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Fußball in Brasilien Der Ball ist nicht nur gesund

Brasilien ist süchtig nach Fußball: Erfolge und Niederlagen der Nationalmannschaft werden gleichermaßen intensiv gelebt

19.06.2013 08:22
Dass Corinthians, der Verein aus Sao Paulo, 2012 den Weltpokal gegen Chelsea London gewann, war auf den Straßen der brasilianischen Metropole nicht nur Gesprächsstoff. Foto: dpa

Kein Zweifel, dass das Fußball-Gen die nationale DNA Brasiliens bestimmt. Man muss sich nur die Siege der Nationalmannschaft anschauen, sie lassen sich wunderbar dem Werdegang Brasiliens zuordnen. Zum Beispiel 1958: Als Brasilien in Schweden zum ersten Mal Weltmeister wurde, hörte sich Präsident Juscelino Kubitschek die Radio-Übertragung im Brasília Palace Hotel an – eines von zwei damals fertigen Gebäuden in der hocheleganten Kapitale der tropischen Moderne, deren Bau den Aufbruch des Landes in die Zukunft repräsentierte.
Der zweite WM-Titel 1962 verdoppelte die Symbolik des ersten, der dritte 1970 fiel zeitlich in eins mit dem Wirtschaftswunder. Den vierten Titel 1994 kann man als Lohn der Demokratisierung nach der Diktatur ansehen, und der Sieg im Endspiel gegen Deutschland 2002 erscheint als Vorzeichen der goldenen Jahre unter Präsident Lula.
Wenn nur die blöden Niederlagen nicht wären! Warum scheiterte 1966 der Doppelweltmeister – mit Garrincha und Pelé! – schon in der Vorrunde, obwohl die Nation nicht am Abgrund stand? 1998 ging es aufwärts mit Brasilien – wieso dann der ominöse Anfall Ronaldos und die 0:3-Schlappe gegen Frankreich? Warum enttäuschte die Seleção 2006 ebenso wie 2010, also in den goldensten der goldenen Lula-Jahre? – Im Übrigen kann man auch die Siege von einer anderen Seite sehen. Vor allem den dritten Titel: Nie hat die Diktatur so emsig verhaftet und gefoltert wie um 1970.

Der August ist der Monat des Unglücks

Es ist so ähnlich wie mit dem lusitanisch-brasilianischen Volksglaube, nach dem der August der Monat des Unglücks sei: Dass von September bis Juli im Monatsdurchschnitt genauso viele Knochen brechen, Ehemänner fremdgehen oder Flugzeuge abstürzen, schmälert seine Erklärungskraft nicht. Alle Systeme von Glück und Unglück stehen unverbunden neben der Logik. Und es scheint, als spielten in Brasilien, wenn von Fußball die Rede ist, Elemente wie Glück, Pech, Schicksal, Vorherbestimmung eine größere Rolle als anderswo. Dass Sieg und Niederlage die logischen Pole eines jeden Wettkampfspiels sind, rückt damit in den Hintergrund. Der brasilianische Anthropologe Roberto DaMatta weist darauf hin, dass die Engländer zwischen „to gamble“ und „to play“ unterscheiden, während die Brasilianer beides, also das Glücksspiel und das Spiel, mit nur einer Vokabel, jogar, bezeichnen.
Fußball als Metapher der Nation: Für Brasilien trifft das ja wirklich zu, bloß eben nicht in dem einfältig-historisierenden Sinne wie oben skizziert. Die Engländer brachten den Fußball Anfang des 20. Jahrhunderts als weißen, elitären Hobby-Sport mit, die Brasilianer verwandelten den neokolonialen „foot ball“ in ihren „futebol“: Ein egalitärer Volkssport, der Schwarze und Arme zuließ und ihnen – über die Professionalisierung, die die weiße Elite vehement ablehnte – nie gekannte soziale Aufstiegschancen gab.
Als das Radio aufkam, wurde Fußball von einer lokalen zu einer nationalen Leidenschaft. 1938 war „futebol“ schon so populär, dass die Reise der Seleção zur WM in Frankreich über den Verkauf einer Sonderbriefmarke finanziert werden konnte. Fußball hat Brasilien als Nation vereint. Zufall oder nicht, der letzte Sezessionsversuch in dem kontinentalen Land datiert aus den Dreißigern.

