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Cristiano Ronaldo Ein Held im Heldenland

Cristiano Ronaldos Wechsel von Real Madrid zu Juventus Turin bewegt nicht nur die Klubs, sondern auch die Ligen in Italien und Spanien.

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Teamkollegen bei Juventus Turin: Leonardo Bonucci und Cristiano Ronaldo Foto: www.imagephotoagency.it (imago sportfotodienst)

Italien war schon immer ein guter Ort für die Götter und all jene, die mit ihnen verwechselt werden. Als Maradona, der große Maradona, Ende der Achtziger aus Argentinien rüberkam, geriet in Neapel alles ein wenig außer Kontrolle, um nicht zu sagen: ein wenig sehr. Bis heute findet man in zahlreichen neapolitanischen Wohnstuben das Bildnis Maradonas, daneben, nicht selten ein Stückchen dahinter, die Jungfrau Maria mit dem Kinde. Als Francesco Totti 2017 mit 40 in den Ruhestand ging, brachten ihn die Römer direkt in den Olymp, so schien es, und alle paar Wochen kehrt er seitdem zurück, sitzt mit unbewegtem Cäsarengesicht im Olympiastadion und lässt sich anhimmeln. Nirgends kann man so gut zur Ikone werden wie in Italien, nirgends ist die Liebe der Fans distanzloser.

Und nun ist Cristiano Ronaldo in diesem Land. Wie, um Himmels Willen, soll das nur gut gehen? Und was, wenn’s nicht gut geht?

Das erste Spiel Ronaldos für Juventus Turin, ein traditioneller Freundschaftskick in Villar Perosa, 60 Kilometer vor den Toren Turins, musste abgebrochen werden, Selfiejäger hatten den Platz gestürmt und sich auch von 600 Polizisten nicht in Schach halten lassen. Am Samstag feiert Ronaldo sein Debüt in der Serie A, ein Auswärtsspiel, und Chievo Verona hat sich erlaubt, die Kartenpreise auf 50 bis 150 Euro anzuheben. Der Ronaldo-Zuschlag. Natürlich geht’s ums Geld, aber vielleicht geht es auch darum, einem zweifelnden, zerrissenen Land sein Selbstverständnis zurückzugeben, wenigstens beim Calcio, dem italienischen Fußball, der ja auch schon lange nicht mehr das ist, was er einmal war. Was läge da näher, als den größten Held von allen ins Heldenland zu bringen.

Die Serie A wird sich natürlich nicht in die beste Fußballliga der Welt zurückverwandeln, weil der 33-Jährige Ronaldo da ist. Dafür liegt zu viel im Argen, bei der Infrastruktur, der Vermarktung. Der Verband wird immer noch kommissarisch geführt, und die Ligen unterhalb der Beletage versinken nachgerade im Chaos. Zahlreiche Klubs sind Pleite gegangen, Prozesse laufen, Berufungen, weshalb von der dritten bis zur vierten Spielklasse nach wie vor nicht klar ist, welche Klubs in welcher Liga in die neue Saison starten. Ronaldos neues Königreich entsteht auf marodem Boden.

Ronaldo ist bares Geld wert

Zumindest in der Serie A aber wollen sie alle profitieren von Ronaldo, von der Marke CR7, die weltweite Strahlkraft besitzt. Juventus erwartet sich nicht nur den achten Meistertitel in Folge, sondern endlich auch den Champions-League-Sieg, das ist die sportliche Seite. Wirtschaftlich folgt der Transfer reinem Kalkül. Die 117 Millionen Euro, die Juve an Real Madrid überwies, und die 30 Millionen Jahresgehalt für den Portugiesen dürften sich schnell amortisieren. Der norditalienische Klub mit der niederländischen Investmentgesellschaft Exor im Rücken darf sich verbesserte Sponsoreneinnahmen versprechen, erhöhte Aufmerksamkeit sowieso. Innerhalb weniger Wochen hat Juventus in den sozialen Netzwerken einen Zulauf von fünf Millionen Usern erfahren. Bares Geld.

Die Liga greift den erhofften Ronaldo-Effekt ab, indem die Spieltage fernsehfreundlich zerstückelt wurden, nur noch drei Partien finden traditionell sonntags statt, 15.30 Uhr; die restlichen Ansetzungen sind über das Wochenende zerstreut, von Freitag bis Montag. Das da ein spannendes Titelrennen über die Endgeräte flimmert, ist allerdings nicht zu erwarten, zu groß ist die Turiner Dominanz, zu unstet die Konkurrenz aus Neapel, Mailand, Rom. In Italien ist Ronaldo der beste Spieler in der besten Mannschaft, es ist anders als bei Real, wo er sich jahrelang an der Rivalität mit Lionel Messi abarbeitete und an jener mit dem FC Barcelona. Behauptungen, der eine sei besser als der andere, ließen sich stets mit dem jeweiligen Gegenteil kontern.

Das seit 2009 laufende Duell zwischen Ronaldo gegen Messi fehlt in Spanien nun. Während Ligapräsident Javier Tebas, gefragt nach der Anziehungskraft von La Liga, jahrelang darauf verwies, man habe „Messi und Ronaldo, die Besten der Welt“, klingt der gute Mann nun anders. „Real Madrid und auch die Liga sind größer als jeder Spieler“, findet Tebas: „Wir haben daran gearbeitet, dass solche Abgänge nicht so wichtig sind.“ Andere warnen, der landesweit berühmte Wirtschaftsprofessor Jose Maria Gay de Liebana zum Beispiel: „Die Liga verliert an Wert.“ Und bei Real Madrid zucken sie nur mit der Schulter. Ronaldo? Was soll’s.

Ergänzungsmann Dani Ceballos glaubt, seine Mannschaft werde „gar nicht bemerken, dass Cristiano Ronaldo nicht mehr da ist. Wir spielen jetzt mit mehr Ballbesitz, die Tore schießen Bale, Benzema und Asensio.“ Julen Lopetegui, der neue Trainer, gab an, man werde ohne den Superstar im Sturm nun den Teamgedanken stärken. Manch einer in Madrid scheint froh zu sein, dass die erdrückende Überfigur Ronaldo fort ist.

Der sieht es ähnlich: „Ich glaube nicht, dass mir viele Leute in Madrid nachweinen werden“, sagte Ronaldo. Immer wieder mal hat er sich verkannt gefühlt in der spanischen Hauptstadt, die Pfiffe, die er im Bernabeu-Stadion mitunter zu hören bekam, hat er nicht vergessen. In Turin haben ihm die Juve-Fans schon in der vergangenen Saison applaudiert, als er für Real in der Champions League ein wunderbares Fallrückziehertor erzielte. Es geht ums Geld, natürlich. Aber auch die Götter brauchen Liebe.

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