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Ricardo Quaresma Zwischen den Welten

Die Geschichte Ricardo Quaresmas ist die eines Mannes, der ein paar falsche Entscheidungen zu viel getroffen hat in seinem Leben, es ist auch eine Geschichte über vergeudetes Talent, Größenwahn und viel verletzten Stolz.

Hat sich wieder zu einem wichtigen Spieler in der portugiesischen Mannschaft entwickelt: Ricardo Quaresma. Foto: AFP

Dies ist die Geschichte von Ricardo Quaresma, jenen sehr großflächig tätowierten Rechtsaußen, der mit einem Tor, das auch seine Oma hätte erzielen können, die portugiesische Nationalmannschaft gegen den heimlichen Turnierfavoriten Kroatien ins Viertelfinale beförderte. Es ist die Geschichte eines Mannes, der ein paar falsche Entscheidungen zu viel getroffen hat in seinem Leben, es ist auch eine Geschichte über vergeudetes Talent, Größenwahn und viel verletzter Stolz. Es ist die Geschichte des Ricardo Andrade Quaresma Bernardo, geboren 1983 in Lissabon, groß geworden in einer Roma-Familie, die lange Zeit in ärmlichen Verhältnissen lebte. Es ist die Geschichte über einen portugiesischen Fußballer – und keine Geschichte über einen portugiesischen Fußballer kommt ohne Cristiano Ronaldo aus.

Als der nämlich im zarten Alten von 17 Jahren seine ersten beide Tore für Sporting Lissabon erzielte, im Oktober 2002, in einem Punktspiel gegen einen Klubs namens Moreirense FC, hat ihn Ricardo Quaresma abgeklatscht. Die beiden Teenager spielten da schon zusammen in der Profimannschaft von Sporting, beide entdeckt von Spähern, der eine auf der Blumeninsel Madeira, der andere im schmuddeligen Hafenviertel Alcantara. Beide galten als große Versprechen auf eine goldene Zukunft, und vielleicht war tatsächlich Quaresma, dessen älterer Bruder Alfredo ihn zum Fußball geschleppt hat, derjenige mit dem größeren Talent. 2002, in seiner ersten Saison, trug übrigens Quaresma die inzwischen in Portugal legendäre Sieben auf dem Trikot, Ronaldo die elf, und Quaresma wurde mit einem Spitznamen geadelt: „Mustang“. Weil er so flink und wild unterwegs war. Er galt seinerzeit als der legitime Nachfolger des großen Luis Figo. Die Wege der beiden freilich trennten sich alsbald, Cristiano Ronaldo ging zu Manchester United, um seine Weltkarriere zu starten, Quaresma zum FC Barcelona, wo er zum ersten und nicht zum letzten Mal in seiner Karriere grandios scheiterten sollte.

Denn schnell geriet er mit Trainer Frank Rijkaard aneinander. Quaresma, der Freigeist am Ball, der den Rabona pflegt, jenen spektakulären Pass hinter dem Standbein, sich aber an taktische Grundmuster nicht hält. Er habe es nicht ertragen können, auf der Ersatzbank zu sitzen, sagte er einmal, und forderte frech die Entlassung von Rijkaard, sollte er nicht bald spielen. Erstaunlicherweise blieb Rijkaard, und Quaresma ging nach einem Jahr und 22 Spielen. Er kehrte nach Portugal zurück, zum FC Porto. Dort, in gewohnter Umgebung, blühte er auf, er dribbelte nach Belieben, verfeinerte seine außergewöhnlichen Außenristschusstechnik, die sogenannte Trivela, er traf und bereitete Tore in rauen Mengen vor. Im Grunde war die Zeit in Porto seine sportlich erfolgreichste. Hier spürte er das Vertrauen, fühlte sich wertgeschätzt, verstanden, hier wusste man den ewigen Hallodri zu nehmen, auch wenn er für viele immer ein „puto lelito“, ein verdammter Zigeuner, bleiben sollte, wie unlängst der Sportinformationsdienst notierte. Quaresma ist ein sensibler Draufgänger, ein Pendler zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt, ein rauer Bursche mit einem weichen Kern, in Barcelona fragte er sich zuweilen, tief frustriert, ob er überhaupt noch gut genug sei, um Fußball zu spielen.

