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Nationalmannschaft Jogis Werkzeugkasten

Der Bundestrainer deutet nach dem Testspielsieg im Traktorentempo gegen Ungarn umfangreiche Rochaden an.

05.06.2016 17:00
Jan Christian Müller
Viel beachtetes Comeback: DFB-Kapitän Bastian Schweinsteiger (re.) gegen den Ungarn Laszlo Kleinheisler. Foto: dpa

Die größten Probleme hatten ausgesuchte deutschen Nationalspieler am Samstagabend nicht mit einem harmlosen Gegner auf dem Fußballplatz zwischen den Tribünen der Schalker Arena zu lösen, sondern danach hinter dem Stadion. Der bei weitem nicht nur in Hochgeschwindigkeit, sondern oft auch im gemäßigten Zuckeltrab errungene 2:0-Sieg gegen Ungarn war routiniert eingetütet, die Olé-Olé-Olé-Klatschparade absolviert, ein paar hundert Bälle zum Dank für die Unterstützung ins Publikum gebolzt worden, als Julian Draxler, Joshua Kimmich und Antonio Rüdiger frisch geduscht den Heimweg antreten wollten.

Alle anderen hatten sich schon irgendwie durch Hinterausgänge verdrückt und waren zum Teil in die bereitstehenden Helikopter bugsiert worden, um für zwei Tage der Ruhe im trauten Familienkreis flink nach Hause zu kommen, nur das Trio stand noch unten an der Rolltreppe vom Kabinentrakt hoch zum VIP-Bereich und konnte sich leicht ausmalen, was es im Freien erwarten würde: Dort standen ein paar Hundert Fans, und zwar sehr erwartungsfrohe und sehr junge Fans. Fans, die am liebsten einer nach dem anderen ein gemeinsames Handyfoto mit ihren Stars gemacht hätten. Die Sicherheitsfrau mit dem Walkie-Talkie mochte den unversehrten Durchgang nicht gewährleisten, aber dann eilte irgendwann ein erfahrener Bodyguard mit entsprechend ausgeprägter Oberkörpermuskulatur zur Hilfe und bahnte routiniert einen Weg durch die brav zurückweichenden Massen. So kam es, dass Draxler, Rüdiger, Kimmich mitsamt Freunden und Familienmitgliedern ihr Parkhaus P 1 noch weit vor Sonnenuntergang erreichten, ebenso wie Leroy Sané, der seinen Wuschelkopf unter einer Kapuze versteckt hatte, aber natürlich dennoch erkannt wurde.

Die Einwechslung des 20-jährigen Heimschläfers, dessen Bude nicht weit von der Arena entfernt liegt, war in der 68. Minute zwar ebenso lautstark bejubelt worden wie die des nur wenige Sekunden zuvor auf den Platz gekommenen Bastian Schweinsteiger, sie ging dann aber doch ein wenig unter. Wenig verwunderlich, dass das mediale Echo beim Kapitän längeren Nachhall fand. Der 31-Jährige, zuletzt am 2. Januar mit Manchester United gegen Swansea City über die volle Distanz im Einsatz, machte ein paar leichte Dinge gut und ein paar etwas schwierigere Sachen schlecht. Drei Fehlpässe schob Schweinsteiger in den letzten 22 Minuten auf sein Konto. Dann, wenn es schnell gehen musste, offenbarten sich Probleme. Das wundert nicht nach derart langer Leidenszeit. Aber natürlich wurde Schweinsteiger allenthalben gelobt von allen Mitspielern für seine Führungsqualitäten. Man hilft sich halt, wo man kann.

Der Bundestrainer hatte zur Pause, als Sami Khedira, der zuvor meist im Traktorentempo unterwegs war, wegen einer Fußprellung ausgewechselt werden musste, schon überlegt, seinen etatmäßigen Kapitän zu bringen. Aber ein Einsatz über 45 Minuten erschien Joachim Löw denn doch zu gewagt. Also probierte er lieber Mario Gomez in der Spitze und ließ Mario Götze und Mesut Özil jeweils eine Position zurückrücken. Den einen aus dem Sturmzentrum auf die Zehn, den anderen von der Zehn ins defensive Mittelfeld.

Auch diese Variante ist für die bevorstehende EM in Frankreich, wohin der deutsche Tross am Dienstagmittag vom Frankfurter Flughafen aus aufbricht, eine durchaus denkbare. Mit Toni Kroos und Mesut Özil als Doppelsechs hätte Deutschland das spielstärkste defensive Mittelfeld seit Verbandsgründung vor 116 Jahren, aber vermutlich auch das zweikampfschwächste. Die hohe spielerische Qualität von Kroos und Özil bekamen die Ungarn in der 39. Minute unangenehm zu spüren, als das DFB-Team 1:0 in Führung ging: Flachpass Jérôme Boateng auf Kroos, direkte Weiterleitung auf Özil, Pass in die Tiefe auf Draxler, kurzer Sprint, Durchstecken auf Jonas Hector, flache Hereingabe auf den zum kurzen Pfosten startenden Götze, Eigentor. Ein Treffer aus Jogis Werkzeugkasten. Das zweite Tor nach der Pause dann mit anderem, groberem Gerät: Bananenflanke aus dem Halbfeld von Boateng, gewonnener Kopfball von Gomez im Strafraum, Abstauber Thomas Müller. Auch das soll zum DFB-Repertoire gehören.

Überhaupt hat sich der Bundestrainer fest vorgenommen, variabel im Kopf zu bleiben und so auch variabel in Personal und Taktik: „Das Turnier wird schwer und kräftezehrend, es werden Abnutzungskämpfe. Wir brauchen dafür Spieler, die spritzig sind und läuferisch und kämpferisch dagegenhalten können.“ Löw will deshalb „unterschiedlichen Spielern“ Einsatzzeiten geben.

In der Innenverteidigung hat er sich zunächst auf Antonio Rüdiger als Hummels-Vertreter festgelegt, wiewohl der mitunter zu ungestüm agierende Wahl-Römer im Trainingslager zweimal zu spät zum Training erschien. Löw hat ihm verziehen. Rechts verteidigte gegen Ungarn Benedikt Höwedes. Der Bundestrainer wollte dem Schalker im eigenen Stadion vor allem Spielpraxis verschaffen, Höwedes hatte nahezu die gesamte Rückrunde wegen eines Muskelfaserrisses verpasst. Am 12. Juni in Lille gegen die Ukraine hat Kimmich beste Aussichten auf einen Startelfeinsatz in der rechten Verteidigung. Den 21-Jährigen will Löw zu einer möglichst originalgetreuen Kopie von Philipp Lahm entwickeln. „Jo kann nach vorn gute Dinge machen, das hat man im Training gesehen.“ Auf Schalke war Kimmichs bestes Ding der Abgang. Er gab noch fix drei Autogramme an darob hochgradig in Erregung versetzte Halbwüchsige.

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