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Nationalmannschaft Argentinien Argentiniens Aufbruch ins Ungewisse

Argentiniens Fußball-Nationalmannschaft muss erst einmal auf Lionel Messi verzichten und hat beim erforderlichen Neuanfang ein Problem: Es mangelt an Talenten.

07.09.2018 07:40
Argentinien
Läuft bis auf weiteres nicht für Argentinien auf: Lionel Messi. Foto: dpa

Neulich jährte sich Lionel Messis größter Erfolg als argentinischer Nationalspieler zum zehnten Mal. Am 23. August 2008, bei den Olympischen Spielen in Peking, gewannen die Südamerikaner mit der Unterstützung ihres Superstars gegen Nigeria die Goldmedaille. Drei Jahre zuvor hatte Argentinien mit Messi bei der U20-WM triumphiert. Inzwischen aber blickt die Albiceleste auf eine Länderspieldekade des Frusts zurück, ohne jeden Titel, und mit ihr Messi, der mutmaßlich beste Spieler seiner Zeit. Wie es nun weitergeht, ist völlig offen.

Mehr als zwei Monate sind vergangen seit der jüngsten Enttäuschung, dem argentinischen Aus bei der WM in Russland, und immer noch kein Sterbenswort vom Kapitän zum Totalschaden: Messi war nach dem 3:4 im Achtelfinale gegen Frankreich schweigend verschwunden, und auch nach der Rückkehr in den Fußballalltag klammert er das Thema Seleccion beharrlich aus. Am Montag zum Beispiel, beim Tischgespräch mit dem katalanischen Radiosender „Tot Costa“.

Fakt ist: Der 31-Jährige fehlt dem zweimaligen Weltmeister am Samstag beim Neuanfang in Los Angeles gegen Guatemala sowie drei Tage später in East Rutherford/New Jersey gegen Kolumbien. Die Frage, die er nicht beantworten will: War es das gar in Himmelsblau und Weiß? Ein Abgang ohne wirklich großen Titel, auf den die Gauchos nun schon seit 25 Jahren – dem Triumph bei der Copa America 1993 – warten?

Der Superstar vom FC Barcelona, der es bei der Kür des weltbesten Kickers erstmals seit 2007 nicht unter die besten drei geschafft hat, spielt auf Zeit. Schließlich hatte er bei der Copa America 2016 nach seinem dritten verlorenen Finale in Folge inklusive dem WM-Endspiel 2014 gegen Deutschland noch vorschnell den Rücktritt verkündet, sich dann aber noch einmal überreden lassen.

Am Ende wurde es traumatisch, gar anarchisch. In Russland rebellierten die Spieler gegen Trainer Jorge Sampaoli, dieser ließ sich nach der WM trotz völlig fehlender Rückendeckung nur widerwillig und gegen gutes Geld vom Hof jagen. Und bei all dem Chaos fing sich Verbandspräsident Claudio Tapia auf der Suche nach einem Nachfolger reihenweise Körbe ein.

Also spielt auch der AFA-Boss nun auf Zeit, machte den unbeschriebenen U20-Auswahltrainer Lionel Scaloni bis Jahresende zum Interimscoach, stellte ihm Pablo Aimar und Walter Samuel zur Seite, zwei berühmte, aber leidlich erfolgreiche Ex-Nationalspieler. „Davon zu träumen, im nächsten Jahr die Copa America zu gewinnen, ist äußerst schwierig“, gesteht selbst Tapia unter diesen Umständen.

Nur Mascherano und Biglia sind zurückgetreten

Kein Projekt, kein Messi. Auch kein Angel Di Maria, Sergio Agüero, Gonzalo Higuain, Nicolas Otamendi, die alle vorerst aussetzen. Zurückgetreten aus der „Goldenen Generation“ sind nach der WM aber nur Javier Mascherano und Lucas Biglia.

Im neuen Kader sind gerade einmal sieben Spieler vom WM-Fiasko mit dem Stolperer gegen Island (1:1), der Blamage gegen Kroatien (0:3), dem Drama gegen Nigeria (2:1) und dem Aus gegen Frankreich (3:4) dabei. Die neuen Hoffnungsträger stürmen in Italien: Paulo Dybala – unter Sampaoli nur Edelreservist – bei Juventus Turin, Mauro Icardi und Jungstar Lautaro Martinez bei Inter Mailand.

Der dringend benötigte Neuanfang soll also vollzogen werden, aber es gibt da ein Problem: Das Jugendsystem ist quasi kollabiert, auf vielen Positionen kommen keine Talente nach. Zwischen 1995 und 2007 gewann die U20 – das wichtigste und älteste Jugendteam Argentiniens – die Weltmeisterschaft fünfmal, seither gar nicht mehr. Ein Trend, der längst auf die A-Elf durchschlägt; vor allem im Tor, in der Verteidigung und im zentralen Mittelfeld fehlt es schlicht an Klasse.

Und nach drei Trainern in den zurückliegenden vier Jahren (Sampaoli, Edgardo Bauza, Gerardo Martino) braucht das Team erst einmal wieder einen starken Mann auf der Bank, Tapia wird es nicht sein. Vielleicht Jose Pekerman, der am Montag als Nationalcoach Kolumbiens exakt sieben Tage vor dem Länderspiel gegen sein Heimatland zurücktrat.

Der 69-Jährige, argentinischer WM-Coach 2006 in Deutschland, ließ sich mit seiner Entscheidung viel Zeit nach der WM. Passt doch gut ins Bild, das Argentiniens Fußball derzeit abgibt. (sid/FR)

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