Nach vier Jahren in Porto, wo er Nationalspieler, Meister und Pokalsieger wurde und in der Champions Leage spielte, ließ er sich für 18 Millionen zu Inter Mailand transferieren. Wieder ging es schief. Von Radiohörern bekam er die „Bidone d´oro“ verliehen, die goldene Mülltonne, für den schlechtesten Spieler der Serie A. Nachts wachte er weinend auf, erzählte er einmal, „wenn ich träumte, dass ich zum Training gehen muss“. Inter schob ihn bald zum FC Chelsea ab, vier Einsätze stehen in London zu Buche, nicht viel für einen, der sich zu Höherem berufen fühlt. Dann ging es in die Türkei, zu Besiktas. Da warf Quaresma, der einen Hang zum Jähzorn nicht unterdrücken kann, eine Wasserflasche nach dem Trainer Carlos Carvalhal. „Du bist ein Nichts“, so soll er angeblich in der Halbzeitpause den Coach angeraunzt haben, weil der ihn aus der Partie nehmen wollte.

Und weiter geht die wilde Odyssee. Nach einem halben Jahr Arbeitslosigkeit floh Ricardo Quaresma in die Wüste und unterschrieb in Dubai bei Al Ahli einen Kontrakt, der ihm angeblich sechs Millionen Euro einbringen sollte. Da ist der Mann mit der Vorliebe für teuren Schmuck an Ohr, Hals und Fingern gerade 29 Jahre alt und seine Karriere in einer ziemlichen Sackgasse.

Dies ist aber auch eine Geschichte des Comebacks, des Willens, wieder aufzustehen. Nach einem halben Jahr am Golf zieht es den einstigen Mustang, der nie gezähmt werden konnte, zurück nach Porto. Es ist Januar 2014, es läuft nicht richtig rund beim portugiesischen Spitzenklub am Douro. Aus der Champions League ist man ausgeschieden, in der Liga hinkt man hinterher und in der Europa League droht Ende Februar das Aus gegen Eintracht Frankfurt. Im Hinspiel beim 2:2 erzielt Quaresma einen Treffer, und im Rückspiel hilft er mit, in letzter Minute ein 3:3 zu erkämpfen. Der verlorene Sohn ist zurück, und dort in Porto findet er langsam wieder in die Spur zurück. Ein Jahre später bringt er mit dem FC Porto die großen Bayern im Viertelfinale der Champions League im Hinspiel mit zwei Toren beim 3:1 in arge Verlegenheit. Dessen ungeachtet wechselte er im Sommer 2015 erneut zu Besiktas. Er sagt: „Dort fühle ich mich wie ein König.“

In Frankreich, bei dieser EM, scheint Ricardo Quaresma, der sich jüngst zwei Tränen unters Auge tätowieren ließ, auf das rein Sportliche zu besinnen. Er war in allen vier Spielen Portugals dabei, dreimal kam er nach der Pause ins Team, dreimal brachte er mit seinen Tempodribblings frischen Wind in die Seleccao. Er war es, der seinem Kumpel Ronaldo zum 3:3 gegen Ungarn auflegte und er veredelte per Kopf den einzigen sinnvollen Spielzug gegen Kroatien in der Schlussphase zum Sieg. Womöglich ist der mittlerweile 32-Jährige und dreifache Vater ruhiger geworden, vielleicht auch reifer, vielleicht aber nur ein bisschen älter. Ein Ausraster des charismatischen Stürmers will keiner ernsthaft ausschließen, auch nicht Nationaltrainer Fernando Santos, der immer so aussieht wie sieben Tage Regenwetter und der ihn zurück ins Team geholt hat.

In Frankreich sind Ronaldo und Quaresma, die einst auszogen, die Welt zu umdribbeln, fast unzertrennlich. Nach der Vorarbeit zum 3:3 gegen Ungarn bedankte sich Cristiano Ronaldo via Instagram bei „meinem verdammten Zigeuner.“ Nur Ronaldo, der beste Freund, darf so mit Ricardo Quaresma reden.

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