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Nations League Niederlande wollen den Gruppensieg

Die niederländische Nationalmannschaft nutzt die Bühne Nations League, um ihren Entwicklungsfortschritt vorzuführen.

Nationalelf der Niederlande
Im Aufwind: Memphis Depay und die Elftal. Foto: afp

Die Inschrift schimmert in weißen Versalien auf orangenem Grund von den Zimmerwänden: „I can accept failure. Everyone fails at something. But I can’t accept not trying.“ Versagen ist zu akzeptieren. Jeder versagt bei etwas. Aber es ist nicht zu akzeptieren, es nicht zu versuchen. Mit der Botschaft wird im Campus des Königlichen Niederländischen Fußball-Bundes (KNVB) direkt über dem Bett vor dem Einschlafen vermittelt, was es fürs Fortkommen als Fußballer braucht. Das Streben, aus dem Talent mehr zu machen. Es ist ja ein offenes Geheimnis, dass es dem niederländischen Fußball nicht zwangsläufig in den vergangenen Jahren an guten Anlagen gefehlt hat, aber viele der Hochbegabten haben zu früh abgebrochen oder sich zurückgelehnt, erlagen den Verlockungen des Auslands oder des Lebens.

Ronald Koeman, der aktuelle Bondscoach, verfügte bei Amtsantritt im Februar als eine der ersten Maßnahmen für seine sowohl in der Qualifikation zur EM 2016 als auch WM 2018 gescheiterte Auswahl den Quartierwechsel. Seitdem treffen sich die Nationalspieler nicht mehr in Noordwijk am Meer, sondern in Zeist nahe Utrecht. Erhabenheit und Luxus strahlt die Kaderschmiede nicht aus, dafür Zielorientierung und Zweckmäßigkeit. Und so wie sie wohnt, spielt diese Elftal auch: Hinten ist das Gebilde sicher gebettet, so dass sich vorne irgendwann der Schuss Abenteuerlust und Draufgängertum entfalten darf, der zum Fußball gehört wie der holländische Wohnwagen auf deutsche Autobahnen.

Depay wuselt durch die gegnerische Defensive

In der Defensive übernehmen Abwehrtalent Matthijs de Ligt (19 Jahre) und Kapitän Virgil van Dijk (27) die wichtigsten Sicherungsdienste, in der Offensive genügt bei Memphis Depay der Blick auf die mächtig tätowierten Oberschenkel, um nur einen Hauch seiner Extravaganz zu erahnen. Der inzwischen bei Olympique Lyon gelandete Irrwisch kann an guten Tagen eine Mixtur aus Arjen Robben und Wesley Sneijder sein. Schon die deutschen Nationalspieler versuchten vor einem Monat in Amsterdam bei der 0:3-Niederlage vergeblich, den 24-Jährigen einzufangen. Nun waren in Rotterdam auch französische Weltmeister damit bisweilen überfordert, obgleich der frenetisch bejubelte 2:0-Heimerfolg kein Produkt einer Solodarbietung war. Doch wie frech Depay am Freitagabend in der Nachspielzeit den Elfmeter verwandelte, sagt viel über das neue Selbstbewusstsein aus. „Schwer zu sagen, warum wir in kurzer Zeit so viel besser spielen“, grübelte der wie Torschütze Georginio Wijnaldum (28) beim FC Liverpool unter Jürgen Klopp in Sachen Widerstandskraft gereifte Verteidiger van Dijk. Die Laissez-faire-Haltung der merkwürdig leidenschaftslosen Franzosen spielte seinem Kollektiv im De Kuip gewiss in die Karten.

„Das hätte ich nicht erwartet. Meine Mannschaft hat ein perfektes Spiel gemacht. Das war ein enormer Schritt“, sagte Koeman, dessen Ensemble eine erstaunliche Reife und Geduld offenbarte. Der inzwischen 55-Jährige weiß, dass seine Landsleute bei der Nationalelf schnell zu Übertreibungen neigen. Daumen hoch oder Daumen runter – dazwischen gibt es oft nichts, was für den gemeinhin eigentlich ziemlich entspannten Niederländer eher atypisch ist. Es zeigt, dass die kickenden Repräsentanten in den leuchtend orangefarbenen Jerseys fürs Selbstwertgefühl des 17-Millionen-Einwohnerlandes eine immense Rolle spielen. Im Sommer 2017 hatten die Oranjes noch den EM-Titelgewinn ihrer Frauen gefeiert, die als Kontraprodukt zu den selbstverliebten Männern angesehen wurden. Nun aber ist Frenkie de Jong wieder beliebter als Lieke Martens. Letztere spielt bereits beim FC Barcelona, was auch das Wunschziel des erst 21 Jahre alten Strategen sein soll.

Mit Remis Gruppenerster

Der Gruppensieg in der Nations League gegen zwei Schwergewichte aus der Nachbarschaft würde den Niederlanden viel bedeuten, deren Verbandsfunktionäre sich in der Schaffenskrise nicht scheuten, bis nach Island zu reisen, um sich Anregungen einzuholen. Trotzdem war die Renaissance in Orange eher als Langzeitprojekt angelegt. „Als die Auslosung kam, hätten alle gedacht, wir haben keine Chance“, sagte Koeman. Frankreich hat fast viermal, Deutschland sogar fast fünfmal so viel Einwohner. Die einen sind Weltmeister 2018, die anderen waren Weltmeister 2014.

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