Fußball eint die Nation

Der Großgrundbesitzer und der Kolonialherr sind wohlgenährt und überlassen den Sklaven das Schuften und Schwitzen. Dagegen sind Leibesübung und Körperbewegung ein neues Konzept, dem die neugewonnene soziale Mobilität der modernen Industriegesellschaft entspricht. Und dass Brasilien eine eigene Art zu spielen entwickelt, das berühmte artistisch-spielerisch „jogo bonito“ mit seinen Stars, ist die Vollendung eines Aneignungsprozesses: Das sich stets unterlegen und rückständig fühlende Brasilien nimmt nun in einer von den (Neo-)Kolonialisten eingeführten Disziplin eine Vormachtstellung ein. Der große Soziologe Gilberto Freyre, der in den Dreißigern die These von der Überlegenheit der weißen Rasse über den Haufen warf und den schwarzen, indianischen und europäischen Wurzeln der Brasilianität gleichen Rang und gleiches Recht beimaß, schrieb lange Elogen über das Tänzerisch-Dionysische des brasilianischen Fußballs.
Die „Semana de Arte“, die Woche der Kunst, markierte 1922 den Aufbruch von Malerei, Theater, Poesie Brasiliens in die Moderne. Im „Menschenfresser-Manifest“ formulierte der Schriftsteller Oswald de Andrade das Programm: Sozusagen die Kannibalisierung der Einflüsse Europas, aus deren Verarbeitung etwas völlig Neues, originär Brasilianisches entstehe. Dem Fußball-Volk wird die „Semana de Arte“ ziemlich egal gewesen sein, bloß: Genau das traf auch auf den Fußball zu.
Für die Identität und das Selbstbewusstsein eines ehedem kolonisierten Landes war die Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls eine gewaltige, bereichernde Erfahrung. Vom „Straßenköter-Komplex“, in dem sich Brasilien stets klein gemacht habe, sprach der berühmte brasilianische Theatermann und Journalist Nelson Rodrigues (1913–1980), ein fanatischer Fußballanhänger.
Mag sein, dass die metaphysische Überhöhung, die der Fußball als Schicksalsspiel der Nation erfuhr, diverse Gründe und Quellen gehabt hat; die Politik hat sie oft genug eingesetzt. Aber sicher ist, dass Rodrigues sein gewaltiges Sprachvermögen in den Dienst dieser Überhöhung gestellt hat. Seine Formulierungen, die immer noch zitiert werden, tragen bis heute dazu bei, den Fußball in die Sphären von Glück und Unglück, Schicksal und Vorherbestimmung, Triumph und Scham, Demütigung und Arroganz zu katapultieren.

Die Erbsünde des brasilianischen Fußballs

Nüchtern gelesen sind Rodrigues’ Fußball-Chroniken heute unerträglich nationalistisches Geschwätz, das gut ankam bei den Militärs, die ihrerseits bei Rodrigues gut ankamen. „Es war eine nationale Demütigung, die nichts, absolut nichts wieder gutmachen kann“ – so ein Satz, gemünzt auf das Endspiel gegen Uruguay 1950, war genauso ernst gemeint wie die Behauptung 1962, Brasilien habe „heute die Schöpfungskraft einer Nation von Napoleonen“. Und seine berüchtigtste Formulierung, 1950 sei „unser Hiroshima“ gewesen, wird bis heute gerne zitiert, ganz ohne Gespür für die ihr innewohnende Geschmacklosigkeit.
„Wir haben zweifellos oft verloren“, schreibt DaMatta über die „Erbsünde“ des brasilianischen Fußballs, „aber wir weigern uns, das einzig Richtige angesichts der Niederlage zu tun: sie zu akzeptieren“. In diesem Sinn verhindert die Überhöhung des Fußballs ins Schicksalhafte das Fair Play, denn dazu gehört auch, in Sieg und Niederlage Haltung zu bewahren. „Vize werden ist verlieren in Brasilien“, sagt der deutsche Fußball-Soziologe Martin Curi, „und wenn sie gewinnen, können sie kaum laufen vor nationaler Überheblichkeit“.
Maocir Barbosa ist das berühmteste Opfer dieser Haltung. Er stand beim Finale 1950 im Tor, als der Uruguayer Alcides Ghiggia elf Minuten vor Abpfiff das 2:1 erzielte. Der heute hochbetagte Ghiggia hat Barbosa, der wegen des nicht gehaltenen Balls bis zu seinem Tod verfemt wurde, Jahrzehnte nach dem Spiel getroffen und getröstet. „Ich hab’ ihm gesagt, es war nicht deine Schuld und nicht meine“, sagte er, „sondern die Schuld Brasiliens, das nicht verstanden hat, dass es nur Fußball war“.

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