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Cristiano Ronaldo Der Grenzgänger

Mit dem Kopf, mit dem Vollspann, mit der Innenseite: Cristiano Ronaldo trifft, wie er will, und stellt beim 3:0 von Real Madrid gegen Atlético mal wieder neue Rekorde auf.

Cristiano Ronaldo
Beglückt die Fans und sich selbst: Cristiano Ronaldo. Foto: dpa

Wo die Welt des Cristiano Ronaldo (32) das Reale bereits verlassen hat und wo sie noch an den Grenzen kratzt, ist unklarer denn je. Auf der Atlantikinsel Madeira, dem Geburtsort Ronaldos, gibt es zwei Skulpturen, die den berühmten Portugiesen dreidimensional abbilden: Die Statue nahe dem Hafen ähnelt ihm nur peripher, außerdem droht ihr aus irgendeinem Grund jeden Moment die bronzene Sporthose zu platzen. Die verstörende Büste wiederum, die seit wenigen Wochen auf dem neu eröffneten Cristiano-Ronaldo-Flughafen Madeiras in der Eingangshalle aufgesockelt ist, legt den Verdacht nahe, das Universum sei kollabiert und auf sich selbst gestürzt. Der Künstler hat das Teil offenbar unter der Vorgabe gestaltet „Wenn schöne Menschen hässlich wären ...“

Tja, und auf dem Fußballplatz ist dieser sagenhafte Portugiese mit den vielen Gesichtern nun drauf und dran, die Grenzen der Geschichte auszuradieren wie dünne Bleistiftstriche. „Ich bin glücklich, mein 400. Tor für Real Madrid geschossen zu haben“, sagte Ronaldo am späten Dienstagabend im Estadio Santiago Bernabeu. Dort hatte er gerade alle Treffer für sein Team erzielt, beim nie gefährdeten, hochverdienten 3:0 (1:0) im Stadtduell gegen Atlético Madrid, das zufällig auch das Halbfinalduell in der Champions League war. Offiziellen Zählungen zufolge sind es zwar erst 399 Tore, die Ronaldo im Trikot der Königlichen gelangen – aber wer wollte kleinlich sein im Angesicht des ganz Großen.

Nach dem 2:0, einem satten Vollspannschuss in der 73. Spielminute, der jegliche Zweifel am Ausgang der Partie pulverisierte, setzte sich Ronaldo erst mal auf die Werbebande. Er blickte ins Publikum, die Arme verschränkt, ein kokettes Lächeln umspielte seinen Mund, und fast schien es, als würde er die Leute um ihre Zuschauerrolle beneiden: „Mensch, habt ihr ein Glück, mir beim Fußballspielen zuschauen zu dürfen.“

Tatsächlich sagte er später: „Ich gebe immer mein Bestes und will einfach nicht ausgepfiffen werden.“ Das anspruchsvolle wie verwöhnte Madrider Publikum geht nicht zimperlich um mit seinem Star, wie ein Lehrer, der seinen besten Schüler zu noch besseren Leistungen treiben möchte. Im Viertelfinale gegen den FC Bayern waren diese Pfiffe wieder zu hören im Bernabeu, am Ende hatte Ronaldo alleine im Rückspiel gegen die Münchner (4:2 nach Verlängerung) drei Tore geschossen, fünf sogar, wenn man das Hinspiel hinzunimmt. Die Rekorde purzeln, auch wenn es Rekorde sind, die man mitunter schnell für Ronaldo erfunden zu haben scheint, es ist ja alles irgendwie eine Frage des Ausschnitts. Er hat jetzt zum siebten Mal mindestens drei Treffer in einem Champions-League-Spiel geschossen (wie Messi), er hat die Real-Legende Alfredo di Stefano überholt, was die erzielten Halbfinal-Tore im wichtigsten europäischen Klubwettbewerb angeht (13 zu 11). Und, ach ja: Mit seinen insgesamt 103 Treffern hat dieser Spieler nun dreimal häufiger in der Königsklasse getroffen als Atlético Madrid. Also überhaupt, alles in allem, auf die Historie der Königsklasse gesehen.

Offenbar muss man auch die Grenzen zwischen Mannschafts- und Individualsport stärker bewachen, solange sich dieser Cristiano Ronaldo in der Nähe befindet. Fürs Erste allerdings ist sich der amtierende Weltfußballer seiner Rolle im Gesamtgefüge der Mannschaft von Zinedine Zidane bewusst. „Das Lob gebührt dem ganzen Team“, gab Ronaldo dienstfertig zu Protokoll, „alle waren phänomenal. Wir haben von der ersten bis zur letzten Minute gut gespielt, und die Tore kommen dann ganz von selbst, sie sind normal.“

In der Tat beschränkte der Portugiese sich auf seine Kernkompetenz, das Toreschießen. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und auch gegen Atlético schien er das Drehbuch des Spiels vorher auswendig gelernt zu haben, so selbstverständlich trat er dreimal aus dem Schatten ins Rampenlicht: beim Kopfball zum 1:0 (10.), beim 2:0, als der Ball am Sechzehner noch einen gütigen Hüpfer machte, beim 3:0 (86.), einem an Sachlichkeit nicht zu überbietenden Torjägertor aus acht Metern.

„Er ist unheimlich professionell, er hat in seinem Kopf immer: Tore, Tore, Tore“, kommentierte Toni Kroos die Leistung seines Mitspielers: „Anders kriegst du solche Statistiken nicht hin.“ Der Nationalspieler selbst brillierte im Mittelfeldzentrum einmal mehr mit Ruhe und Übersicht, beschleunigte und verlangsamte den Auftritt Reals wie ein guter Dirigent. Und half so mit, das schwache Atlético bar aller Illusionen nach Hause zu schicken.

Nach 2014, 2015 und 2016 dürfte die Mannschaft von Trainer Diego Simeone wieder am Rivalen aus der eigenen Stadt scheitern in der Champions League. Ungewöhnlich für Simeones Elf: Sie schien ohne jede Überzeugung zu spielen, müde, zweikampfschwach, von vornherein geschlagen. Erst im Nachklang waren sie wieder bei sich. „Wir haben Real schon mal mit 4:0 in unserem Stadion besiegt (im Februar 2015, Anm. d. Red.)“, sagte Simeone und machte den Fans Hoffnung fürs Rückspiel: „Der Fußball hält unerwartete Dinge parat.“ Das stimmt. Nur bei Cristiano Ronaldo kann einen bald nichts mehr überraschen.

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