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Fußball in Ex-Jugoslawien "Juden, auf Wiedersehen"

Der Fußball auf dem Balkan schlittert von einer Krise in die nächste, während zuständige Institutionen ihre Hilf- und Ratlosigkeit beteuern. Eine Bestandsaufnahme.

23.06.2015 13:24
Von Dario Brentin
Drohnenattacke: Stefan Mitrovic holt eine großalbanische Flagge herunter. Foto: REUTERS

In regelmäßigen Abständen erweckt der Fußball auf dem Balkan die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft. Die Gründe dafür sind bekannt und haben sich seit mehr als 20 Jahren leider kaum verändert. Immer seltener sind es die sportlichen Erfolge südosteuropäischer Vereine und Nationalmannschaften, die es auf die Titelseiten schaffen, sondern fast nur noch die den Fußball umgebende, von physischer und symbolischer Gewalt geprägte Fankultur.

Der Stadionbesuch ist demnach, im besten Falle, von einem kontinuierlich-grölenden (männlichen) Fangesang geprägt, welcher sein Repertoire auf die Androhung von Totschlag oder den sexuellen Missbrauch diverser Familienmitglieder reduziert zu haben scheint. Wem dies allerdings angedroht wird, hängt ausschließlich davon ab, wer gerade als minderwertig wahrgenommen wird. Mal die Serben, mal die Kroaten, die Juden, die Albaner, die Roma, die Muslime, die Schwulen, je nachdem wer auch gerade als Hassgruppe stigmatisiert wird. Im schlimmsten Fall eskaliert die aufgeladene Atmosphäre in blutiger Gewalt, die mal Spieler, mal Fans, mal Sicherheitspersonal betrifft.

Die Probleme scheinen dabei einen regionalen Charakter zu haben. Da wären zum Beispiel die beunruhigenden Gewaltszenen vor dem letzten Belgrader Derby oder der offen aufgeführte Rassismus gegenüber schwarzen Spielern, wie bei dem U21-Qualifikations-Spiel zwischen Serbien und England im Herbst 2013.

Stadien als Bühne für rechtsradikale Parolen

Vor einem halben Jahr dann der „Drohnenkrieg“ während des Spiels gegen Albanien, als nach einschlägigen Gesängen der serbischen Fans plötzlich wie von Geisterhand eine Drohne mit einer groß-albanischen Flagge über dem Himmel von Belgrad erschien. Aufgebrachte serbische Fans stürmten das Spielfeld und attackierten albanische Spieler, die sich nur noch in die Katakomben flüchten konnten. Kurze Zeit später wurde weiter südlich in Montenegro fast das Länderspiel gegen Russland aufgrund von gewalttätigen Ausschreitungen unterbrochen. Der Gipfel der „Fankultur“ wurde erreicht, als der russische Torwart Igor Akinfejew von einer pyrotechnischen Leuchtrakete am Kopf getroffen wurde und verletzt vom Platz gebracht werden musste.

In Kroatien wiederum manifestiert sich das Fußballstadion zunehmend als Arena für rechtsradikale Parolen und gesellschaftlich akzeptierten Geschichtsrevisionismus. Für alle ist etwas dabei: über den vielmals berichteten „patriotischen“ Gruß „Für die Heimat – Bereit!“ bis hin zur marienhaften Erscheinung eines zwanzig Meter großen Hakenkreuzes auf dem Spielfeld in Split während des Spieles gegen Italien vor rund einer Woche. Die Partie fand ohnehin schon vor leeren Tribünen statt, aufgrund von faschistischen Parolen in einem vorausgegangenen Spiel.

Aufgrund dieses Vorfalls wurde dem gleichzeitig stattfinden Spiel zwischen Bosnien-Herzegowina und Israel bedeutend weniger Aufmerksamkeit geschenkt als es verdient hätte. Tatsächlich hatte das Match eher den Charakter einer politischen Demonstration als eines völkerverbindenden Fußballspiels. Die bosnischen Fans, die auf ihre unmissverständliche Solidarität mit dem palästinensischen Volk aufmerksam machen wollten, taten dies durch ein orchestriertes Trampeln auf einer überdimensionalen Israel-Fahne, sowie antisemitische Gesänge im Stadion selbst. Tausende Fans skandierten auf Deutsch: „Juden, auf Wiedersehen!“

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Seit Jahren ist man mit diesen, sich scheinbar immer stärker festsetzenden sozialen Phänomenen im südosteuropäischen Fußball konfrontiert. Lösungsansätze und –versuche fallen jedoch recht dürftig aus. So wie über die Eskapaden gewaltbereiter Hooligans fast schon wie von einer Banalität des Fußballalltags berichtet wird, so gebetsmühlenartig fallen auch die Reaktionen der zuständigen Obrigkeiten aus. Immer wieder ist man überrascht ob des Hasses, des Gewaltpotenzials, des eruptiven Charakters. Sei es der politische Wille oder die wirtschaftlichen Mittel: an beiden fehlt es.

Aus den internationalen Medien vernimmt man allerdings in den vergangenen Tagen immer lautere Rufe nach einer drastischen Strafe. In Anbetracht der zuvor geschilderten Ereignisse ist das auch durchaus zu verstehen, obwohl die Frage bleibt, ob eine rigorose Strafe substanziell etwas ändern würde.

Aussperren löst keine Probleme

Die Argumente werden meist von Law-and-Order Überlegungen geleitet und zitieren den angeblich erfolgreichen Umgang Margaret Thatchers mit dem britischen Hooliganismus während ihrer Amtszeit. Zwar würde man dadurch gewaltbereiten Gruppierungen das Stadion als Bühne der politischen Selbstdarstellung womöglich längerfristig wegnehmen, was allerdings bleiben würde, wäre keinesfalls eine pädagogisch positive Wirkung auf südosteuropäische Gesellschaften.

Obwohl es sich bei den gewaltbereiten und rassistischen Hooligans tatsächlich um eine kleine Minderheit der aktiven Fans sowie der Gesamtgesellschaft handelt, muss man diese dennoch als Spiegelbild gesellschaftlicher Verhältnisse und Strukturen verstehen. Diese meist jungen Männer leiden alle gemeinsam an derselben Perspektivlosigkeit, enormer Jugendarbeitslosigkeit und korrupten staatlichen Strukturen, in denen kaum ein bedeutender sozialer Aufstieg möglich ist. Diese Tatsachen können nicht als Legitimierung für solches Benehmen dienen, doch sie machen deutlich, dass diese sozialen Probleme nicht mit dem Ausschluss gewaltbereiter Hooligans aus den Stadien einfach so verschwinden werden.
Durch bloßes Abstrafen werden aber die stereotypen Vorstellungen über „den Balkan“ und seine Fußballfans bestätigt, anstatt sich mit den komplexen Realitäten auseinanderzusetzen, welche diese symptomatischen Vorfälle produzieren.

Dario Brentin (30) promoviert am University College London über Sport, Nationalismus und Identität in post-jugoslawischen Gesellschaften und ist Autor des Internetmagazins Balkanist.net

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