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Nationalmannschaft Löw lässt Ballack abblitzen

Joachim Löw reagiert frostig auf die Kritik von Ex-Kapitän Michael Ballack, der deutschen Mannschaft fehle es an Führungsspielern.

19.06.2016 12:00
Jan Christian Müller
Bundestrainer Löw: „Wir haben großartige Führungsspieler.“ Foto: dpa

Am Wochenende hat der Mannschaftskoch des Deutschen Fußball-Bundes im Pressezentrum zu Évian-les-Bains Rezepte von Speisen präsentiert, die sonst nur exklusiv der eigenen Fußballmannschaft bereitet werden. Die grünen Gemüse-Smoothies und den im Fett angeschwitzten Lachs auf  Reis gab es dann zum Probieren für alle. Holger Stromberg hat allerdings die geheime Rezeptur für den Clown, den er Joachim Löw zum Frühstück hat schlucken lassen, nicht verraten. Wahrscheinlich wäre es andernfalls zu faschingsartige Feierlichkeiten im Arbeitsbereich gekommen, was die Heimatredaktionen keinesfalls goutiert hätten.

Seinen Spielern hatte der Bundestrainer am Samstag frei gegeben zum „Seele baumeln lassen“, sie durften im Hotel Billard spielen, auf den angrenzenden Plätzen Tennis, nebenan Golf oder sich runter in den Ort an den See chauffieren lassen. Dort gibt es gleich am Anfang links in der Fußgängerzone einen Burger-Laden, wo allerdings niemand im DFB-Kostüm gesichtet wurde. Ein Menü für exakt zehn Euro mit Pommes rot-weiß hätten die jungen Männer ohnehin nur heimlich verdrücken dürfen. „Burger und Pizza“, referierte Koch Stromberg mit erhobenem Zeigefinger, „gibt es nicht, weil das im Kopf nicht passt zum Wettkampfmodus. Es sei denn, man hätte schon was erreicht. Dann kann der Trainer sagen: Feuer frei.“

Soweit ist es bei dieser Europameisterschaft noch längst nicht, auch wenn sich Joachim Löw in der Früh als ausgesprochener Gute-Laune-Onkel präsentierte, was fast alle Themen um Offensivgeist und entsprechendes Personal anging.  Fast hätte man denken können, Deutschland habe die Polen am Donnerstag, sagen wir: fünfnull geputzt, so fröhlich gab sich Löw. Das war natürlich pure Taktik, die der Anführer der Bande nach dem nullnull für dringend angeraten erachtete, um das aufgeregte Land und die Überbringer der schlechten Nachrichten zu beruhigen. Denn Löw war natürlich bei der Lektüre des Pressespiegels bekannt geworden, dass das torlose Spiel eine gewisse Hysterie in einigen Medien bewirkt hatte, inklusive einer von Ex-Spielertrainer Michael Ballack initiierten Führungsspielerdebatte. Der einstige Capitano hatte als Experte des US-Senders ESPN kritisiert: „Der Mannschaft fehlt ein bisschen Persönlichkeit und Charakter.“

Nun ist es kein Geheimnis, dass das Verhältnis Ballack-Löw sich im Laufe der Zeit auf eine Temperatur abgesenkt hat, die selbst einen Eisbär noch vor Kälte zittern lassen würde. Entsprechend kühl hat sich der ansonsten so humorige Bundestrainer des Themas angenommen: „2014 gab es die Diskussion, wir hätten keine Führungsspieler. Dann sind wir Weltmeister geworden und hatten plötzlich viele große Führungsspieler, jetzt spielen wir einmal 0:0 und haben diese Diskussion wieder. Das zaubert mir ein Lächeln ins Gesicht“, sagte er,  lächelte abgrundtief eiskalt und fügte an: „Wäre ich ein Außenstehender, würde ich ganz ruhig sein.“

„Wenn da irgendjemand was sagt...“

Jeder konnte sehen: Löw stellt sich mit der ganzen Breite seines im Kraftraum sichtbar gestählten Körpers vor seine Spieler: „Wir haben großartige Führungsspieler. Sie denken mit, sie kommen zu mir und fragen mich Löcher in den Bauch, sie sind selbstkritisch.“ Und, ach herrje, wenn da „irgendjemand jetzt was sagt…“. Ballack ein Irgendjemand. Böser, kälter, scharfzüngiger könnte die Replik nicht ausfallen. Bei Teamchef Rudi Völler hießen die Größen von einst bis zum Jahr 2004 zumindest noch „Gurus“, mitunter sogar „Ober-Gurus“. Beim Weltmeistertrainer sind Ober-Gurus zu Zwergen geschrumpft.

Vor acht Jahren, bei der EM in der Schweiz und Österreich, hatte es im zweiten Gruppenspiel im Klagenfurter Wörtherseestadion ein 1:2 gegen Kroatien gegeben. Mit Michael Ballack im Mittelfeld, der dort bald spürte, dass es schlecht lief und dies in unschwer zu interpretierender Gestik lauthals den Mitspielern kundtat. Genützt hat das Gewese damals rein gar nichts. Im Gegenteil: Tags darauf gab es eine historische Teamsitzung ohne Trainer, in der Ballack heftig kritisiert worden sein soll. Der Anfang vom Ende für den Kapitän und der Beginn der flachen Hierarchie, die auf einem breiten Konsens beruht und nicht auf einem dominanten Anführer. Ballack war es dann allerdings ein paar Tage später, der im entscheidenden Gruppenspiel gegen Österreich grimmig einen Freistoß aus großer Ferne zum Sieg ins Tor hieb wie eine Axt in Weichholz und entsprechend umjubelt wurde.

Derart rustikal darf Deutschland natürlich auch anno 2016 Tore schießen, der Bundestrainer hätte nichts dagegen. Grundsätzlich bleibt er jedoch dabei, „Investition in Laufwege“ zu verlangen und „die Geschwindigkeit vorn“ zu erhöhen. Er hat Gespräche geführt und ist sicher, dass es sich bei hier und da als krankhaft diagnostizierter Torabstinenz „nicht um ein Grundsatzproblem handelt“.  Dafür gäbe es auch keinen medizinischen Beleg: „Die Mannschaft macht körperlich einen absolut guten Eindruck.“ Sie trinkt ja auch begierig grüne Smoothies oder noch im Kabinengang einen breiigen Bananen-Haferflocken-Milkshake, geht brav pünktlich zu Bett und hat am Sonntag bereits wieder fleißig heimlich trainiert. Clown Jogi ließ breit grinsend wissen, mit welchem Schwerpunkt: „Genau wie hier in der Pressekonferenz: die Offensive.“

 

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