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FC Watford Der Höhenflug des FC Watford

Der FC Watford mischt zum Saisonstart die Premier League auf – entgegen aller Prognosen.

Premier League - Watford v Tottenham Hotspur
Feiert den Sieg gegen Tottenham: Etienne Capoue. Foto: rtr

Liverpool, Chelsea, Watford. Bei der Aufzählung der drei derzeitigen Spitzenteams der Premier League durch den Fragesteller zogen sich die Mundwinkel von Javi Gracia nach oben, er grinste. Eine Mischung aus Stolz und Unglaube strahlte aus seinem Gesicht. Er, Trainer des FC Watford, hatte gerade mit seiner Mannschaft unerwartet Tottenham Hotspur geschlagen. Es war der vierte Sieg im vierten Spiel, nie startete der Klub besser in eine Saison, und Watford damit punktgleich mit der Tabellenspitze die dritte Kraft im englischen Fußball. Es ist zu einem frühen Zeitpunkt der Saison eine Geschichte gegen alle Prognosen. Da ist jedes Grinsen erlaubt.

Der FC Watford, so orakelten die Experten vor der Saison, dürfte nur schwerlich der erneute Klassenerhalt gelingen. Die Mannschaft galt ihrer Ansicht nach als überaltert. Zudem verlor der Klub den besten Offensivmann, Richarlison, für viel Geld an den FC Everton, auf adäquaten Ersatz verzichteten die Verantwortlichen. Am Ende stand gar – völlig untypisch für Premier-League-Verhältnisse – ein Transferplus von 20 Millionen Euro. Bei den Buchmachern galt Gracia nicht von ungefähr als aussichtsreichster Kandidat auf die erste Trainerentlassung. Fußball ist jedoch gelegentlich ein irrationaler Sport. Die Erkenntnis ist nicht neu, benötigt nur immer wieder eine Auffrischung.

Topscorer aus Aschaffenburg

„Es war Zeit, dass wir anfangen, eine Mannschaft zu sein. Das kommt nun Schritt für Schritt“, sagte José Holebas. Der gebürtige Aschaffenburger, zwischen 2006 und 2010 für den TSV 1860 München am Ball, ist eines der Gesichter dieses Höhenflugs. Seit 2015 spielt er für die „Hornets“, Hornissen, wie der FC Watford wegen seiner schwarz-gelb-gestreiften Trikots genannt wird, und leitete mit zwei Standards beide Tore zum 2:1-Erfolg gegen Tottenham ein. Mit vier Assists und einem selbst erzielten Tor führt er derzeit die Scorerliste der Premier League an. Noch so eine große Momentaufnahme. „Wenn ich die Jungs auf dem Spielfeld und im Training sehe, ist es ganz anders als früher“, sagte der mittlerweile 34-jährige Grieche, „einige von ihnen verstehen jetzt, was es bedeutet, in der Premier League zu spielen.“ 

Trainer Gracia baut auf Geschlossenheit und eine simple, dem Kader entsprechende Strategie: eine starke Defensive, eng an den Gegenspielern sowie Kompaktheit und Körperlichkeit. „Wir sind wie ein großer Klumpen – die Gegner mögen das nicht“, formulierte es Angreifer Troy Deeney. Das Spiel ist gewiss nichts für Liebhaber, die Fans im Stadion an der Vicarage Road lassen sich aber ohnehin mehr von Kampf und Einsatz elektrisieren. Die Startaufstellung ließ der Trainer in allen vier Begegnungen bislang unverändert, der Kern besteht aus Spielern, die seit 2016 oder länger zusammenspielen. „Gracia ist ruhig, versteht sein Geschäft und zeigt einem den nötigen Respekt als Mensch und Fußballer. Sein Spielstil passt perfekt“, äußerte sich Keeper Ben Foster, 35, einziger Neuzugang in der ersten Elf. 

Seit 2012 ist der Verein im Besitz der italienischen Unternehmerfamilie Pozzo, ebenfalls Mehrheitseigentümer der Vereine Udinese Calcio und FC Granada. Die Eigentümer fielen in der Vergangenheit vor allem durch mangelnde Geduld mit ihren Trainern auf. – Gracia ist der erste Trainer seit 2015, der saisonübergreifend in Watford agiert. Auch das kam der Mannschaft in der Vorbereitung zugute.

Mehr als mit dem Namen Pozzo ist Watford allerdings mit Sir Elton John verbunden. Die Musikikone, in der Stadt aufgewachsen und seit Lebzeiten Anhänger der „Hornets“, kaufte 1976 den damaligen Viertligisten und läutete Jahre rasanter Auf- und Abstiege ein. John dachte groß, holte den damals jungen und aufstrebenden Trainer Graham Taylor und schaffte den Durchmarsch in die erste Liga und zur Vizemeisterschaft als Aufsteiger 1983. Mit dem Verkauf 1987 begann hingegen der schnelle Absturz in die regelmäßige Drittklassigkeit. 1997 kehrte John zurück, brachte Taylor mit, und, man staune, 1999 gelang der Sprung zurück in die Erstklassigkeit. Allerdings nur für eine Saison. Seit 2015 gehört der Verein ununterbrochen zur Premier League.

Vergleiche mit Leicester City

Der 71-jährige John hält nach wie vor Anteile am Klub und ist ein oft und gern gesehener Gast an der Vicarage Road. Den Sieg gegen Tottenham feierte er ausgelassen auf der „Sir-Elton-John-Tribüne“. 

Es sind große Augenblicke für den Verein im Nordwesten Londons, der erfreuliche Blick auf die Tabelle hält dank der Länderspielpause nun sogar bis Mitte September an. Die ersten Stimmen kommen auf, ob Watford eine ähnliche Saison wie Leicester City, Sensationsmeister 2016, spielen könne. Die Parallelen könnten kaum verblüffender sein: Leicester beendete die Saison vor dem Meistercoup als 14. mit 41 Punkten aus elf Siegen, acht Remis und 19 Niederlagen – die gleichen Zahlen erzielte Watford in der abgelaufenen Saison.

Das Selbstbewusstsein ist gestiegen im Verein und Umfeld, doch Mittelfeldspieler Will Hughes begegnet diesen Fantasien und erhofften Märchen mit gebotener Realität. „Man muss es genießen, solange man kann“, betonte er, „denn während der gesamten Saison wird es auch nicht so gute Phasen geben. Es wird nicht immer so gut laufen.“

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