfall macht den Aussetzer nicht ungeschehen. Sogar die Liverpooler Polizei ist eingeschaltet, nachdem in sozialen Netzwerken Hunderte von Drohungen und Hasstiraden auftauchten. „Die Behörde nimmt Einträge dieser Art in sozialen Medien extrem ernst“, hieß es. 

Der 24-jährige Karius hatte zuletzt bekannt, er habe sich Zeitungslektüre abgewöhnt. Besser ist es. Genüsslich wird ausgebreitet, dass Karius auf der Insel 200.000 Euro im Monat kassiert, mit einer Fitnessqueen und einem englischen Model liiert war, großflächig über Knie, Brust, Oberarme und Schulter tätowiert ist und einen aufgemotzten Geländewagen mit den Initialen „LK“ fährt. Kann Loris Karius noch der sein, der er mal war? Vermutlich nicht. 

Eine solche Wunde vernarbt so schnell nicht. Psychologische Hilfe erscheint ratsam, familiäre Rückendeckung für den gebürtigen Oberschwaben elementar. Nur wenige Spitzentorhüter reden über den Leidensdruck, den ihre exponierte Stellung mit sich bringt. Der krasseste Fall war 2009 der Suizid des unter Depressionen leidenden deutschen Nationaltorwarts Robert Enke. Der Leistungsdruck inklusive Versagensängste spielten zentrale Rollen. In diesem Zusammenhang berichtete der heutige Bayern-Torhüter Sven Ulreich, dass ihn vor zehn Jahren – er hatte im Dress des VfB Stuttgart eine Niederlage mitverschuldet – Enke angerufen habe, um ihm beizustehen. 

Dem inzwischen 29 Jahre alten Ulreich steht der Mentaltrainer Thomas Baschab bei, der nach Ulreichs Patzer im Champions-League-Halbfinale bei Real Madrid über den bis dahin tadellos haltenden Vertreter von Manuel Neuer sagte: „Sven ist damit sehr gut umgegangen, hat diesen Fehler eingeräumt, hat ihn nicht wegdiskutieren wollen. Und hat gesagt: Ich mache jetzt weiter. Ich verliere deswegen nicht, was ich mir ein Jahr lang aufgebaut habe.“ 

Eine Herangehensweise, die nur bedingt als Blaupause für Karius dient, weil er im Umfeld des FC Liverpool – speziell bei der Anhängerschaft – auch in der ´Vergangenheit stets kritisch betrachtet wurde. Wie ist sein Ansehen innerhalb der Mannschaft, die ihn in der schwarzen Nacht von Kiew alleine auf dem Rasen zurückließ? Immerhin hat sich sein Stellvertreter Simon Mignolet, der nach dem Finale freilich ganz auffällig Abstand hielt, nun gemeldet. „Wenn er reden will, bin ich natürlich da. Jeder Torwart hat Verständnis für ihn. Aber es ist natürlich schwer, jetzt etwas zu ihm zu sagen.“ Der belgische WM-Fahrer räumte überdies ein: „Ich war selbst in dieser Situation, mit diesen Dingen beschäftigt man sich für sich selbst.“ 

Britische Medien behandeln bereits mögliche Nachfolger: vom brasilianischen Nationaltorhüter Alisson Becker (AS Rom), über den Slowenen Jan Oblak (Atletico Madrid) bis hin zum Italiener Gianluigi Donnarumma (AC Mailand). Vielleicht ist die Luftveränderung auch für Karius zwingend nötig, um wirklich mit sich ins Reine zu kommen. 

„Wir werden stärker zurückkehren“, schrieb er via Twitter. In den sozialen Medien hat sich allein auf der Plattform Instagram die Zahl seiner Follower sprunghaft um über eine halbe Millionen auf nunmehr 1,5 Millionen erhöht. Darin mischen sich Anteilnahme, Neugier, aber auch Sensationslust. Eines deutet sich an: Über seinen Lapsus lachen - wie einst Kuhnert über seinen Kopfstoß - wird Karius wohl nie. 

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