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Fußball Finger in der Wunde

Der Vorfall von Brandis wirkt nach: Der DFB ehrt den Fußballklub Roter Stern Leipzig, für den das Eintreten gegen den Rechtsextremismus kein leeres Geschwätz ist. Im Gegenteil, für den Klub ist es fast so bedeutend wie Fußball.

07.09.2010 18:42
Christoph Ruf
Bei einer Polizeiübung, wie hier am Bremer Weserstadion, blieb es in Leipzig nicht immer. Foto: nordphoto

Lutz Battke aus Laucha und Sophia Bormann vom Roten Stern Leipzig haben nicht viel miteinander zu tun. Um genau zu sein, sind sich der Jugendtrainer, der für die NPD im Kreistag sitzt, und die Vorsitzende des alternativen Breitensportvereins noch nie begegnet. Es würde wohl auch nicht lange gut gehen, wenn sich die beiden kennenlernen würden.

Als Trainer der örtlichen Nachwuchs-Elf soll Battke vor Zeugen gesagt haben, dass „Schwarze“ für ihn „keine Menschen“ seien. Das berichtet Sachsen-Anhalts Innenstaatssekretär Rüdiger Erben (SPD). Im Ministerium ist man alarmiert, seit vor Ort ein israelischer Jugendlicher als „Judenschwein“ beschimpft und verprügelt wurde ? von einem 20 Jährigen, der lange Jahre von Battke trainiert worden war. Klaus Wege, der Präsident des BSC 99 Laucha, sah allerdings weiterhin keinen Grund, sich von einer „Stütze des Vereins“ zu trennen. Irgendwann musste er es dann doch tun – der öffentliche Druck war zu stark geworden.

Wider die NPD-Mentalität

Das hat wiederum sehr viel mit Sophia Bormann und den anderen 399 Mitgliedern vom Roten Stern Leipzig (RSL) zu tun. Wenn heute über den Alltags-Rassismus und die „NPD-Mentalität“ (RSL-Geschäftsführer Adam Bednarsky) in der Fußballprovinz gesprochen wird, liegt das nicht zuletzt daran, dass die Mitglieder des RSL beides immer wieder am eigenen Leib erfahren und ihre Erlebnisse publik gemacht haben. Zu den meisten Auswärtsspielen des RSL kommen zehn bis 15 Neonazis – in der Hoffnung, den „Zecken“ zeigen zu können, wer das Sagen hat.

Im Oktober 2009 waren es ein paar mehr. Im Örtchen Brandis wurden Fans, Spieler und Offizielle des RSL von etwa 50 Neonazis überfallen – nicht der erste, aber der dramatischste Vorfall, den der RSL umgehend publik machte. Seither wissen auch viele Fußballfans, die sich sonst nur für das Geschehen in den Erstliga-Arenen interessieren, dass es Gegenden gibt, in denen der rechte Lifestyle der einzig gültige ist.

Der DFB hat den „Roten Stern“ für sein Engagement gestern in Köln mit dem zweiten Platz des „Julius-Hirsch-Preises“ ausgezeichnet. „Das war schon eine freudige Überraschung“, berichtet Bormann, die hofft, „dass sich durch die Auszeichnung auch Vereine unseren Argumenten öffnen, die uns bislang abgelehnt haben.“

Seit 2005 verleiht der Verband den Preis zum Gedenken an den jüdischen Nationalspieler vom Karlsruher FV, der 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Der SV 06 Lehrte, ein Klub aus dem Hannoveraner Umland, wurde für sein multikulturelles Engagement mit Platz eins ausgezeichnet. Die dortigen Verantwortlichen wurden aktiv, weil ihre türkischstämmigen Spieler von gegnerischen Funktionären ständig beleidigt wurden.

Offiziell, so heißt es auf der DFB-Homepage, hat sich der RSL den zweiten Platz verdient, „weil er respektvoll und verantwortlich versucht, Zeichen gegen jegliche Art von Diskriminierung zu setzen.“ Der wichtigere Grund: Der Rote Stern ist an Wochenenden dort, wo keine Überwachungskameras stehen. Und er sieht keinen Grund zu verschweigen, was ihm dort widerfährt. Damit hat er einer Öffentlichkeit die Augen geöffnet, die sich zunehmend daran gewöhnt, nur das als Realität wahrzunehmen, was auf dem Bildschirm stattfindet. Lange Zeit war das auch die einzige Perspektive, die den DFB interessiert hat.

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