Lade Inhalte...

Fußball-Nationalspieler Arne Friedrich „Vielleicht schlafe ich auch mal bis zum Mittag“

Nationalverteidiger Arne Friedrich spricht im FR-Interview über seine schwere Rückenoperation, die emotionale Achterbahnfahrt in 2010 und seinen Jahresabschluss beim VfL Wolfsburg.

26.12.2010 16:42
Arne Friedrich wärmt sich am 17. Bundesliga-Spieltag neben dem Tor auf. Foto: dapd

Herr Friedrich, wie geht es Ihrer Bandscheibe?

Gut. Ich kann endlich wieder völlig schmerzfrei sitzen.

Jetzt untertreiben Sie aber. Nach Ihrer Operation Ende August sind Sie ja seit 14 Tagen wieder im Mannschaftstraining. Und Sie wurden kurz vor Weihnachten im Pokalspiel ihres VfL Wolfsburg gegen Energie Cottbus sogar sechs Minuten vor Schluss eingewechselt..

Das Schönste war eigentlich, als ich das erste Mal wieder draußen mittrainieren konnte. Inzwischen habe ich auch keine Angst mehr vor den Zweikämpfen. Das ist sehr wichtig. Meine Einwechslung gegen Cottbus beim Stand von 1:3 war wohl eher symbolisch und sollte mir und der Mannschaft Mut machen.

Diese Verletzung war ja der schmerzliche Höhepunkt eines total verrückten Jahres für Sie.

Das stimmt. Zuerst der Abstieg mit Hertha BSC, dann die tolle Weltmeisterschaft in Südafrika, der Wechsel zum VfL Wolfsburg und eine kaputte Bandscheibe – mehr geht eigentlich nicht.

Wie sind Sie mit diesem Rückschlag umgegangen ?

Eigentlich immer sehr positiv. Ich bin nicht in Selbstmitleid zerflossen. Ich wusste nach der ersten Diagnose vor der Operation, auf was ich mich einstellen musste.

Auf was genau?

Die ersten sechs Wochen nach der Operation habe ich 90 Prozent des Tages gelegen – und ich durfte eigentlich fast gar nicht sitzen. Ich durfte gerade zweimal am Tag fünf Minuten spazieren gehen.

Was haben Sie gemacht, als Sie ans Bett gefesselt waren?

Ganz unterschiedliche Dinge. Ich habe weiter Italienisch gelernt. Das hatte ich ja schon vor längerer Zeit einmal begonnen. Oft aber habe ich nur Filme angeschaut oder ich habe gelesen.

War es eine komplizierte Operation?

Es ging wohl über eineinhalb oder zwei Stunden, aber da müsste ich jetzt lügen. Ich habe damals gar nicht nachgefragt. Operiert wurde ich in München, die Reha habe ich dann in Berlin absolviert. Im Nachhinein hatte ich wohl noch Glück im Unglück. Aber auf jeden Fall war es eine schwere Verletzung.

Kamen Ihnen Gedanken ans Karriereende?

Nein, überhaupt nicht. Solche Gedanken habe ich mir nie gemacht. Und wenn es so gekommen wäre, dann wäre das ganz schlimm gewesen, aber es wäre halt so gewesen. Ich bin jetzt 31 und habe viele schöne Jahre im Fußball hinter mir. Aber es ist ja alles gut gegangen.

Gab es denn in dieser schweren Zeit viel Zuspruch?

Ja, natürlich von der Familie, vom Verein, aber auch der DFB hat sich gekümmert. Die hatten mir in München sogar einen Sky-Decoder installiert, damit ich Fußball sehen konnte.

Ihre neue Mannschaft, für die Sie im August lediglich ein Pokalspiel bestreiten konnten, spielte schlecht und oft weit unter ihren Möglichkeiten – und Sie mussten tatenlos zusehen. War das nicht besonders bitter?

Ich war erst mal vor allem damit befasst, wieder gesund zu werden. Wir haben beim VfL eine schwierige Situation, aber wir werden da wieder herauskommen. Das ist eine große Aufgabe.

Sie sind aber nach Wolfsburg gewechselt, um endlich in der Champions League spielen zu können.

Das stimmt. Aber wir müssen jetzt ganz kleine Schritte machen, bevor wir sagen: Wir wollen in die Champions League. Die Mannschaft hatte eine sehr komplizierte Hinrunde und zum Abschluss noch das Pokal-Aus gegen Cottbus, aber wir werden bald wieder bessere Zeiten erleben. Da bin ich mir sicher.

Noch mal zum Jahr 2010 ...

