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Russland Neue Aufmerksamkeit, alte Probleme

Nach der WM gibt es neuen Zuschauerandrang in die russischen Fußballstadien. Es krankt aber an Finanzen und Nachwuchsarbeit.

St Petersburg
Hat in der Liga schon wieder zweimal getroffen: WM-Held Artem Dzyuba (r.) mit Sebastian Driussi. Foto: imago

Russland feiert neue Fußballwunder. In der Qualifikation zur Europa League gewann Zenit Sankt Petersburg vergangenen Donnerstag nach einem 0:4 im Hinspiel das Rückspiel mit 8:1, WM-Held Artem Dzyuba schoss einen Hattrick. Allerdings gegen Dinamo Minsk, ein Team aus dem weißrussischen Fußballkrähwinkel. Der eigentliche Aufreger des Spieltages aber waren Schienbeinschützer in den ukrainischen Farben blaugelb. Die entblößte Jewhen Chatscheridi, ukrainischer Legionär von Paok Thessaloniki, nach dem Champions League-Qualifikationsspiel gegen Spartak Moskau. Duma-Abgeordnete empörten sich über eine „offensichtliche Provokation“. Spartak aber war nach dem 0:0 ausgeschieden.

Gut einen Monat nach dem Ende der WM herrscht in Russland wieder eifriger Spielbetrieb. Und die Begeisterung über die Sbornaja, die bis ins WM-Viertelfinale kam, beflügelt zumindest die Fans. Am vierten Spieltag der russischen Premjer-Liga zählte footboom.com durchschnittlich knapp 24 000 Zuschauer, 9000 mehr als im Vorjahr. Auch die zweite russische Liga boomt, die Heimspiele des Klubs Baltika im neuen Kaliningrader WM-Stadion besuchen im Schnitt 10 000 Fans, Mordowija Saransk mobilisiert sogar 25 000. Allerdings hängen beide Teams in der Tabelle auf Platz 17 und 15.

„Die WM-Neubauten und die gestiegene Aufmerksamkeit haben eine goldene Phase für den russischen Profifußball eröffnet“, sagt der Moskauer Sportexperte Samwel Awakjan der FR. „Die Frage ist, was die Ligen und der Verband daraus machen.“

Atemberaubend ist der Fußball in Russland noch nicht. Zu Saisonbeginn häufen sich Spiele mit minimaler Torausbeute. „Liga der Autobusse“ titelt das Nachrichtenportal lenta.ru, eine Anspielung auch auf die ausgeprägte Defensivarbeit der Nationalelf bei der WM. Aber russische Spezialisten bezweifeln, dass die Kunst des Verteidigens, das bei der WM selbst der Sieger Frankreich in Perfektion beherrschte, schon Mode macht. „Viel mehr taktischen Einfluss haben bei uns die Champions League, die Ideen von Trainern wie Pep Guardiola oder Thomas Tuchel“, sagt Awakjan. Klubs wie Spartak oder ZSKA Moskau starteten oft holprig in die Spielzeit, spielten aber grundsätzlich weiter auf Angriff.

Trotzdem sind ungelöste Strukturprobleme offensichtlich. Einerseits mangelt es an Geld, die Klubs der russischen Premjer-Liga kassieren aus TV-Rechten durchschnittlich 1,8 Millionen Euro im Jahr – Englands Premier League schüttet im Schnitt pro Verein 113,6 Millionen Euro TV-Geld aus. Fast alle russischen Klubs sind von großen Geldgebern abhängig: Von Gasprom, der russischen Eisenbahn oder Lukoil, ohne „Generalsponsor“ droht Bankrott. So wie jetzt dem Viertletzten der Liga, Anschi Machatschkala.

Der dagestanische Verein schwamm im Geld, bis der milliardenschwere Regionaloligarch Sulejman Kerimow das kostspielige Spielzeug 2016 abstieß. Und schon in der Sommerpause machte Pokalsieger FK Tosno dicht, auch der Verein war seinen Besitzern zu teuer geworden. Laut lenta.ru gibt es in der Premjer-Liga nur vier private Klubs, die meisten Vereine werden von Staatskonzernen oder aus Regionalhaushalten finanziert. Es mangelt an Finanzen, Traditionen, an erfolgreicher Nachwuchsarbeit und massenhaften Fan-Gemeinden. Bezeichnend der zur Saison neu gegründete Zweitligaklub Sotschi. Ein Rebranding von Dinamo Sankt Petersburg, das mit seiner kompletten Mannschaft ans Schwarze Meer umzog, wo das WM-Stadion Fischt leer stand. Immerhin, das Retortenteam belegt den sechsten Platz, hat Chancen auf den Aufstieg.

Und zum ersten Spiel im Stadion Fischt kamen auch 10 000 Zuschauer. Allerdings unterlag Petersburg-Sotschi dem FK Nischni Nowgorod 0:1. Aber zum Aufreger wurde wieder ein Legionär der Gastmannschaft: Der Ukrainer Witali Fjodorow drehte sich beim Abspielen der Nationalhymne als einziger nicht zur russischen Flagge, sondern schaute ungerührt zur Tribüne. „Keineswegs die erste Provokation eines Fußballers aus der Ukraine“, schimpft das Boulevard-Portal life.ru. In Russland entfacht die Politik zur Zeit weit mehr Emotionen als der Fußball.

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