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Verpasste WM-Teilnahme Italiens Drama

Nach dem überraschenden WM-Aus leckt Italien mühsam seine Wunden. Die Medien rechnen mit der Squadra Azzurra ab und die fremdenfeindlichen Parteien Italiens kennen den Sündenbock.

Keine WM für Italien
Das blanke Entsetzen: Italiens Spieler nach dem Verpassen der WM-Qualifikation. Foto: dpa

Die „Gazzetta dello Sport“, das rosa Pflichtblatt für italienische Fußballfans, hatte nur ein Wort groß auf der Titelseite: „Fine“ – Ende. Nach fast 60 Jahren, seit der WM 1958, pikanterweise in Schweden, ist Italien erstmals nicht bei einer Weltmeisterschaft dabei.

Es ist eine „nationale Katastrophe“, wie praktisch alle Zeitungen einmütig feststellten, die alle die großen Fotos des weinenden Gianluigi Buffon druckten. Die Torwartlegende hatte am Montagabend gleich nach dem bitteren 0:0 gegen die Schweden im Mailänder San Siro seinen Rücktritt erklärt - nach 175 Länderspielen.

„Der Himmel über Italien ist nicht mehr blau“, kommentierte der Moderator im Morgenradio des staatlichen Senders Rai Uno. Schuld ist die Squadra Azzurra, die Nationalmannschaft in den blauen Trikots. Von einer Demütigung ist die Rede, von der grenzenlosen Enttäuschung eines ganzen fußballverrückten Landes – sogar vom „calcio“ als Spiegelbild der italienischen Gesellschaft und Politik, die im Vergleich zu anderen in allem hoffnungslos im Rückstand sei. Selbst Buffon konstatierte, das Scheitern der Mannschaft sei eines „auch auf sozialer Ebene“. 

Im Stadion San Siro entluden sich schon am Montagabend Wut und Enttäuschung. „Diese Truppe ist die Dritte Welt des Fußballs“, schimpfte ein Zuschauer, von einem Radioreporter befragt. Einig waren sich alle, dass die Schuld beim Trainer zu suchen sei. Gian Piero Ventura, 69, ist seit Montagabend der meistgehasste Mann Italiens. „Che Sventura“, was für ein Unglück, schrieb eine Zeitung, ein Wortspiel mit dem Nachnamen des Coaches. Ventura entschuldigte sich bei der ganzen Nation für das Versagen. „Ich bitte die Italiener um Verzeihung für das Resultat“, sagte er. An Engagement und Willen habe es nicht gefehlt. 

„Weg mit den Mumien“, sagt Paolo Cannavaro

Nationaltrainer Ventura, der unlängst seinen Vertrag bis 2020 verlängert hatte, wird ein Neustart mit Blick auf die kommende Europameisterschaft nicht zugetraut. Er steht vor dem Aus. Einen Rücktritt schloss Ventura zunächst aus. „Ich habe noch nicht mit dem Verbandspräsidenten Carlo Tavecchio gesprochen. Ich bin nicht die Person, die diese Entscheidung zu treffen hat“, sagte er trotzig.

Präsident Tavecchio, der im Vorfeld ein mögliches WM-Aus als „Apokalypse“ bezeichnet hatte, deutete aber schon vor einer Sitzung des Verbandes (FICG) die Entlassung des umstrittenen Trainers an. „Dieser sportliche Misserfolg erfordert Lösungen“, sagte Taveccio, 74, der selbst massiv in der Kritik steht. „Wer dieses Debakel zugelassen hat, darf nicht auf seinem Platz bleiben“, sagte Marco Tardelli, Weltmeister von 1982. Paolo Cannavaro, vom US Sassuolo gab ihm Recht: „Weg mit den Mumien, die den italienischen Fußball leiten, und mehr Raum für junge Leute auch außerhalb des Spielfelds“, forderte er plakativ.

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