Es war äußerst spannend. Der negative Höhepunkt war sicher der Abstieg mit Hertha BSC und der positive Höhepunkt die WM. Das waren schon unglaubliche Dinge. Ich kenne keinen, der solche Extreme mitgemacht hat. Die Zeit des Abstiegs in Berlin war hart, aber dann kam ja, Gott sei Dank, die WM.

Reift man in solchen Extremsituationen?

Gerade in negativen Zeiten lernt man sehr viel. Man erkennt, auf wen man sich verlassen kann, wer für einen da ist und wer nicht. Das filtert man schon heraus. Ich kann mit Druck jetzt viel besser umgehen, gerade weil der Druck in Berlin am Ende enorm war, was meine Person als Kapitän von Hertha anging.

Haben Sie sich damals Gedanken gemacht, durch den Abstieg vielleicht die WM zu verpassen?

Ich habe mir damals eigentlich mehr Gedanken darüber gemacht, wie wir den Abstieg noch verhindern können, und nicht, ob die WM für mich in Gefahr ist. Von dem Tag an, als wir tatsächlich abgestiegen waren, überkam mich eine innere Leere. Es war ja lange unvorstellbar, dass ein Hauptstadtklub absteigt. Aber vom ersten Tag an, als ich bei der Nationalmannschaft war, hatte ich ein komplettes neues Team um mich herum mit neuen Zielen. Ich bekam viele positive Einflüsse. Bei Hertha wurde mir viel Verantwortung zugeschoben, und ich konnte endlich den ganzen Ballast aus dieser Zeit abwerfen. Mein Kopf war wieder frei.

Waren Sie nicht selbst ein klein wenig überrascht, dass Sie nach einem derartigen Negativ-Erlebnis solch ein überragendes Turnier spielen konnten?

Nein. Die Bundestrainer hatten immer Vertrauen in mich. Das gilt für Joachim Löw und auch früher für Rudi Völler. Natürlich konnte ich mir vor Südafrika nicht sicher sein, ob ich tatsächlich in die Stammelf rücke. Ich habe mich aber im Training durchgesetzt und war sehr froh, dass es so gekommen ist.

Als Joachim Löw mal nach seinem wichtigsten WM-Moment gefragt wurde, nannte er Ihr Tor zum 3:0 gegen Argentinien...

Auch für mich war das einer der schönsten Momente – mit Sicherheit. Ich habe das Tor ja auch gebührend mit dem Diver, einem Hechtsprung, gefeiert. Aber ich möchte das Tor gar nicht so sehr hervorheben, lieber das gesamte Spiel gegen Argentinien. Wir haben einen Gegner völlig an die Wand gespielt, der der große Favorit gegen uns war.

Nehmen Sie noch die EM 2012 oder die WM 2014 in Angriff?

So weit schaue ich nicht. Ich bin realistisch. Ich muss jetzt erst mal wieder meine Form kriegen. Wenn ich in der Rückrunde wieder regelmäßig spielen kann, war ich vier, fünf Monate ohne Spielpraxis. Mein Ziel ist aber auf jeden Fall die Europameisterschaft, und was danach kommt, werden wir sehen.

Ihre Nationalelfkollegen Sami Khedira und Mesut Özil spielen jetzt bei Real Madrid. Hätten Sie sich auch gewünscht, mal bei einem solchen Klub zu spielen?

Nein, warum? Ich hatte im Laufe meiner Karriere auch gute Angebote aus dem Ausland. Aber ich habe mich immer bewusst dagegen entschieden. Damals bei Hertha wollte ich nicht wechseln, weil ich mich unheimlich wohlgefühlt habe, und bei der WM in diesem Jahr bin ich mit dem VfL einig geworden. Und ich bereue diesen Schritt in keiner Weise.

Viele Beobachter sagen, Sie hätten in diesem Jahr den größten Imagewandel von allen Nationalspielern vollzogen – vom eher unauffälligen, seriösen Verteidiger zu einem Gesicht der Nationalmannschaft. Spüren Sie das auch auf der Straße ?

Die Leute auf der Straße sind mir gegenüber eigentlich immer sehr positiv gewesen – gerade nach großen Turnieren wie 2006 oder 2008. Und natürlich auch in diesem Jahr. Dieses Mal habe ich mich besonders wohlgefühlt, weil ich in der Innenverteidigung spielen durfte. Da bin ich am stärksten.

Wie werden Sie das Jahr 2010 beschließen?

Wir sind ja sonst oft zu Weihnachten oder Silvester nach Amerika geflogen. Dieses Jahr bleiben wir zu Hause. Ich werde viel Zeit mit der Familie verbringen, auch mal die Beine hochlegen und mich mit Freunden treffen, die ich nicht so oft sehe. Vielleicht schlafe ich auch mal bis zum Mittag.

Interview: Michael Jahn

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen