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Nationalmannschaft Reus verpasst die EM

Reus, Rudy, Brandt und Bellarabi fahren nicht mit zur Europameisterschaft nach Frankreich. Vor allem für Reus ein harter Schlag. Der Dortmunder hatte bereits bei der WM 2014 verletzungsbedingt gefehlt.

31.05.2016 11:29
Von Jan Christian Müller
Marco Reus wird nicht an der Endrunde in Frankreich teilnehmen. Foto: dpa

Bundestrainer Joachim Löw hat überraschend den angeschlagenen Dortmunder Marco Reus aus dem EM-Kader gestrichen. Zudem wurden aus dem vorläufigen Aufgebot Sebastian Rudy von 1899 Hoffenheim sowie die Leverkusener Julian Brandt und Karim Bellarabi nicht für das Turnier in Frankreich nominiert.

Die Fußball-Weltmeister Bastian Schweinsteiger und Mats Hummels gehören hingegen zum 23 Spieler umfassenden Kader, teilte Löw am Dienstag im Trainingslager in Ascona mit. Der lange verletzte Schweinsteiger sei wieder voll belastbar. Bei Hummels müsse man noch abwarten, so der Bundestrainer. Auch die Jungstars Joshua Kimmich, Julian Weigl und Leroy Sané fahren zur EM.

«Er kann im Moment nur gerade auslaufen. Für uns und für ihn eine bittere Entscheidung gewesen, er wäre eine Bereicherung gewesen», sagte Löw über Reus, der schon die WM 2014 wegen einer Verletzung kurzfristig verpasst hatte.

Bis zum Freitag wird Löw seine EM-Fahrer noch in der Schweiz vorbereiten. Dann geht es weiter zur Turnier-Generalprobe am Samstag in Gelsenkirchen gegen Ungarn. Nach zwei freien Tagen wird der Weltmeister am kommenden Dienstag sein EM-Stammquartier in Évian-les-Bains am französischen Ufer des Genfer Sees beziehen.

Am 12. Juni in Lille startet Deutschland gegen die Ukraine in das Turnier. Weitere Gruppengegner sind am 16. Juni in Saint-Denis Polen und Nordirland am 21. Juni im Pariser Prinzenpark.

Aussortiert und aus dem Blickfeld

All diejenigen, die Joachim Löw aussortierte, haben danach keine tiefen Spuren im DFB-Team mehr hinterlassen. Ein Überblick:

Marko Marin hatte im Trainingslager im sonnigen Mallorca alle schwindelig gespielt. Der kleine Wirbelwind, der schon als Knirps beim Frankfurter Stadtteilverein SG Höchst den Gegner Knoten in die Beine dribbelte, war im Sommer 2008 gerade mal 19 Jahre alt. Die Medien überboten sich gegenseitig mit Lobesbekundungen  für den kleinen Kerl von Borussia Mönchengladbach, auch Bundestrainer Joachim Löw sparte nicht mit Anerkennung – und sortierte den schwer enttäuschten Marin kurz vor der EM aus.

Seit Löw Bundestrainer ist, hat er vor großen Turnieren stets einen größeren Kader zusammengerufen, als er später mitnehmen durfte. Einerseits, weil er so den Konkurrenzkampf schüren wollte, andererseits, weil er bei Verletzungen so kurzfristig reagieren konnte, ohne Spieler aus dem Urlaub zurückholen zu müssen, und drittens, weil er junge Spieler so an die Nationalmannschaft heranführen wollte. Man muss sagen: Letzteres ist eher nicht gelungen. Von denen, die seit 2008 vorzeitig abreisen mussten, hat es keiner geschafft, später tiefere Spuren zu hinterlassen.

2008 nominiert Löw 26 Spieler, die mit zum EM-Casting ins Hotel Son Vida, herrlich an einem Golfplatz  in der Nähe von Palma de Mallorca  gelegen, kommen dürfen. Zwischendurch düst der Kader zum Testspiel gegen Weißrussland nach Kaiserslautern. Einen Tag nach einem mauen 2:2 trifft Löw seine Entscheidung.

Die Spieler mit den Rückennummern 24, 25 und 26 müssen nach Hause: Marin, der Schalker Jermaine Jones (der später US-Nationalspieler wird) und der Kölner Patrick Helmes. Aufatmen bei den weiteren Wackelkandidaten David Odonkor, Piotr Trochowski, Tim Borowski und Oliver Neuville, die bei der folgenden Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich indes kaum eine Rolle spielen. Der kleine Marin spielt bis zur WM 2010 immerhin noch 18 Mal für Deutschland, ehe seine internationale Karriere knickt.

2010 im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Südafrika nominiert Löw 27 Spieler, die Bayern müssen noch im Champions Finale ran und verlieren 0:2 gegen Inter Mailand. Zuvor wird Michael Ballack im englischen FA-Cup-Finale von Kevin-Prince Boateng aufs Krankenlager getreten, Löw nimmt den Ausfall des Kapitäns im Regenerations-Trainingslager in Sardinien geschäftsmäßig zur Kenntnis.

Im zweiten Vorbereitungscamp in Südtirol verletzt sich der Stuttgarter Christian Träsch bei einem Privatspiel gegen den FC Tirol  in einem eigentlich harmlosen Zweikampf an der Außenlinie schwer am Knöchel. Im letzten Test vor der WM in Budapest beim 3:0 gegen Ungarn erwischt es Heiko Westermann in letzter Minute, ebenfalls bei einem Allerweltszweikampf: Kahnbeinbruch im linken Fuß. Nun muss Löw nur noch einen gesunden Spieler aussortieren: Es erwischt den tief enttäuschten Hoffenheimer Andreas Beck, der danach nur noch zwei Länderspiele absolviert.

2012 vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine macht es Löw wie 2010, er nominiert 27 Spieler, darunter sogar vier Torhüter. Die Bayern verlieren das „Finale dahoam“ im Elfmeterschießen gegen den FC Chelsea, aber es gibt bis zur Uefa-Deadline keine Verletzten. Im Trainingslager in Südfrankreich sind die enttäuschten Bayern gerade angekommen, als der Bundestrainer Entscheidungen treffen muss.

Torwart Marc-André ter Stegen hat sich beim 3:5 im Test in Basel gegen die Schweiz derart  viele Klopse geleistet, dass er seinen Platz an Ron-Robert Zieler verliert, der hinter Manuel Neuer und Tim Wiese als dritter Torwart mit nach Danzig fliegen darf. Ebenfalls eine unangenehme Nachricht von Löw erhalten Cacau, Julian Draxler und Sven Bender. Für den Deutsch-Brasilianer Cacau ist das nach 23 Länderspielen das Ende im Adlertrikot.

2014 beruft Löw zunächst 30 Spieler in seinen vorläufigen Kader. Unmittelbar nach Bundesliga-Saisonende findet schon ein Testspiel in Hamburg gegen Polen statt. Es endet 0:0, die Zuschauer sind enttäuscht, das volle Debütanten-Dutzend  in der jüngsten DFB-Startelf der Verbandsgeschichte platzt fast vor Stolz, unter anderem der eine Woche danach von Eintracht Frankfurt zum VfL Wolfsburg wechselnde Sebastian Jung. Christoph Kramer spielt derart überzeugend, dass Löw den ursprünglich nicht einmal zum vorläufigen Kader gehörenden Mittelfeldspieler nachnominiert.

27 Spieler dürfen mit ins Trainingslager ins Passeiertal nach Südtirol, André Hahn, Leon Goretzka und Max Meyer werden bereits zuvor aussortiert, Lars Bender muss verletzt abreisen, zudem streich Löw den angeschlagenen Marcel Schmelzer sowie Kevin Volland und Shkodran Mustafi. Ironie des Schicksals: Nachdem sich Marco Reus im abschließenden Test in Mainz gegen Armenien (6:1) schwer am Knöchel verletzt, nominiert Löw nicht etwa einen Offensivmann nach, sondern den Abwehrmann Mustafi, der die Botschaft in der Autowerkstatt in seiner nordhessischen Heimat erhält, eilig die Sachen packt und dann bei der WM sogar dreimal zum Einsatz kommt, ehe ein Muskelbündelriss ihn im Achtelfinale gegen Algerien stoppt.

Es gibt ernst zu nehmende Leute, die sagen: Zum Glück, sonst wäre Deutschland nicht Weltmeister geworden. (mit dpa)

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